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Stolpersteine: Gedenken an verfolgte Homosexuelle
 

Stolpersteine: Gedenken an verfolgte Homosexuelle

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Steine gegen das Vergessen

Foto: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main/Martin Dill
Foto: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main/Martin Dill
Ende Juni werden 98 Stolpersteine verlegt, neun davon im Gedenken an Menschen, die wegen ihrer Homosexualität von den Nazis verfolgt wurden. Im Gespräch erklärt Martin Dill die Arbeit der „Initiative Stolpersteine“ – und warum noch immer wenig über die Verfolgung von Homosexuellen gesprochen wird.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Dill, in Frankfurt erinnern bisher drei von 1400 Stolpersteinen an die Verfolgung von Homosexuellen während der NS-Zeit. Ende Juni sollen neun neue Steine verlegt werden. Das ist immer noch eine sehr geringe Anzahl. Wie viel ist heute tatsächlich bekannt über die Schicksale von Frankfurterinnen und Frankfurtern, die wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden?

Martin Dill: Wir wissen immer noch relativ wenig über die persönlichen Schicksale von Frankfurter Männern, die während der NS-Zeit wegen ihrer Homosexualität verfolgt, eingesperrt, gedemütigt, gequält und in vielen Fällen auch ermordet wurden. In den 80er- und 90er-Jahren erschienen verschiedene Veröffentlichungen zur Verfolgungsgeschichte von Schwulen in Frankfurt, sie enthalten aber nur wenig biographische Informationen zu Einzelschicksalen.

Nur sehr wenige Betroffene haben nach Kriegsende über ihre Situation gesprochen. Schließlich war der von den Nazis massiv verschärfte §175 in der Bundesrepublik unverändert bis 1969 in Kraft. In den 50er-Jahren gab es auch in Frankfurt wieder massive Verhaftungs- und Prozesswellen. Eine teilweise Rehabilitierung der Verurteilten erfolgte erst 2002, eine Aufhebung der Urteile, verbunden mit einer kleinen Entschädigung, erst 2017.

Sie sagen, wir wissen nur wenig über die Schicksale von homosexuellen Männern. Wurden lesbische Frauen denn nicht verfolgt?

Der §175 richtete sich ausschließlich und ausdrücklich nur gegen Männer. Nach heutigem Forschungsstand gab es keine in Form und Umfang vergleichbare Verfolgung von Lesben. Dennoch sind auch einzelne Fälle bekannt, bei denen lesbische Frauen, zum Beispiel unter der Kategorie „asozial“, verfolgt wurden und auch in Lager kamen.

Warum, glauben Sie, wird heute noch so wenig über die Verfolgung von Homosexuellen gesprochen?

Schwer zu sagen. Als das bis dahin weitgehend totgeschwiegene Thema in den 70er-, 80er-Jahren erstmals in die Öffentlichkeit kam, wurde dies von einer neu entstandenen, stark politisierten Schwulenbewegung befördert, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Die geringe Zahl der noch lebenden Zeitzeugen und ihr verständliches, jahrzehntelanges Schweigen über ihre Erfahrungen mögen auch eine Rolle spielen.

Wie war die Situation für Homosexuelle in Frankfurt vor der Machtergreifung der Nazis? Gab es eine ähnlich bunte Szene wie beispielsweise in Köln oder Hamburg?

In der Weimarer Republik gab es zwar den §175 in der abgeschwächten Form aus dem Kaiserreich. Die Verfolgung wurde aber relativ zurückhaltend gehandhabt. Es gab politische Organisation, zum Beispiel den Bund für Menschenrechte, und verschiedene Zeitschriften, die sich für die Gleichstellung von Homosexuellen engagierten. Und es gab natürlich auch eine Vielzahl von Gaststätten, Bars und Cafés, die offen als Treffpunkte für Schwule und Lesben fungierten. Erst unter den Nazis Mitte der 30er-Jahre nahm die Verfolgung in Frankfurt massiv zu und hatte ihren Höhepunkt in einer zentral von Berlin gesteuerten großen Polizei-Aktion 1938 bis 1939.

Wie gehen Sie bei der „Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main“ vor, um die Geschichten der Opfer zu recherchieren?

Das kommt darauf an. Bei vielen jüdischen Opfern der Shoah gibt es bereits biographische Vorarbeiten und häufig versorgen uns Nachkommen mit zusätzlichen Informationen. Bei unseren aktuellen Forschungen zu den Stolpersteinen für Homosexuelle, konnten wir einige Hinweise von Rainer Hoffschildt aus Hannover nutzen, der eine umfassende Datenbank zur Homosexuellenverfolgung aufgebaut hat. Der Hauptteil der Recherchen erfolgte aber im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv, wo die Prozessakten der Staatsanwaltschaft am Landgericht Frankfurt und die Gefangenenakten aus hessischen Gefängnissen aus der Zeit lagern.

Wir haben über 60 Aktenvorgänge studiert und daraus neun Fälle ausgesucht, die die verschiedenen Facetten der Verfolgung beispielhaft zeigen. Beim Lesen dieser Akten, der Vernehmungsprotokolle, Lebensläufe, persönlichen Briefe und Eingaben, ergeben sich viele anrührende, oft erschütternde Einblicke in die persönlichen Lebensumstände. Die Kälte dieser „rechtschaffenen“ staatlichen Verfolgung, die jeder sexuellen Handlung der Betroffenen bis ins allerletzte Detail nachspürte und auch die Verzweiflung, mit der sich die Menschen versuchten, dagegen zu wehren, ist oft nur schwer zu ertragen.

Sie treten auch in Kontakt mit den Nachkommen und Verwandten der Opfer. Weshalb ist Ihnen das ein besonderes Anliegen?

Stolpersteine sind ja nicht für die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart. Sie sind für die Menschen, die heute leben und die sich in der heutigen Welt damit auseinandersetzen, was geschehen ist. Die persönlichen Erinnerungen von Nachkommen helfen enorm, den Menschen hinter dem Opfer, dem bloßen Namen wieder erkennbar zu machen. Häufig stellt der Stolperstein für die Nachkommen auch die einzige individuelle Gedenkstätte dar, da es für die meisten in den KZs und Vernichtungslagern ermordeten ja keine Grabsteine gibt.

Warum braucht es gerade Stolpersteine, um der Schicksale zu gedenken?

Stolpersteine bringen das Gedenken an die Verbrechen der NS-Zeit in unseren Alltag, in unsere Nachbarschaft, auf unseren Schulweg, auf unseren Arbeitsweg. Wir stolpern unerwartet darüber und haben die Chance, innezuhalten und darüber nachzudenken.

Über Dr. Martin Dill: 57 Jahre, Diplombiologe, ehemaliger IT-Manager, Stadt- und Kulturführer, seit 2017 in der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

Am 17. Mai findet im Deutschen Architekturmuseum ab 20 Uhr eine Gedenkveranstaltung statt. Der Historiker, Autor und Frankfurter Stadtführer Christian Setzepfandt spricht über die Verfolgung von Homosexuellen in Frankfurt während der NS-Zeit. Die Initiative Stolpersteine stellt Biografien und Verfolgungsschicksale vor. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung von dem Saxophonisten Achim Rinke-Bachmann. Der Eintritt ist frei.

Hier gibt es mehr Informationen zur Veranstaltung.





Dr. Martin Dill
15. Mai 2019
Ronja Merkel
 
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