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Foto: John Kayacan
Foto: John Kayacan

100 Jahre Leugnung – Völkermord an Armeniern

„Man hat sich nicht einfach abschlachten lassen“

100 Jahre Leugnung – so heißt die neue Ausstellung in der Bildungsstätte Anne Frank. Sie soll auf den Völkermord an den Armeniern aufmerksam machen. Das Deutsche Reich unterstützte den Genozid damals durch Untätigkeit.
„Der Völkermord an den Armeniern ist Teil der deutschen Geschichte. Das Kaiserreich war als Bündnispartner beteiligt. Es war alles dokumentiert, aber Kaiser Wilhelm II. hat nicht einmal Kritik geäußert“, betont Madlen Vartian, stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland. Dennoch finde das Thema nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit, werde oft verharmlost mit Begriffen wie „Vertreibung der Armenier“ oder „Massaker“.

„Der Charakter des Verbrechens wir damit verändert“, sagt Vartian. Daher habe sie sich sehr gefreut, dass sich die Bildungsstätte Anne Frank des Themas annimmt. „Gerade, weil es auch ein gezieltes Angebot für Schulklassen ist“, so Vartian. In diesem Jahr jährt sich der Genozid zum 100. Mal – so trägt auch die Ausstellung, die bis zum 15. Mai läuft, den Namen „100 Jahre Leugnung“.

Die Schau ist in drei Teile gegliedert. Der Völkermord selbst nimmt nur einen Teil ein. Die anderen zeigen die Sicht der Armenier heute auf die Geschichte sowie das heutige Armenien. Der Genozid durch die Osmanen ist anhand von Fotografien dokumentiert. Einige Bilder bestehen aus zwei Fotos, die übereinander hängen. Klappt man das erste zurück, kommt dahinter ein weiteres, grausameres zum Vorschein. Der Grund dafür sei das teilweise sehr jungen Publikum, erklärt Kuratorin Deborah Krieg. „So kann jeder selbst entscheiden, wie nah er herangehen will.“ Man sieht auf einem Werk etwa eine Reihe Menschen, ohne zu erkennen, wo sie stehen. Auf dem zweiten Bild wird dann sichtbar, dass sie sich vor einem Massengrab befinden. Ausgestellt sind auch einige Exponate aus dem früheren Leben in Armenien – etwa ein Wandteppich, oder eine Kette mit einem großen Kreuz als Anhänger. „Wir haben in den Regalen auch einige Leerstellen gelassen. Sie sollen die Schicksale symbolisieren, die nicht mehr erzählt, die nicht mehr rekonstruiert werden können“, erklärt Krieg.

Die Sicht der Armenier auf den Völkermord wurde in kurzen Videos festgehalten. Fünf junge Menschen, die in Deutschland leben, sahen sich Fotografien an. Sie erzählen zum einen, was sie beim Anblick der Bilder empfinden. Außerdem berichten sie von eigenen Familiengeschichten. „Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Einige waren sehr reserviert, andere sehr emotional, sie haben etwa Geschichten erzählt, die früher die Großmutter unter Tränen erzählte“, sagt Oliver Fassing, der die Ausstellung gemeinsam mit Krieg kuratiert hat. Auch seien die Interpretationen der Bilder sehr unterschiedlich ausgefallen. Die Armenierin Shushan Tumanyan erinnerte sich bei der Fotografie eines Arbeitslagers an das, was sein Großvater immer vom Widerstand seines Volkes berichtete. „Man hat sich nicht einfach abschlachten lassen“, so Tumanyan.

„Ein Highlight der Ausstellung“, so Fassing, seien die Fotografien von John Kayacan. Sie zeigen das heutige Armenien aus seiner Sicht. „Wir haben die Bilder entdeckt und erst später hausgefunden, dass er gerade mal 17 Jahre alt ist. Die Fotografien hat er teilweise mit 14 Jahren geschossen.“ Sie seien so begeistert von seinem Talent gewesen, dass eine von Kayacans Arbeiten nun den Flyer der Ausstellung ziert (Bild). Zum Abschluss der Schau, am 15. Mai, findet eine Podiumsdiskussion mit jungen Armeniern statt. „Wir suchen nach einer Finanzierung, um Kayacan einladen zu können“, so der Kurator. Ganz billig werde es nicht, denn der Fotograf lebe zurzeit in den USA.

Zum Rahmenprogramm gehört auch ein Studientag mit Workshops und Vorlesungen. Am 28. Februar ab 9.30 Uhr wird dann unter anderem thematisiert, warum deutsche Politiker immer noch vermeiden, die Vertreibung und Vernichtung der Armenier um 1915 als Völkermord zu bezeichnen.

Alle Informationen zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm gibt es hier

>> „100 Jahre Leugnung“ in der Bildungsstätte Anne Frank, Hansaallee 150, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10-17 Uhr,
Sonntag 12-18Uhr; Eintritt ist frei
 
10. Februar 2015, 10.59 Uhr
Christina Weber
 
 
Fotogalerie:
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