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Kultur
 
Spielen für Albert
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Frankfurt würdigt seinen großen Posaunisten
Foto: Foto: Detlef Kinsler
Foto: Foto: Detlef Kinsler
Am 5. September heißt es im Institut für Stadtgeschichte „Spielen für Albert –
Konzert, Film, Erinnerungen“, eine Hommage an Albert Mangelsdorff in seinem zehnten Todesjahr. Das JOURNAL sprach mit seiner Frau Ilo und Sohn Ralph Mangelsdorff.
Journal: Von wem ging die Initiative für den „Für Albert Mangelsdorff“-Abend und was ist die Idee dahinter?

Ilo Mangelsdorff: Die Idee im 10. Todesjahr an Alberts 87. Geburtstag ein Konzert zu seinen Ehren und Erinnerung in seiner Heimatstadt Frankfurt zu veranstalten war naheliegend. Auch das Theaterhaus in Stuttgart hat am 25. Juli einen Gedenkabend gegeben. Es war ein erfolgreiches Konzert. Mir schien der Geburtstag ein schönerer Termin zu sein. Die Gedanken für einen Ehrenabend im Karmeliterkloster hatten Frau Dr. Brockhoff (Leiterin des Institutes für Stadtgeschichte) und ich schon lange. Mein Sohn Ralph und ich sind sehr zufrieden, dass der Nachlass dort gut verwaltet und gesichert ist. Am Konzertabend werde ich ein Hauptstück der Sammlung, die Posaune meines Mannes, die ich noch zehn Jahre behalten durfte, an Frau Dr. Brockhoff übergeben.

Was genau dürfen die Besucher im Karmeliterkloster erwarten?

Ein Duo Jazz-Konzert mit Christof Lauer und Nils Wogram. Ein schönes und spannendes Konzert mit zwei Echopreisträgern, die Albert musikalisch sehr nahe standen. Diese beiden Künstler waren meine Wunschkanditaten. Einen Film „Die Posaune des Jazz “ aus dem Jahr 2005 von Thorsten Jess. Einen Vortrag von Michael Rüsenberg „Der weltbekannte Posaunist und der unbekannte Wal“. Michael Rüsenberg hat zusammen mit Christian Wagner zu Alberts Geburtstag den 4½-Stunden-Film „Die Albert Mangelsdorff Rolle“ gedreht. Er lief im WDR-Programm „Rockpalast“ im Jahre 2000. Ich bin sehr froh, dass Michael zugesagt hat. Durch die Veranstaltung führt Dr. Michael Fleiter, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Stadtgeschichte.

Es ist erwähnenswert, dass das Institut für Stadtgeschichte mit dabei ist. Oft genug wird ja bemängelt, dass sich die „offiziellen Stellen“ in Frankfurt nicht wirklich richtig verantwortlich zeigen für ihre großen Künstler. Ist die Familie Mangelsdorff zufrieden mit der Würdigung eines singulären Talentes wie Albert Mangelsdorff?

Wir sind können zufrieden sein. Die Stadtverwaltung hat weder Mühe noch Kosten gescheut, um den Nachlass meines Mannes in Ihren Mauern, d.h. im Institut für Stadtgeschichte, zu erhalten. Frau Silvia Stenger hat den Nachlass fachgerecht archiviert und digitalisieren lassen, so dass dieser in Zukunft von Interessenten z. B. für Ausstellungen etc. genutzt werden kann. Zur Verantwortlichkeit der Stadt Frankfurt: Es gab Ehrungen wie z.B. der Frankfurter Musikpreis 1986, die Goethe Plakette 1993, die Honorarprofessur 1993, die Gründung des Albert Mangelsdorff Archivs 2009, weiter wurde im Jahr 2013 der Weiher in der Bockenheimer Landstraße nach ihm benannt. Insofern haben die „offiziellen Stellen“ Frankfurts viel getan für die Würdigung meines Mannes.

Ralph Mangelsdorff: Es ist erfreulich, dass der Nachlass als Ganzes an einer gut kuratierten Stelle verbleibt, wo er für zukünftige Arbeit genutzt werden kann. Gerade bei seiner Musik, wo das Geschriebene ein Stenogramm darstellt, welches durch Kenntnis und Erfahrung der Spielenden zu dem ergänzt wird was tatsächlich erklingt, wird es für zukünftige Forschungen sicher spannend sein, von den zahlreichen Tondokumenten zu den Keimzellen seiner Kompositionen vorzudringen. Auch wird es für zukünftige Generationen interessant sein, etwas darüber zu erfahren, wie Jazz-Musiker lebten.

Immerhin: wann immer vom Jazz in Frankfurt die Rede ist, ob Rückschau oder Kritik am aktuellen Status Quo, fällt auch der Name Albert Mangelsdorff. Wie nehmen Sie das wahr was da regional, national und sicher auch international passiert?

Ilo Mangelsdorff: Ich nehme es immer wahr, wenn es etwas Neues von Albert gibt. Das Netz ist meine Quelle, oft finde ich Raubkopien von CDs, Filme, Bilder oder News. Claus Schreiner, der jahrzehntelang Manager von A.M. war, ist mir ehrenamtlich behilflich in allen lizenzrechtlichen Fragen. Leider sind Raubkopisten schwer zu finden.

Gerade kam eine Presseinformation herein: Albert Mangelsdorff: „Wir haben fürs Bier gespielt“ / hr2-kultur erinnert mit Multimedia-Reportage an „70 Jahre Jazz in Hessen“...

Im Jazzkeller gab es jahrelang keine Gagen. Die Musiker spielten für Getränke. Erst auf Initiative von Stella und Peter Trunk wurde nach langem Hin und Her eine Mini Gage bezahlt (25.- DM). Die Jazzmusiker taten sich zusammen und einigten sich. Später wurden die Gagen etwas erhöht.

Eine weitere Pressemeldung kam herein: der Hinweis auf den Albert-Mangelsdorff-Preis 2015 am 6. November 2015 in Berlin. Ist das eine Ehre, dass die Union der Deutschen Jazzmusiker seinen Preis nach Albert Mangelsdorff benannt hat? Weil es erklärtermaßen um den individuellen künstlerischen Aspekt des Jazz geht und dafür Albert Mangelsdorff als passender Namenspatron in Frage kam ...

A. M. war ein national und international bekannter Musiker mit sehr gutem Ruf. Natürlich war es eine große Ehre, dass die GEMA-Stiftung gemeinsam mit der Union Deutscher Jazzmusiker Albert als Namensgeber vorgeschlagen hat.

Als Familie ist man da sicherlich immer im Zwiespalt, wie man sich eine nachhaltige „musikalische Nachlasspflege“ wünscht von Seiten Dritter und wie man als nahe Angehörige selber daran teilnimmt. Personen aus dem Popkontext wie Yoko Ono oder Rita Marley und deren kommerzträchtiger Kult um ihre verstorbene Ehemänner taugen da nicht als Rôle Model... Muss/will man sich von Zeit zu Zeit in Erinnerung bringen?

Ralph Mangelsdorff: Es ist ein besonderes Merkmal unserer Zeit, Kultur der Gegenwart genauso zu rezipieren wie jene der Vergangenheit. Jazz muss sich permanent neu erfinden. Insofern sollten auch nachfolgende Generationen jede Möglichkeit bekommen, sich das Schaffen wichtiger Künstler vergangener Generationen wieder neu zu erarbeiten und neu zu verstehen …und sicher auch anders zu verstehen und damit am Leben zu halten. Es freut mich, wenn wir dazu unseren Beitrag leisten können in Form der Förderung solcher Konzerte, und auch indem wir den Nachlass meines Vaters der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Andererseits sind wir manchmal gezwungen, Einfluss zu nehmen, wenn Leute sich unverdient seinen Namen auf ihre Fahnen schreiben, um eigene Interessen zu verfolgen.

Wie möchten Sie, dass Albert im Gedächtnis der Menschen bleibt, was sollte mit dem Namen automatisch verbunden sein, was machte A.M. aus?

Es ist nicht unsere Aufgabe, darauf einzuwirken. Grundsätzlich denke ich, dass sein Schaffen für sich stehen sollte.

Ein Nils Wogram ist einem Albert Mangelsdorff sicherlich näher als Nils Landgren. Was gibt es Feedback von anderen Posaunisten (oder gerne auch Bläsern generell)?

Ilo Mangelsdorff: Da ich schlecht bei Roswell Rudd oder Klaus Doldinger anfragen kann, wie sie Albert als Posaunisten finden, sehe ich mich außerstande, die Frage nach dem Feedback zu beantworten...

Was für Erinnerungen haben Sie, Ralph, an die Musik Ihres Vaters, was hat sie Ihnen (mit auf den Weg) gegeben? Musik spielte ja auch in Ihrem Leben immer eine Rolle, aber eben nicht die Hauptrolle. Von „New Romantics meets John Dowland“ auf einer EP 1983 blieb der Countertenor...

Ralph Mangelsdorff: Bereits als ganz kleines Kind machte mein Vater mit mir Gehörbildungsübungen, und sicher war das eine Prägung, die später mein Interesse beflügelte. Albert hat nie versucht mich in meinem Geschmack zu beeinflussen, da es seine Überzeugung war, dass ich mich frei entwickeln sollte. Wenn mein Vater zu Hause war, wurde Musik fast nur zu irgendwelchen Anlässen, wie z. B. wenn Gäste da waren, gespielt, ansonsten störte sie ihn in seiner Konzentration. In meiner frühen Kindheit hörte ich gerne Nancy Wilson und Ella Fitzgerald.
Es wird immer wieder gesagt, dass der Klang der Posaune der menschlichen Stimme am ähnlichsten sei. Ich kann dem nicht zustimmen, denn die physikalische Erzeugung eines Tons ist bei der menschlichen Stimme grundverschieden von der eines Blechblasinstrumentes. Andererseits gibt es durch seine Multiphonictechnik, bei der mein Vater viel die funktionale Kopfstimme einsetzte, viele Berührungspunkte. Für mich ging es dann in meiner musikalischen Entwicklung in eine andere Richtung, und ich bin bei meiner großen Vorliebe für die Polyphonie des Spätmittelalters und der Frührenaissance hängen geblieben.
Musik hat in meinem Leben immer eine Hauptrolle gespielt, mal in absoluter Zentrierung, mal als Hauptrolle neben anderen Dingen. Die Keimzellen meines zweiten Interessenschwerpunktes, die Biodiversitätsforschung sind sicher ebenfalls u. A. auch von meinem Vater gefördert worden, der sich sehr für alle Aspekte der biologischen Vielfalt, aber auch der Ethologie, insbesondere der Vögel, interessierte. Auf seinen zahllosen Zugreisen zu Veranstaltungen erwarb und las er immer wieder Bücher über Tiere und Pflanzen, die dann die Regale der elterlichen Wohnung füllten und von mir genutzt wurden. Von frühester Kindheit an mit ihm in den Wald zu gehen und Pflanzen- und Tierarten, so auch die Vogelarten am Ruf zu erkennen, war sicher ebenso prägend.
Mit Dowland 1983 spielen Sie auf frühe Versuche an, mich der alten Musik zu nähern, die zur Veröffentlichung einiger Aufnahmen führte. Aufnahmen, die mir aber heute nicht mehr viel sagen. Zuvorderst ist das was heute unter dem Begriff Countertenor erklingt, nicht das gleiche was in der Renaissance und dem Barock unter Namen verstanden wurde. Trotzdem hat die Wiederbelebung dieser heute so genannten Stimmgattung durch ihre reserviertere Benutzung des Vibratos, ihre geringere Lautstärke und ihres kultivierteren Messa di Voce viel dazu beigetragen die Interpretation alter Musik zu revolutionieren. Mit New Romantics hat das alles nichts zu tun und entsprechend konnte und kann ich mit diesem Begriff nichts anfangen.
22. August 2015
Interview: Detlef Kinsler
 
Detlef Kinsler
Weil sein Hobby schon früh zum Beruf wurde, ist Fotografieren eine weitere Leidenschaft des Journal-Frankfurt-Musikredakteurs, der außerdem regelmäßig über Frauenfußball schreibt. – Mehr von Detlef Kinsler >>
 
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