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Häusliche Gewalt in der Corona-Krise
 

Häusliche Gewalt in der Corona-Krise

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„Ein stärkerer Katalysator als Weihnachten“

Foto: Unsplash
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Deutschlandweit fehlen freie Plätze in Frauenhäusern. Häusliche Gewalt ist ein akutes Problem, vor dem Frauen geschützt werden müssen. Durch die Corona-Krise könnte sich diese Situation möglicherweise noch weiter zuspitzen.
Besonders über die Feiertage finden viele Gewalttaten innerhalb der Familie statt. Als Jahrespeak für häusliche Gewalt gilt die Weihnachtszeit. Dann steigt die Anzahl der Notrufe, die bei Frauenhäusern eingehen um bis zu 40 Prozent. „Die Familie ist nah beieinander, es gibt nur wenig Abwechslung und generell ist die Situation emotional aufgeladen, weil die meisten mit den Weihnachtstagen auch bestimmte Erwartungen verknüpfen“, erklärt Ulrich Warncke, Außenstellenleiter des Weißen Rings von Frankfurt Ost und West. Eine ähnliche Situation wird von Expertinnen und Experten mit einigen Unterschieden nun auch während der Corona-Krise erwartet. „Ich halte die aktuelle Lage für einen noch stärkeren Katalysator als Weihnachten. Schließlich geht es nicht um eine angebrannte Weihnachtsgans, welche die Situation zum Eskalieren bringt, sondern um existenzielle Ängste wie den Jobverlust. Das macht die Menschen noch reizbarer“, so Warncke. Auch der Konsum von Alkohol spielt bei Gewalttaten eine nicht unwesentliche Rolle. Im Jahr 2018 veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) eine kriminalstatistische Auswertung über Partnerschaftsgewalt, in der unter anderem erfasst wurde, wie häufig Tatverdächtige während der Straftat unter Alkoholeinfluss standen. So waren 24 Prozent der tatverdächtigen Männer während der Straftat alkoholisiert. Bei Männern, die bereits polizeilich in Erscheinung getreten waren, lag der Anteil derer, die unter Alkoholeinfluss standen, sogar bei 59 Prozent.

Laut der Frankfurter Polizei habe sich seit dem Beginn der Corona-Krise jedoch noch kein Anstieg häuslicher Gewalt bemerkbar gemacht. Eine valide Aussage werde erst über einen größeren Zeitraum und im Vergleich zu den Vorjahren zu treffen sein. Führt man aber den Gedanken weiter, die häusliche Isolation durch die Corona-Pandemie mit der Weihnachtszeit zu vergleichen, könnte die Welle auch erst noch kommen. Warncke weist darauf hin: „Die Trennung vom Täter ist für die Frauen ein großer Einschnitt und ein Prozess, der mehrere Monate dauern kann.“ Auch Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Bündnis 90/Die Grünen) bestätigt, dass es an Weihnachten selbst meistens eher ruhig sei. „Erfahrungsgemäß folgt im Januar eine massive Zunahme der Hilfegesuche. Im Moment gibt es auch weniger Anrufe, weil Kitas und Schulen geschlossen sind und über diese üblicherweise die meisten Meldungen eingehen.“ Dann seien häufig Lehrerinnen und Lehrer in Schulen oder Kita-Betreuerinnen und -Betreuer Ansprechpersonen, die zu Hilfsangeboten weitervermitteln, erklärt Heilig. Das Jugend- und Sozialamt in Frankfurt hält sich mit Aussagen zu einem Anstieg der Gewalttaten aufgrund der Schul- und Kitaschließungen sowie mit der Vergleichbarkeit der Weihnachtszeit allerdings zurück. „Niemand weiß genau, was derzeit in den Familien passiert und wie sich die aktuelle Situation auf diese auswirken“, so Harry Fuchs vom Jugend- und Sozialamt. Auch valide Zahlen darüber, wie oft Gewalt gegen Frauen und gegen Kinder in denselben Familien vorkomme, lägen nicht vor und es lasse sich auch kein Automatismus ableiten, erklärt Fuchs. „Allerdings ist häusliche Gewalt grundsätzlich ein Zeichen für ein gewaltbereites Klima und erhöht das Risiko von Gewalt gegen Kinder.“

Eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von häuslicher Gewalt spiele auch die Bereitschaft von Anwohnenden, die Polizei zu rufen oder bei Hilfsorganisationen einen möglichen Fall zu melden, sagt Ulrich Warncke vom Weißen Ring. Das sei auch anonym möglich. „Für manche Frauen ist die Hilfe von Nachbarinnen und Nachbarn oft die einzige Möglichkeit. Wir können da wirklich nur an die Zivilcourage appellieren.“ Fehlmeldungen würden fast nie vorkommen. „Personen, die bei uns einen Verdacht äußern, haben sich das meistens gut und lange überlegt.“ Bestätigt sich ein Verdacht, ist es der Polizei möglich, den Täter für 14 Tage oder länger der gemeinsamen Wohnung zu verweisen und ein Kontaktverbot auszusprechen. Diesen Zeitraum können Opfer nutzen, um bei Gericht eine Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz zu beantragen. Heilig hält diesen Ansatz für einen wichtigen Baustein, da Frauen und Kinder so in ihrer Wohnung bleiben können. „Sie geraten infolge der gewalttätigen Übergriffe und dem Verlassen der Wohnung teilweise in prekäre Lebensverhältnisse, aus denen sie aus eigener Kraft lange nicht herausfinden.“

Deutschlandweit fehlen zudem ohnehin tausende Plätze in Frauenhäusern. Eine Empfehlung des Europarats aus dem Jahr 2006 lautete, dass auf 7500 Einwohnerinnen und Einwohner je Bundesland mindestens ein Platz im Frauenhaus kommen sollte. Eine Recherche von Katapult ergab, dass lediglich Sachsen-Anhalt und Bremen diese Vorgabe erfüllen. In Hessen liegt die Anzahl bei 0,87 Betten. Nordrhein-Westfalen mit 0,25 und das Saarland mit 0,23 Betten schneiden am schlechtesten ab. Insgesamt gibt es in Deutschland aktuell rund 6800 Frauenhaus-Plätze. 2018 waren 140 755 Personen von häuslicher Gewalt betroffen, über 81 Prozent von ihnen waren weiblich. Hinzu kommt das Dunkelfeld – also nicht angezeigte Gewalttaten – bei dem das BKA von „einem nicht unerheblichen Teil“ ausgeht. Warncke verweist angesichts dessen auf eine Frauengruppe, die vermutlich einen großen Anteil des Dunkelfelds ausmache: Migrantinnen aus Ländern mit stark ausgeprägten patriarchalen Strukturen seien häufiger von häuslicher Gewalt betroffen, erklärt er. „Sie sind mit dem Rechtssystem nicht so vertraut und wissen häufig nicht, dass ihnen Unrecht geschieht. Deshalb suchen sie sich auch nur in den seltensten Fällen Hilfe.“ An Beratungskapazitäten und zur Verfügung stehender Sprachenvielfalt mangelt es bei Organisationen wie dem Weißen Ring nicht: „Selbst wenn der Bedarf an Beratungen auf das Fünffache ansteigen würde, könnten wir das immer noch bewältigen“, so Warncke. „Wir haben sehr viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die, wenn es notwendig wird, auch 25 Stunden statt fünf Stunden in der Woche kommen.“ Ein großes Problem sei aber, ganz unabhängig von der Corona-Krise, eben die Anzahl der Plätze in Frauenhäusern.

Ende Februar dieses Jahres wurden von der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung Maßnahmen zur Umsetzung der Istanbul Konvention (IK) beschlossen. Die Istanbul Konvention ist ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Deutschland hat die Konvention Anfang Februar 2018 ratifiziert. Für Staaten, die die Konvention ratifiziert haben, wird sie damit rechtlich verbindlich, und alle staatlichen Organe müssen die Verpflichtungen aus der Konvention umsetzen. „Damit liegt erstmals für den europäischen Raum ein völkerrechtlich bindendes Instrument zur umfassenden Bekämpfung jeglicher Form von Gewalt an Frauen vor“, so Heilig.

Aktuell existieren in Frankfurt 128 Frauenhausplätze, einer der Etat-Anträge der Koalition fordert 37 mehr. Für diese sollen in den Haushaltsjahren 2020/2021 366 000 Euro bereitgestellt werden. „Neben einem Budget werden wir eine Koordinierungsstelle zur Umsetzung der Vorgaben der Istanbul Konvention schaffen. Damit sind wir in Frankfurt mit die ersten, die dem Thema Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen das nötige Fundament schaffen“, so die Frauendezernentin. „Mädchen müssen über ihre Möglichkeiten Bescheid wissen, sich wehren und mit den richtigen Kampagnen aufgeklärt werden.“ Als Stadt wolle man schnell handeln und nicht auf Beschlüsse der Bundesregierung warten, auch, weil von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) keine klare Ansage komme. Auf Bundesebene hatte Giffey bis 2023 120 Millionen Euro für den Aus-und Neubau von Frauenhäusern und Beratungsstellen in Aussicht gestellt. Flächen zu finden, die sich für Frauenhäuser, aber auch für Kitas und Sozialwohnungen eignen, sei aber auch abgesehen davon ein „Riesenproblem“ und man müsse beispielsweise auf Büroräume ausweichen, so Heilig. „Bei Frauenhäusern kommt die Anforderung hinzu, dass die Adresse nicht bekanntgegeben werden darf. Wir müssen Eigentümerinnen und Eigentümer finden, denen wir vertrauen.“
 
18. Juni 2020, 10.30 Uhr
Johanna Wendel
 
Johanna Wendel
Jahrgang 1993, Technikjournalismus-Studium an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, seit Januar 2019 beim Journal Frankfurt. – Mehr von Johanna Wendel >>
 
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