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Von der Kunst einen Weihnachtsbaum zu finden
 

Von der Kunst einen Weihnachtsbaum zu finden

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Des Bäumerl kimmt aus Inzell

Stolz und buschig steht sie da, die Fichte aus Oberbayern, die während des Frankfurter Weihnachtsmarktes alle Besucher in Verzückung versetzen soll. Bei einem Casting setzte sich der Weihnachtsbaum durch. Selbst ein Hund verpasste ihm sein Gütesiegel.
„Der Frankfurter ist wohl der einzige Weihnachtsmarkt, wo die Besucher jedes Jahr was am Baum vor dem Römer herumzunörgeln haben“, sagt Thomas Feda, Chef der Tourismus+Congress GmbH (TCF), die den Weihnachtsbudenzauber regelmäßig organisiert. Feda ist diesbezüglich leidgeprüft, denn natürlich erreichen ihn immer zum Advent zahlreiche Beschwerden – von Privatmoserern oder der kritischen Presse. Aber die TCF ist gewieft und hat sich die Journalisten mit ins Boot geholt. Sie sollen die Jury bei der Baumsuche sein und notfalls Schlimmeres verhindern helfen. Und so machte sich in diesem Jahr eine Delegation auf den Weg, neben Thomas Feda mit dabei der Weihnachtsmarktbeauftragte Kurt Stroscher, sowie erstmalig ein Vertreter der Politik: Michael Paris (SPD), der Aufsichtsratsvorsitzender der TCF ist. „Da haben wir wenigstens einen Sündenbock, falls der Baum doch nicht gefallen sollte“, frotzelt Feda.

Unterwegs erfährt man schnell, dass es für einen Nadelbaum gar nicht so leicht ist „Frankfurts Next Topmodel“ zu werden. Tatsächlich erinnert die Wahl an eine Castingshow, bei der verschiedene Kriterien erst erfüllt werden müssen. „Gerade gewachsen, etwa 30 Meter hoch, gesund, ausgewogen im Körperbau, gerne mit stolz ausgestreckten Ästen, die natürlich gleichmäßig verteilt sein müssen und mit einer vorzeigbaren Krone. „Es kommt ohnehin jedes Jahr der Baumkosmetiker, der rund 90 Äste zusätzlich in den Stamm bohrt“, verrät Thomas Feda die Schönheitsgeheimnisse. Schön aber sind viele Bäume, aber sie müssen auch gefällt werden dürfen, und – ganz entscheidend – sie müssen gut zugänglich sein, damit man im Forst nicht erst eine Schneise der Verwüstung schlagen muss. Kein leichtes Unterfangen. Im Frankfurter Stadtwald ist ein solches Topmodel nicht zu finden. Aber es gibt andere Orte, die sich freuen, der Stadt Frankfurt ein weihnachtliches Geschenk zu machen und es sogar bringen lassen. Dafür dürfen sie sich im Gegenzug in einem Büdchen am Römerberg präsentieren. Cross-Marketing nennt sich das.

Heuer hat sich das oberbayerische Städtchen Inzell, ein Eisschnelllaufbegeisterter Luftkurort mit 4500 Einwohnern nahe der österreichischen Grenze, als Baumspender angeboten und kann sogar drei potentielle Topmodelle vorweisen. Und auf geht es zur Ortsbesichtigung, durch verschlungene Waldwege, die gesäumt sind von verfärbtem Laub, das an den Indian Summer erinnert. Doch es nieselt und die Gruppe fröstelt bei Temperaturen nahe des Gefrierpunkts. Weihnachtsbäume aussuchen ist harte Arbeit, die man sich hätte sparen können, wenn man auf den Hund Artos gehört hätte.

Der Magyar Vizsla, ein brauner ungarischer Vorstehhund, der zur Gruppe gehört, prescht nach vorne und markiert den Traumbaum, ohne um dessen Bedeutung zu wissen, gleich mit einem Häufchen. Es ist ein Prachtexemplar, also der Baum. Mit neun Tonnen schwerer Idealfigur, perfekt verteilt auf 28 Metern mit einem Stamm, der 80 Zentimeter Umfang misst. Das Alter von 120 bis 130 Jahren sieht man der Fichte, die auf einem Privatgelände steht, nicht an. Im Gegenteil: Das Nadelwerk ist saftig grün. Nach dem der Favorit feierlich Artos genannt wurde, geht die Fahrt weiter vorbei an steilen Berghängen, buntem Laub und malerischen Seen, die hellgrün schimmern. Fahrer Hubert versucht sich an einem Wendemanöver und bleibt mit seinem Transporter tatsächlich im Graben stecken. „Müssen wir jetzt erfrieren?“, fragt Michael Paris, der sich die fellgesäumte Kapuze übergestreift hat. Bis Hilfe da ist, wird es fernab einer Funknetzabdeckung dauern. Und so steht die Delegation sich im Regen die Füße platt und wird von den Mitarbeitern der Inzeller Touristik GmbH über die Geschichte des Eisschnelllaufs aufgeklärt. Schon 1959 nutzte man den zugefrorenen Frillsee für Wettkämpfe, heute gibt es eine Hightechhalle, in der auch Anni Friesinger trainiert.

Weiter geht’s. Zu Baum Nummer 2, der zu Ehren des Fahrers Hubert getauft wird. „Die Fichte ist buschiger aber nach oben hin recht dünn“, kritisiert Feda. „Hinten naus ist er schwächer, a weng ladert.“ Aber manch einer hält das Exemplar doch für besser als das Modell aus dem Frankfurter Stadtwald vom vergangenen Jahr. 5 bis 6 Punkte auf einer Skala bis 10 erhält Hubert.

Grund genug, sich nach Model Nummer 3 umzusehen. Dabei handelt es sich um die hundert Jahre alte Tanne „Tina“. Tina, weil jetzt mal ein Frauenname fällig war und weil es so gut zu Tanne passt. Ausladend und breit zeigt sich Tina mit 28 Metern Höhe. Dennoch gibt es von Kurt Stroscher nur 7 Punkte. „Man muss bedenken, die Äste von Tannen brechen leicht“, sagt der Experte, der schon an den Transport denkt.

Und so setzt sich am Ende doch Artos durch, sowohl der Hund mit seinem 1a-Geschmack als auch der Baum. Letzterer wird am 7. November um 12 Uhr nach langer Anfahrt auf dem Römerberg erwartet, um dann feierlich aufgestellt zu werden. Mit 5000 Ökolichtern und 500 roten Schleifen geschmückt soll er das Herz der Frankfurter erfreuen. Freilich wird es wieder Nörgler geben. Die kennen halt keinen Respekt vor dem Alter. Vor den 120 Jahren der Fichte darf man ruhig ein wenig Ehrfurcht haben, das hat sie sich verdient.
 
16. Oktober 2012, 18.09 Uhr
Nicole Brevoord
 
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Fotogalerie: Inzell
 

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