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"Angela Merkel ist kaum satisfaktions- und satirefähig"

sonneborn-foto-rethmannMorgen Abend, am 4. Oktober 2009 um 20 Uhr, feiert das "Faktenmagazin Titanic" in einem Staatsakt im Mousonturm sein 30-jähriges Bestehen. Der Bundesvorsitzende der PARTEI und ehemalige Chefredakteur der Titanic, Martin Sonneborn, stand dem Journal Frankfurt Rede und Antwort - über Nichtwähler, Kohl und 30 Jahre Satire.

Herr Sonneborn, wo stehen Sie politisch?
Ich kann das gut mit einem Wahlspruch der PARTEI illustrieren: Es kann, es darf und es wird links und rechts von der PARTEI nichts geben.

Nun wurde Ihre Partei nicht zur Bundestagswahl zugelassen ...
... weswegen wir auch direkt nach der Wahl Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht haben, um die Abstimmung anzufechten.

Können Sie denn auch die Nichtwähler verstehen?
Natürlich, es auch für uns eine Option, zum Nichtwählen aufzufordern. Es gibt schließlich keine Politik-, sondern lediglich eine Parteienverdrossenheit, die für die hohe Zahl an Nichtwählern sorgt. Die Zeit der großen Volksparteien ist vorbei. Davon profitieren natürlich obskure machtorientierte Gruppierungen wie wir.

Und wen haben Sie gewählt?
Wir haben unseren Parteimitgliedern einen Aufkleber zur Verfügung gestellt, mit dem sich die PARTEI recht problemlos auf den Stimmzetteln einfügen ließ. Ansonsten sind wir aber zweigleisig gefahren und haben zur Wahl der Piratenpartei aufgerufen.

Warum das denn?
Wir hätten eine Wahlwiederholung verlangen können, wenn wir das Ergebnis der Bundestagswahl maßgeblich beeinflusst hätten. Das wäre der Fall gewesen, wenn es die, wie wir sie nennen, Porno-Partei um den einstigen Sozialdemokraten Jörg Tauss ins Parlament geschafft hätte.

Schon vor Wochen haben Sie einen ersten Antrag ans Bundesverfassungsgericht gestellt, der prompt abgewiesen wurde. Sind Sie enttäuscht von der Demokratie?
Ja, sichtlich. Den ersten Antrag ans Bundesverfassungsgericht haben wir aber nur gestellt, um jetzt direkt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen zu können, was wir derzeit auch tun. Dort befinden wir uns in einer illustren Reihe mit russischen Parteien, die der lupenreine Demokrat Putin vor einigen Jahren verboten hat.

Sind Sie auch persönlich enttäuscht? Immerhin hatten Sie schon das Zimmer eines Abgeordneten ausgemessen ...
Nein, ins Parlament wären ohnehin andere eingezogen. Persönlich bin ich dem Bundeswahlleiter Roderich Egeler sogar dankbar, denn eine bessere Werbung für unseren Partei-Film hätten wir gar nicht bekommen können. Und Herr Egeler wird wegen seiner Entscheidung demnächst wahrscheinlich wieder für die Büroklammerbestellungen im Bundesinnenministerium zuständig sein, was ja auch ein hübscher Erfolg ist.

partei-georgien
Die PARTEI auf Staatsbesuch in Georgien

Was macht jetzt eigentlich Ihre hübsche Kanzlerkandidatin?
Erstmal ihren Uni-Abschluss.

Aber sie hat weiterhin eine Chance?
Wir fahren eine strikte Form der Politikverjüngung, in dem wir nur gutaussehende Frauen unter 35 Frauen in Amt und Würden heben. Das wäre bei der nächsten Wahl 2013 bei ihr ja noch der Fall.

Laut Ihrem Film wollten sie 2013 bereits die Macht im Land übernommen haben. Ist das nach den ganzen Niederlagen noch zu schaffen?
Als Politiker kann ich gar nichts anderes sagen als: Ja! Unser Film hat es gezeigt. Während andere Parteien auf rückwärtsgewandte Techniken wie Facebook oder Twitter setzen, erreichen wir mit unserem Propaganda-Film im Stile Leni Riefenstahls die Massen. In Hamburg wurden am ersten Abend von 1200 Kinobesuchern über 130 direkt nach Ansicht des Streifens Parteimitglieder.

partei-kanzlerkandidatin
Hat immer noch Chancen: Die Kanzlerkandidatin der PARTEI Samira El Ouassil

„Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag“, so steht es im Impressum der Titanic. Welche Rolle hat das Magazin bei der Gründung der Partei gespielt?
Die Partei ist der politische Arm des Faktenmagazins Titanic. Zur Parteigründung bestand der Vorstand ja auch sämtlich aus Titanic-Redakteuren. Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: Sobald wir die Macht in Deutschland übernommen haben, wird es Zwangsabos für alle wahlberechtigten Bürger geben.

Das dürfte die Auflage von sechzigtausend auf sechzigmillionen treiben – und alle Zukunftssorgen wäre das Blatt los.
Was heißt hier Zukunftssorgen? Titanic hat sich schon vor Jahren modern aufgestellt, etwa, in dem wir das erste Magazin wurden, das ohne Anzeigen auskommt. Mittlerweile ziehen selbst Großverlage nach und kopieren uns.

Schaut man sich die Titelbilder der vergangenen 30 Jahre an, dann ist sehr oft Helmut Kohl zu sehen. Ist das ein verstecktes Kompliment?
Glaube ich nicht. Helmut Kohl war eine dankbare Figur, bei Schröder wurde es schon schwieriger und bei der Konvertitin Merkel erst recht. Die ehemalige Sekretärin für Agitation und Propaganda der FDJ ist kaum satisfaktions- und satirefähig.

Nach dem Abdanken von Helmut Kohl fragte man sich: geht jetzt auch die Titanic unter?
Wir haben uns das nicht gefragt. Es gab ja auch genügend hoheitliche Aufgaben, die wir fortan erfüllt haben. Denken Sie etwa an die Ausladung Österreichs von der Expo 2000 in Hannover, die die rot-grüne Regierung trotz Haiders Aufstieg verpasst hatte. Oder die Kriegserklärung an Jugoslawien, die mussten auch wir verfassen, weil unsere saubere Regierung das wohl vergessen hatte. Nicht zuletzt haben wir die Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland geholt, in dem wir den Fifa-Funktionären Kuckucksuhren angeboten haben.

titanic-kohl-cover
Was dem Spiegel sein Hitler, ist der Titanic ihr Kohl

Hat Ihnen aber kaum jemand anerkannt ...
Na, doch: Rudi Völler hat sich bedankt. Außerdem haben wir vom DFB eine Klageandrohung über 300 Millionen Euro bekommen, was ja auch eine Art von Anerkennung ist.

hitler-antisemitIhr Lieblingstitelbild?
Da gibt es viele, aber mein Favorit ist: „Schrecklicher Verdacht: war Hitler Antisemit?“ Der Führer ist ja, wie man vom Spiegel weiß, auch immer gut für die Auflage.

30 Jahre Titanic: Der Staatsakt – Lesung im Mousonturm, 4. Oktober 2009, 20 Uhr
Das Buch: erschienen bei Rowohlt Berlin, 420 Seiten, 25 Euro
Die Ausstellung: Caricatura-Museum, Weckmarkt 17, 4. Oktober bis 31. Januar 2010
PARTEI-Buch-Lesung: 16. Oktober 2009, 20 Uhr, Brotfabrik


Das Interview erschien zuerst im Journal Frankfurt, Ausgabe 21/2009. Fotos: Tanja Rethmann, Abbildungen: Titanic
 
3. Oktober 2009, 11.18 Uhr
Nils Bremer
 
 
Fotogalerie:
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