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Foto: Dirk Ostermeier
Foto: Dirk Ostermeier

Titelstory Graffiti

40 Jahre Graffiti in Frankfurt: Das sind die Pioniere

Graffiti im Stadtbild von Frankfurt sind nichts Neues. Wir sprachen mit den langjährigen Protagonisten Helge „Bomber“ Steinmann, „City Ghost“ Philipp Alexander Schäfer und dem Fotografen Jörg Udo Kuberek.
Mitte der 1980er Jahre fielen in Frankfurt die ersten vollfarbigen Graffiti auf, also Schriftzüge, die entweder einfarbig waren oder bereits ausgefüllt mit einer weiteren Farbe. Tags – also Signaturen kamen eher zum Ende der 1980er-Jahre hinzu und zwar ganz massiv. Im Bereich der Hauptwache waren nahezu an jeder Wand, jedem Mülleimer, jedem Stromkasten Tags zu finden. Buchstaben und Bilder wurden vielfältiger, es bildeten sich immer mehr Crews. Frankfurter und Wiesbadener Writer zum Beispiel verabredeten sich mittels Nachrichten an versteckten Orten, an der Autobahn oder unter Brücken.

Frankfurt entwickelte sich zur Hip-Hop-Hochburg in Deutschland

Als Vorbilder galten für viele Filme und Musikvideos aus den USA, das Internet gab es noch nicht. Frankfurt entwickelte sich zur Hip-Hop-Hochburg in Deutschland, mit allen Facetten, nämlich Rap, Breakdance, DJing und eben Graffiti. Es wurde zum Beispiel an einem Tag an der Hauptwache ge-breakdanced, gebeatboxt, am anderen Tag gemalt beziehungsweise gesprüht – immer mehr und in großem Stil.




Helge „Bomber“ Steinmann

Echte Highlights zu dieser Graffiti-Hochphase in Frankfurt veranstaltete Helge „Bomber“ Steinmann zusammen mit dem befreundeten DJ Cutmaster GB aus dem Funkadelic und dessen Frau Barbara, nämlich zwei große Hip-Hop-Jams: den Spring Jams 1 (1992) und 2 (1994) – mit beigefügter Graffiti-auf-Leinwand Ausstellung. Der erste Spring Jam lief unter Beteiligung legendärer Namen aus Breakdance, wie der Rocksteady Crew aus New York oder Acts wie den damals noch unbekannten Fantastischen Vier und des britischen Graffiti-Urgesteins Mode.

Journal Frankfurt: Du hast ja Mitte der 80er mit dem Thema Graffiti begonnen. Wie lief das am Anfang?
Helge „Bomber“ Steinmann: Meine Mutter sah den Film „U-Bahn Bilder und verrückte Beine” (heute ist der Bericht als Stylewars bekannt) und riet mir, ihn sich anzuschauen. Mir ging der Song daraus nicht mehr aus dem Kopf, sodass ich ein paar Tage später versuchte, ihn in Sulzbach im Radio Diehl auf Schallplatte zu kaufen. Der Verkäufer kannte den Track nicht. Es war „The Message” von Grandmaster Flash & the furious five. Unvorstellbar heutzutage. Danach ging es recht schnell, dass ich aus dem Ölkeller meiner Eltern Farbsprühdosen nahm und die Rückseite der Nachbargarage besprühte. Mittlerweile gab es die Breakdance-Welle und den Film Beat Street. Mein gesprühtes Motiv war das Beat Street Logo. Vorher hatte ich schon einiges auf Papier geübt und hatte eine Art Throw Up (Bubblebuchstaben) des Wortes Freeze auf einigen Fassaden des Ortes gesprüht.

Später hast du dir dein Studium durch erste Auftragsarbeiten finanziert. Wie hat es sich schließlich entwickelt, dass du „der Erfinder der buchbaren Graffiti-Kunst“ geworden bist?
Das kam daher, dass ich anfangs meine künstlerischen Materialien so besorgen musste, wie ich es nicht für richtig hielt, und mich daher als Gestalter an die Industrie und Firmen wandte. Schon vor und während des Kommunikationsdesignstudiums an der FH Darmstadt, das ich 1990 begann, hatte ich diverse Auftragsarbeiten auf Fassaden und Indoor geschaffen. Ich gründete mit einigen Werbern die weltweit erste Agentur, die Graffiti professionell anbot: Oxygen – the Art Agency, 1995. Leider viel zu früh, da wir den Markt erst schufen, unter anderem mit den ersten wirklich nutzbaren Farbranges von Sprühkünstler für Sprühkünstler: Belton-Oxygen, die heute noch im Vertrieb von Belton durch Belton Molotow existieren – ohne das ich davon wirklich einen Vorteil hätte. Es folgte ein Artikel im Spiegel und ein weltweit unglaubliches Medienecho.

Stichwort „der urbane Raum gehört allen“: Ist Graffiti politisch?
Definitiv. Der Akt des so genannten „wilden” Graffiti ist ja in sich schon politisch. Ich erachte per se jede künstlerische Aktivität, die sich im gesellschaftlichen Raum betätigt, als politisch. Und ganz sicher sind die Ideen, die in den USA entstanden, hochpolitisch. Hip-Hop und die Nutzung des öffentlichen Raums durch z.B. Skateboarding, Graffiti/Stylewriting, wilde Block Parties, DJing, Breakdance/B-Boying als Spielplatz und Gestaltungsfläche trägt natürlich explosives Gedankengut in sich und ist nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen: Statt es als Lösung für eine neue Gesellschaft anzusehen, werden diese Themen kriminalisiert, feste Orte dafür verankert (obwohl das der Idee komplett widerspricht) und werden dann zu sozial- und kunstpädagogischen Instrumenten umfunktioniert.




Philipp Alexander Schäfer aka City Ghost

City Ghost: „Buchstaben konnten andere einfach besser“

Bezüglich Graffiti gehört Philipp zu den älteren, wenn auch nicht zu den ganz „alten Hasen“. Es ging los, als er auf seinem Schulweg vom Dornbusch in die Stadt immer wieder neu aufploppende Bilder sah, meist im Bereich der U-Bahn. Das war Anfang der 1990er-Jahre. Ihn faszinierte, dass hierbei allen Gefahren zum Trotz der Drang groß genug war, diese Kunstform zu leben. Er selbst begann zunächst mit klassischen New York Stylewriting, entwickelte aber bald eine eigene Figur, die bis heute die Stadt prägt. „Buchstaben konnten andere einfach besser“, schmunzelt er. Er hingegen hatte den Anspruch, mit möglichst wenigen Strichen so viel Ausdruck wie möglich an die Wand zu bringen. Die Figuren, die er malte, hatten erst keinen eigenen Namen, bis sich die Bezeichnung „City Ghost“ etablierte. „Ich habe den Namen gerne übernommen, weil es ganz einfach passte“, sagt er. Die Tatsache, dass die Geister auftauchen und mal auch wieder verschwinden, beschreibe ja auch das Wesen von Graffiti.

Beruflich absolvierte er zunächst eine kaufmännische Ausbildung, machte auf dem zweiten Bildungsweg Abitur und studierte Politikwissenschaften an der Goethe-Uni. Er wurde Tutor im Bereich Kunstsoziologie. Es kamen die ersten künstlerischen Auftragsarbeiten und er entschloss sich, es beruflich als Künstler zu versuchen. Seine aktivste Zeit als City Ghost-Maler war Ende der 90er und Anfang der 2000er-Jahre, heute beschäftigt er sich künstlerisch mit anderen Bereichen, zum Beispiel mit Gullideckeln oder klassischer Ölmalerei.

Graffiti sind politisch, weil sie ungefragt Kunst auf die Straße bringen

Graffiti sind in seinen Augen allein dadurch politische State­ments, dass sie ungefragt Kunst auf die Straße bringen. Es seien Aufschreie, wahrgenommen zu werden. Kunst würde Philipps Ansicht nach zu stark elitär ausgelegt. „Kunst sollte aber für alle erlebbar sein, nicht nur für die, die ins Museum gehen“, so Philipp.

Der „City Ghost“ feiert 2024 sein 25-Jähriges. Aus diesem Anlass wird es eine Crowdfunding-Kampagne für eine Publikation geben. Außerdem hat er ab 28. September eine Ausstellung im Kunstverein Montez. Infos: www.philippalexanderschaefer.de




Jörg Udo Kuberek

Inspiriert durch den City Ghost

Er nennt sich selbst Foto-Jörg. Durch das Interesse an der Fotografie kam er Mitte der 1980er Jahre zum Thema Graffiti. Selbst sprühen war nicht sein Ding. 1988 brachte er mit zwei Freunden das Graffitimagazin „Mainstyle“ heraus. Bis 1993 war er mit der Kamera unterwegs auf der Jagd nach immer neuen Bildern. Dann kam ein Break, in dem er andere private und berufliche Prioritäten setzte. Beruflich hat er sich als ausgebildeter Fotograf irgendwann der IT zugewandt, die Fotografie blieb ein Hobby. Erst um das Jahr 2008 begann er wieder Graffiti zu fotografieren, inspiriert durch den „City Ghost“, dem er an vielen Ecken in Frankfurt begegnete.

Seine Sammlung umfasst 60 000 Fotos

Als Beobachter sind ihm sämtliche Strömungen im Graffiti schon vor die Linse gekommen, heute hat er um die 60 000 Fotos in seiner Sammlung. „In den Anfangszeiten war quasi alles New-York-Graffiti“, so Jörg. Er beschreibt, dass diese Graffiti-Bewegung ihre eigenen Regeln und ihre eigene Sprache hatte. Es ging darum, in einem bestimmten Zirkel verstanden zu werden. Die Styles waren nur für Insider les- und interpretierbar und eine hohe Qualität war wichtig. Graffiti sollte so optimal wie möglich gestaltet werden. Die Prämisse „all City“ meinte, dass die ganze Stadt mit Styles und Tags versehen wird.

Die krassesten Plätze sollen dabei aufgesucht und besprüht werden. Jörg Kuberek schreibt gerade mit zwei Mitstreitern an einem Buch über Graffiti in Frankfurt, in dem er die alten Geschichten der Anfangsjahre erzählen möchte. Jörg sieht seine Rolle darin, über Graffiti und die ihr zugrundeliegende Subkultur zu informieren, damit ein Grundverständnis darüber gesellschaftlich möglich wird und einer ablehnenden Haltung entgegenwirkt 
werden kann.

Noch bis zum 7. September (verlängert!) läuft die Fotoausstellung „Lost Paintings“ mit Fotografien von Jörg Udo Kuberek“. Täglich zu sehen am Wiesenhüttenplatz 38 im Le Méridien Hotel Frankfurt.
Infos unter www.mainstyle.org





So fällt die polizeiliche Kritik zu Graffiti aus

Journal Frankfurt: Wozu braucht es eine Ermittlungsgruppe Graffiti?
Polizei Frankfurt: Durch Sachbeschädigungen durch Graffiti an öffentlichen und privaten Objekten entstehen jährlich immense Schadenssummen. Neben dem finanziellen Schaden entsteht durch die Beschriftung/ Beschmierung ganzer Straßenzüge sowie nahezu sämtlicher unter- und oberirdischer Verkehrsbauwerke beim Betrachter ein Bild der Unsicherheit und beginnenden „Verslumung“ (Broken Windows Theorie). Die mangelnde soziale Kontrolle tritt dann offen zutage. Die Identifikation des Einzelnen mit der Umgebung nimmt ab. Dieser Zustand bleibt zudem nicht ohne negative Auswirkungen für das Bild der Stadt Frankfurt am Main im In- und Ausland. Die Aufklärungsquote war in diesem Deliktsbereich sehr niedrig. Delikte aus dem Bereich der sogenannten Massenkriminalität, wozu auch Sachbeschädigungen durch Graffiti gehören, haben auch eine besondere Bedeutung für das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Die Kommission polizeiliche Kriminalitätsprävention stellte im März 1998 in der bundesweiten „Bekämpfungskonzeption gegen illegale Graffiti“ und einem ergänzenden Sachstandsbericht im März 1999 das Phänomen umfassend dar. Da sich die Lage in Hessen allgemein betrachtet im Wesentlichen glich, wurden im Jahr 2001 in den Polizeipräsidien entsprechende Dienststellen installiert. Am 17.5.2001 wurde die AG (Arbeitsgruppe) Graffiti beim PP Frankfurt eingerichtet. Am 1.1.2009 erfolgte die Überführung der AG Graffiti in die Regelorganisation als eigenständige EG (Ermittlungsgruppe) Graffiti. Die EG Graffiti besteht aktuell noch immer.

Was sind Ihre Aufgaben genau?
Sachbearbeitung der anfallenden Delikte, Betreiben einer Datenbank, Zusammenarbeit mit anderen ermittlungsführenden Dienststellen, Informationsaustausch mit anderen zuständigen Behörden und Institutionen, Szeneaufklärung und -beobachtung, Erstellen von Lagebildern und Warnhinweisen im Zusammenhang mit besonderen Phänomenen.

Nehmen Straftaten in Sachen Graffiti in Frankfurt aktuell gerade zu, oder gab es Phasen, wo es mal sehr viel mehr Delikte dieser Art gab?
Die Fallzahlen nehmen seit 2009 stetig ab. Die Hochzeiten der Graffiti-Szene sind hiesiger Ansicht nach vorbei. Der Graffiti-Hype der 90er- und 00er-Jahre ist abgeflacht.

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Ankündigung
In Teil 2 werden wir die Frankfurter Entwicklung von Graffiti & Streetart weiter beleuchten. Unter anderem dabei sein werden die Frankfurter Streetart Künstlerin Hera, die wieder in Frankfurt lebt und hier sehr viel vor hat. Außerdem der Graffitist und Maler Guido Zimmermann. Ebenso der Graffiti-Maler „Peng“, dessen neustes Buch kürzlich erschienen ist – zu beziehen über re-cover, Neebstraße 1, 60385 Frankfurt.

Hier gibt es Führungen zum Thema Graffiti in Frankfurt:
www.frankfurter-stadtevents.de/graffiti
 
25. August 2023, 14.41 Uhr
Meike Spanner
 
 
Fotogalerie:
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Text: Meike Spanner / Foto: Harald Schröder
 
 
 
 
 
 
 
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