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Foto: Als Postkarte inszeniert tritt die trügerische Idylle von Frans Post' Gemälde hervor. Foto: Historisches Museum Frankfurt/Horst Ziegenfusz
Foto: Als Postkarte inszeniert tritt die trügerische Idylle von Frans Post' Gemälde hervor. Foto: Historisches Museum Frankfurt/Horst Ziegenfusz

Historisches Museum

Ein kritischer Blick auf die eigene Sammlung

In den Ausstellungen des Historischen Museums finden sich einige Spuren von Rassismus und Kolonialismus. Mit eigenen, oft künstlerischen Beiträgen zeigen People of Color ihre Perspektive auf die Objekte. Museumsdirektor Jan Gerchow erklärt im Interview, wie und warum.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Gerchow, auf Ihrer Interventionsspur „Blickwechsel – dem Rassismus auf der Spur“ blicken People of Color kritisch auf einige Objekte Ihrer Dauerausstellungen, in denen sich Kolonialismus oder Rassismus wiederfinden. Können Sie uns ein Beispiel geben, welche Objekte auf dieser Spur zu finden sind?
Jan Gerchow: An einer der 18 Stationen geht es zum Beispiel um das Gemälde „Das Franziskanerkloster in Igaracú“ von Frans Post, einem niederländischen Maler, der im 17. Jahrhundert eine koloniale Landschaft in Surinam gemalt hat. Post hat den niederländischen Gouverneur dieser Kolonie begleitet und daraus dann 60 bis 70 Gemälde angefertigt, die eigentlich einen ganz friedlichen, idyllischen Blick auf diese Landschaft werfen und auf die Menschen, die dort leben. Dieser friedliche Blick verbirgt aber die Brutalität des Kolonialregimes komplett und präsentiert damit eine trügerische Idylle. Die Kritik an dieser Bildperspektive taucht aber in der museumseigenen Kommentierung nicht auf. Wir beschreiben zwar, dass es sich um eine Kolonie handelt, aber das, was darauf nicht zu sehen ist, darauf gehen wir nicht ein. Die Künstlerin Ana Paula dos Santos fügt jetzt eine künstlerische Intervention hinzu, indem sie den Namen des Malers Post quasi wörtlich nimmt und eine Postkarte entwirft, die ein gestörtes Bild dieser Idylle zeigt und darauf verweist, dass Frans Post hier im Grunde nur eine Postkarten-Idylle für seine Kunden in Europa angefertigt hat.

Sie haben gerade gesagt, in den Beschreibungen des Museums kommen bestimmte Perspektiven nicht vor: Woher kam denn der Gedanke, diese jetzt sichtbar zu machen? Machen Sie sich damit nicht auch in gewisser Weise angreifbar, weil Sie die Objekte bisher so „unkritisch“ ausgestellt haben?
Ja, aber es wäre ja noch problematischer, sich nicht darum zu kümmern, weitere Perspektiven hinzuzufügen. Man macht sich sowieso, indem man irgendetwas auswählt und eine Beschreibung verfasst, immer schuldig, weil man nicht sämtliche Perspektiven, die es darauf gibt, abbilden kann. Auswahl und Bewertung stecken in jedem kuratorischen Akt. Es ist aber eine herkömmliche Museumspraxis, dass das allein von den Museumsexpert:innen entschieden wird, weil wir ja die akademische Expertise haben. Wir haben aber nicht so eine Vielfalt an Perspektiven im Museum, die heute als angemessen verstanden wird. Gott sei Dank gibt es ja Entwicklungen, auf die man dann auch reagieren sollte. Und wir reagieren mit dieser Spur. Das ist, wenn man so will, ein symbolischer Akt, der ja noch lange nicht sämtliche Objekte umfasst. Aber in diesem symbolischen Akt versuchen wir als Museum, deutlich zu machen, dass es noch andere Perspektiven gibt als die, die die Museums-Kurator:innen selbst haben. Es gibt ja viele Menschen, die von den Folgen der Kolonialgeschichte, wie Rassismus, betroffen sind und die dann in den Objekten andere Dinge sehen als wir Museumsmacher. Unsere Co-Kurator:innen fügen andere künstlerische, fiktive und auch subjektive Positionen hinzu.

Das heißt, sie wollen die alten Deutungshoheiten nicht einfach verschwinden lassen, sondern zeigen: So war es früher, aber heute muss man eben auch andere Blickwinkel einnehmen?
Ja, es ist eine Erweiterung. Man kann als Museum eine Deutungshoheit nicht ganz abgeben, selbst wenn man das wollte. Ich glaube, es wird von uns erwartet, dass wir etwas auswählen und dass wir etwas bewerten, im Sinne von beschreiben und einordnen. Aber wir müssen eben dafür sorgen, dass das, was wir dann kontextualisieren auch möglichst breit ist und möglichst viele Perspektiven umfasst. Und wenn es nicht die kuratorische Perspektive von Museumsmacher:innen ist, dann können es andere Perspektiven sein, die man daneben stellt. Die Besucher:innen erwarten nach wie vor von uns, dass wir als Museum sprechen und auch kenntlich machen, wo wir als Museum sprechen. Aber wir wollen es eben nicht dabei bewenden lassen, sondern wir wollen andere Perspektiven einbringen, ohne unsere eigene damit zu verstecken.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, die Frage sei auch, wessen Geschichten in einem Museum erzählt werden müssen. Wessen Geschichten sind das denn Ihrer Meinung nach?
Ein Museum sammelt natürlich Objekte einer bestimmten Schicht oder bestimmter Perspektiven in einer Gesellschaft. Und es werden sicherlich eher Mehrheits- oder dominante Perspektiven sein, in denen sich sozusagen eine gewisse kulturelle Macht äußert. In Deutschland ist das sicherlich das weiße Bildungsbürgertum. Es gibt aber viele marginalisierte Gruppen, die da nicht vorkommen – weder in den Sammlungen selbst, noch in den Ausstellungen oder in der Frage, warum welche Objekte überhaupt ausgewählt werden. Das ist ja schon mal eine Frage der Bedeutungszumessung. Auch in den Beschreibungen ist sicherlich immer eine Frage, welches Narrativ verfolgt wird: Wer wird da bedient? Auf welches Wissen, auf welche Werteskala wird zurückgegriffen? Und mit dieser Spur haben wir eben ganz gezielt marginalisierte Perspektiven ausgesucht und versucht, sie an diesen 18 Objekten in den Vordergrund zu stellen.

Damit reiht sich die Spur in andere Projekte und Ausstellungen des Historischen Museums ein.
Ja, für uns steht das Ganze in einer Linie mit der Beschäftigung mit Rassismus, mit Nationalsozialismus und mit der Kolonialgeschichte. Diese drei Themen sind in den letzten vier, fünf Jahren sehr wichtig für uns gewesen. Und wir glauben, dass die NS-Geschichte sowie die Geschichte, die davor liegt, letztlich auch für den expliziten sowie für den verdeckten und alltäglichen Rassismus in der deutschen Gesellschaft bis heute verantwortlich ist. Das hängt auch mit Traditionen zusammen, die oft unbewusst weitergegeben werden. Und da spielen wir als Museum eine Rolle und wollen uns thematisch aktiv damit beschäftigen. Wir wollen sozusagen das zweite Hinschauen fördern und auf die verdeckten rassistischen oder kolonialen Aspekte in unseren Sammlungen aufmerksam machen. Das ist sowohl inhaltlich wichtig, als auch in der Frage: Welche Rolle spielen wir eigentlich in unserer Gesellschaft und was können wir dafür? Und was können wir dazu beitragen, den Rassismus zurückzudrängen und das bewusster zu machen?

>> „Blickwechsel – dem Rassismus auf der Spur“, Interventionsspur im Historischen Museum Frankfurt, Saalhof 1, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00-18.00 Uhr
 
12. Mai 2022, 12.27 Uhr
Laura Oehl
 
Laura Oehl
Jahrgang 1994, Studium der Musikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, Journalismus-Master an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, seit Dezember 2020 beim JOURNAL FRANKFURT. – Mehr von Laura Oehl >>
 
 
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