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Kommentar: Gastronomie-Sperrstunde
 

Kommentar: Gastronomie-Sperrstunde

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Bitte nicht schubsen!

Foto: Bereits im April machten Gastronom:innen vor dem Römer mit einer Protestaktion auf ihre missliche Lage aufmerksam. (Bernd Kammerer)
Foto: Bereits im April machten Gastronom:innen vor dem Römer mit einer Protestaktion auf ihre missliche Lage aufmerksam. (Bernd Kammerer)
Ab dem morgigen Freitag müssen Frankfurter Gastronomiebetriebe aufgrund steigender Corona-Infektionszahlen bereits um 22 Uhr* schließen. Eine fragwürdige Entscheidung, meint FRANKFURT GEHT AUS!-Chefredakteur Bastian Fiebig. Ein Kommentar.
Corona ist immer noch da und wird wohl, allen intensiven Bemühungen um einen wirksamen Impfschutz zum Trotz, auch noch eine ganze Weile bleiben. Doch seit Mitte Mai hat sich einiges getan, Desinfektionsmittelspender sind allgegenwärtig, Masken zumindest bei den Vernünftigen und Rücksichtsvollen ebenso und das Wort „Hygieneplan“ geht sämtlichen Veranstalter:innen nun wie selbstverständlich von den Lippen. Allerdings hat sich diese Sorgfalt nicht in allen Kreisen herumgesprochen und bereits im Juni reichte ein Blick ans dicht bevölkerte Mainufer, den Friedberger Platz, auf den Opernplatz oder vor die Kleinmarkthalle, um das vorauszusagen, was heute eingetroffen ist: Die Infektionszahlen steigen wieder, und zwar drastisch. Die Gründe sind vielschichtig, doch es ist klar, dass jede Form von scheinbarer Sicherheit trügerisch ist – nur das eigene verantwortungsvolle Verhalten entscheidet über eigenes Wohl und Wehe und das vieler, sehr vieler Freunde und Verwandter.

Ein Spaziergang durch Alt-Sachsenhausen offenbart auf den ersten Blick, dass das nicht jede:r verstehen kann oder will. Die Menschen stehen dicht an dicht, Party auch an den bereits genannten Orten, insbesondere neben dem Liebfrauenberg hat sich eine fröhliche Szene etabliert, die so gar nichts mit Covid-19 zu tun haben möchte. Dann feiern Familien Großhochzeiten, Jubiläen, stecken sich Geflüchtete irgendwo an und tragen das Virus in die engen Unterkünfte und so weiter und so berichtet – doch welche Rolle spielt dabei die Gastronomie? Glaubt man der Stadtpolitik, eine ganz zentrale, schließlich reglementiert man deren Arbeit nun wieder drastisch auf einen engen Zeitkorridor herunter, was zahlreichen, durch den Ausfall sämtlicher Feierlichkeiten bereits angeschlagenen Gastronom:innen nun den Rest geben dürfte.

Doch auch hier reicht ein kleiner Rundgang, um sich davon zu überzeugen, dass von der klassischen „Essen-und-Trinken-Gastronomie“ ein deutlich geringeres Risiko ausgeht als von jeder Tour mit U- oder S-Bahn. Vorgestern im Solzer stehen alle Fenster offen, der Service trägt „Gesichtslabbe“, hält Abstand, die Tische sind vorschriftsgemäß gestellt, die Listen zum Eintragen der Adressen ausgelegt und werden anstandslos ausgefüllt. Das gleiche Bild im Greco auf der Berger Straße, im Zwei-Sterne-Haus Lafleur oder im Klaane Sachsenhäuser – die Gastronom:innen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Dann der Blick in kleine Pinten, Bars und Kneipen. Die Terrasse einer Shisha-Bar ist dicht bevölkert, man sitzt auf der Terrasse quasi Po an Po auf gemütlichen Sesseln, in einer kleinen Kneipe rückt man ohne Maske am Tresen zusammen, das gleiche Bild auf der Terrasse einer klassischen Bierschwemme. Je größer der Platz, umso dichter der Kontakt: Die Gruppen vor der Kleinmarkthalle stehen eng beieinander und reden laut, was auch für das Mainufer und den Friedberger Platz gilt. Polizeikontrollen? Wenn, dann nur sporadisch, die Damen und Herren haben in dieser Stadt alle Hände voll zu tun und die Aufgabe, angetrunkene Jugendliche zu vertreiben, ist zudem alles andere als dankbar.

Nun soll es also eine Sperrstunde auf Frankfurter Stadtgebiet richten. Dem Nachbarschafts-Italiener oder dem Apfelweinwirt hilft da kein Hygieneplan – er ist mitschuldig und muss dran glauben. Hat da einer nicht richtig aufgepasst? Noch mal von vorn: Corona ist da und wird bleiben. Sind solche Lösungen also wirklich zukunftsfähig? Wie wäre es mal mit Differenzierung?

Während dieses Wort der Frankfurter Politik offensichtlich noch nicht wirklich vertraut ist, kennen es partyfreudige Menschen bereits bestens. Die setzen sich nun ins Auto oder aufs Rad, überqueren die Stadtgrenze und feiern in Neu-Isenburg, Offenbach, Bad Vilbel oder Eschborn weiter. Doch eigentlich ist es noch schlimmer: Denkt im Römer wirklich jemand, das Virus würde sich an Uhrzeiten halten? Auch während der Lunchtime springt der kleine Teufel von A nach B! Doch enges Gedränge mit dem Risiko einer Infektion herrscht zum Glück nur bei ganz wenigen schwarzen Schafen in der Gastronomie. Die müsste man nur regelmäßig kontrollieren und man hätte das Thema schnell zumindest dort im Griff, wo es angeblich so relevant sein soll. Ist es aber nicht.

Mit der Gastronomie trifft man mit dieser Art von heillos verspätetem Aktionismus – wie wäre es mit strengen Kontrollen im Sommer gewesen? – exakt die Falschen. Es ist eine Minderheit oft junger Menschen, die den Zusammenhang mit ihren nächtlichen Partys und der folgenden Beatmung oder sogar dem Sterben ihrer Großeltern erst dann herstellen, wenn sie vor dem Krankenhaus beten oder am Grab stehen und zudem das Virus fleißig weiterverteilt haben. Die bekommt man nicht einfach „bekehrt“, die muss man tatsächlich deutlich, vielleicht sogar mit schmerzhaften Geldstrafen, darauf hinweisen, dass es derzeit nun mal nicht nach Feiern aussieht. Eher nach einem entspannten Abendessen mit Freunden in einem schönen Restaurant. Inklusive Hygieneplan.

Liebe Stadtpolitiker:innen, denkt doch einfach noch mal nach und überzeugt euch selbst davon, was die Gastronomie in den vergangenen Monaten getan hat, um ihren Gästen einen sicheren Abend zu ermöglichen. Das ist nicht nur viel, es ist auch ausreichend und weit mehr, als es jeder Bus in der Hauptverkehrszeit bietet. Wo es nach einer Kontrolle nicht reicht, kann man immer noch individuell mit harten Sanktionen dafür sorgen, dass sich das sofort ändert. Wer nun wieder pauschal alle Betriebe sanktioniert, muss sich jedoch damit abfinden, in Zukunft als Schuldiger am drastischen Niedergang der Frankfurter Gastronomie benannt zu werden. Und das in aller Deutlichkeit. Die steht nämlich bereits nah am Abgrund, also: Bitte nicht schubsen!

* Die Stadt Frankfurt hat inzwischen bekannt gegeben, dass die Sperrstunde auf 23 Uhr bis 6 Uhr verlegt wird.
 
8. Oktober 2020, 08.25 Uhr
Bastian Fiebig
 
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Leser-Kommentare

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Uwe Looschen am 8.10.2020, 14:40 Uhr:
Total verfehlte Maßnahme der Stadt; besonders von H.Feldmann. Diese Entscheidung hat keinerlei nachweisbare Grundlage, dass die Gastronomie, sprich Restaurants, Kneipen, Bars, etc, zu einem weder einfachen noch massiven Anstieg der Infektionszahlen nachweisbar sind.
Ich nenne die Maßnahme Polemik, um den Bürgern vorgaukeln zu können, dass man was unternimmt. Leider an der total falschen Stelle. Ich hoffe, dass Herr Feldmann für diese Fehlentscheidung, bald zur Rechenschaft gezogen wird.
Und man bedenke auch die Folgen, dass der Herbst-Markt sozusagen ausfällt. Wer trägt die bereits entstandenen Kosten der Schausteller und Budenbesitzer? Ein Paradebeispiel, dass der Weihnachtsmarkt nicht statt finden wird. Das machen die Schausteller und Budenbesitzer gar nicht mehr mit.
Die Politik ist wankelmütig geworden und ist kein verlässlicher Partner mehr.
Und von der Maßnahme bzgl. Beherbung wollen wir gar nicht reden. Kein einziger Fachmann, sprich Virologe, kann diese Maßnahme zustimmen und bezeichnet diese als Quatsch. Selbst der Oberkritiker Lauterbach. Und das heißt schon was, da H.Lauterbach an jeder Ecke steigende Infektionen vermutet.
 
 
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