Facebook
|
Twitter
|
RSS
|
eMags Kontakt
|
Mediadaten
|
Impressum
Gesellschaft
 

Editorial 06/2020

3

Abgefuckt

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Drogen, Müll, Verwahrlosung: Die Situation im Bahnhofsviertel respektive in der gesamten Stadt sei beschämend, sagt Chefredakteurin Ronja Merkel. Der zunehmende Verfall sei jedoch wenig überraschend, denn weder Politik noch Justiz scheinen ihren Aufgaben nachkommen zu wollen.
Eine Million Euro wird die Stadt Frankfurt in diesem Jahr voraussichtlich allein für die Reinigung des Bahnhofsviertels ausgeben müssen. 400 000 Euro mehr als in einem Corona-freien Jahr. Nun kann man sich ein wenig wundern, was genau diese Unsummen verschlingt. Nicht etwa, weil solche Kosten übertrieben erscheinen, sondern, weil Frankfurt so versifft ist, wie gefühlt schon seit Jahren nicht mehr. Und das will etwas heißen, ist unsere Stadt doch für vieles bekannt, aber sicherlich nicht für ihre Sauberkeit. Wenn ich am Fenster meines Büros stehe, blicke ich direkt auf die Rückseite des Alten Polizeipräsidiums. Welch eine Schande, dass dieses einst so schöne Gebäude nun derart vergammelt. Und welch eine Schande, dass es innerhalb eines halben Jahres nicht möglich war, den Dreck, der nach einem Brand am Gebäude entstanden ist, wegzuräumen. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit ärgere ich mich angesichts der zwei rußgeschwärzten Einkaufswagen, die gut sichtbar unter einem Vordach des Präsidiums an der Ecke Ludwigstraße/Mainzer Landstraße
vor sich hin modern.

Noch mehr ärgere mich, wenn ich, meist zu später Stunde, den Rückweg durchs Bahnhofsgebiet antrete und mich dabei regelmäßig am Saar-Karree oder am Platz der Republik durch Dealergruppen boxen muss. Angetrunkene Kerle, die zu zwanzigst, dreißigst auf den Straßen stehen, aggressiv und übergriffig werden – gibt es etwas Schöneres? Die Situation im Bahnhofsgebiet respektive in der gesamten Stadt ist beschämend, aber wenig überraschend. Wäre ich Dealer, würde ich mich durch das abgefuckte Stadtbild und das weichgespülte Betäubungsmittelgesetz auch ermutigt fühlen, mein Zeug an jeder beliebigen Ecke zu verticken. Und wäre ich Polizistin, hätte ich schon lange keine Lust mehr, in diesem versifften Viertel meinen Dienst zu verrichten, während weder Politik noch Justiz es für nötig zu halten scheinen, ihren Aufgaben nachzukommen. Glücklicherweise bin ich weder das eine noch das andere. Unglücklicherweise schlägt mir der schleichende Verfall dieses eigentlich so wunderbaren Quartiers zunehmend aufs Gemüt.

Ich hätte da eine Idee: Wie wäre es, wenn wir alle – Anwohnende, Gastronomien, in der Nachbarschaft Arbeitende – den ganzen Dreck des Bahnhofsgebiets einsammeln und vor dem Römer abladen? Wir finden unterwegs sicherlich auch noch das ein oder andere Päckchen
Crack, das wir dazu werfen können. Ich steuere auch zwei Einkaufswagen für den Transport bei. Und dann schauen wir mal, wie lange es dauert, bis sich die Verantwortlichen zu einem Fototermin im Viertel treffen.
 
26. Mai 2020, 11.10 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
Empfehlen
 
Fotogalerie:
{#TEMPLATE_news_einzel_GALERIE_WHILE#}
 

Leser-Kommentare

Kommentieren
 
Oliver Hasenpflug am 31.5.2020, 00:32 Uhr:
mein beitrag ist gelöscht worden! warum? weil ich die qualifikation zu drogenpolitischen themen von frau merkel kritisiert, oder deren reaktionär-kapitalistische gesinnung kritisiert habe?
 
Andreas Laeuen am 26.5.2020, 19:27 Uhr:
Warum Müll vor dem Römer abladen? Der Müll wird im Bahnhofsviertel produziert. Den größten Anteil am Müll haben Verpackungen von Fastfood. Wer schmeißt das weg? Die Leute, die sich im Bahnhofsviertel aufhalten. Müllsammelaktionen gab es viele, war selbst dabei. Aber den Dreck all derer wegzuräumen die zu faul sind, 2 Meter zum Papierkorb zu gehen, ist nicht mein Traumjob. Eine Steuer auf Einwegverpackungen würde direkt an den Verursachern wirken.

Es gab Zeiten, da war die Sauberkeit der Stadt tatsächlich bedeutend besser und direkt im Büro der Oberbürgermeisterin verankert. Der heutige Oberbürgermeister lässt es laufen und grinst das Problem weg.
 
Ata Macias am 26.5.2020, 14:48 Uhr:
Der erste... Liebes Frankfurt am Main, das Bahnhofsviertel ist zu einer Katastrophe mutiert. Das ist der Spaziergang in der Bronx in den 70er ein schöner Tag im Park. So geht das nicht gut. X ata
 
 
Mehr Nachrichten aus dem Ressort Gesellschaft
 
 
Am Donnerstag äußerte sich Hessens Innenminister Peter Beuth zu dem Drohschreiben an die Linken-Politikerin Janine Wissler und übte scharfe Kritik am Landeskriminalamt. Wie er erklärte, schließe er ein rechtes Netzwerk nicht aus. – Weiterlesen >>
Text: ez / Foto: Bernd Kammerer
 
 
Tatverdächtiger vermutlich nicht schuldfähig
0
Verhandlung im Falle des getöteten Achtjährigen beginnt
Ein Jahr nach der Tötung eines achtjährigen Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof beginnt vor dem Landgericht der Prozess gegen den Tatverdächtigen. Der 41-Jährige soll das Kind und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen und im Anschluss eine weitere Frau verletzt haben. – Weiterlesen >>
Text: Ronja Merkel / Foto: Bernd Kammerer
 
 
Gericht spricht Alexander Falk schuldig
0
Vier Jahre und sechs Monate
Nach 22 Monaten Untersuchungshaft und knapp einem Jahr Prozess wurde am Donnerstag das Urteil gegen den Stadtplan-Erben Alexander Falk gesprochen. – Weiterlesen >>
Text: Elena Zompi / Foto: picture alliance/dpa | Arne Dedert
 
 
 
Schwanheim: sexuell motivierte Angriffe auf Frauen
0
Kriminalpolizei fahndet nach Tatverdächtigem
Zwischen Ende Mai und Ende Juni kam es zwischen Schwanheim und Goldstein zu vier „überfallartigen und sexuell motivierten Angriffen“ auf junge Frauen. Die Kriminalpolizei sucht nun mithilfe eines Phantombilds nach dem Tatverdächtigen. – Weiterlesen >>
Text: jwe / Foto: © Kriminalpolizei Frankfurt
 
 
Präsidentschaftswahl Goethe-Universität
0
Entscheidung mit Hindernissen
Enrico Schleiff ist der neue Präsident der Goethe-Universität. Am Mittwoch wurde er im dritten Wahlgang mit 18 Stimmen gewählt. Der Wahl waren wochenlange Proteste vorangegangen; zahlreiche Stimmen nannten das Vorgehen des Hochschulrats bei der Nominierung undemokratisch. – Weiterlesen >>
Text: Johanna Wendel / Foto: Uwe Dettmar/ © Goethe-Universität
 
 
<<
<
1  2  3  4  ...  1548