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Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder

Kindernothilfe Frankfurt

Erste Hilfe für die Seele

Die Psychologische Soforthilfe bietet Unterstützung für Frankfurter Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren. Im Interview erklärt Leiterin Christine M. Freitag, was im Beratungsgespräch passiert und wie geholfen wird.
JOURNAL FRANKFURT: Frau Freitag, Sie leiten die Psychologische Soforthilfe für Kinder und Jugendliche. Am häufigsten kommen diese wegen Ängsten und Sorgen zu Ihnen. Was belastet diese jungen Menschen?
Christine Freitag: Ein großer Teil der Familien hat sich in den vergangenen zwei Jahren aufgrund von Ängsten und Sorgen an die Soforthilfe gewandt. Bei circa 25 Prozent waren diese so stark anhaltend und ausgeprägt, dass der Verdacht auf eine Angststörung gestellt wurde. Zudem war die Inanspruchnahme durch Jugendliche mit Hinweisen auf eine depressive Symptomatik besonders hoch, insgesamt zeigte sich beispielsweise eine ungewöhnlich starke Verschlechterung der Stimmung und ein Verlust von Freude und Antrieb bei circa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die wir in der Beratung gesehen haben.

Haben diese Fälle zugenommen? Wenn ja, wo liegen die Ursachen?
Im Vergleich zu Erhebungen vor Beginn der Covid-19-Pandemie zeigen Studienergebnisse der Uniklinik Hamburg eine statistische Zunahme an Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen, wohingegen das Auftreten depressiver Symptome relativ konstant geblieben ist. Dass wir im Rahmen unseres Beratungsangebots trotzdem mehr Jugendliche mit depressiven Symptomen gesehen haben, ist dabei kein Widerspruch. Vielmehr kann es ein Hinweis darauf sein, dass einfach mehr Jugendliche mit depressiven Problemen Beratung und Unterstützung gesucht haben, da stabilisierende Faktoren wie feste schulische Strukturen und regelmäßige positive Aktivitäten mit Freunden und Sportangebote weggefallen sind. Vor allem letztere sind bei Jugendlichen als antidepressive Strategien hoch relevant und auch wissenschaftlich gut belegt.

Der Bedarf an schneller, psychologischer Hilfe war zur Zeit der Pandemie enorm groß – davor aber bereits auch

Die Psychologische Soforthilfe hat ihre Arbeit mitten in der Pandemie aufgenommen. War das eine Reaktion auf die vermehrt aufgetretenen Problemen bei Kindern und Jugendlichen?
Mit den Beratungsterminen haben wir im Juli 2021 begonnen, also in einer Zeit, in der immer offensichtlicher wurde, wie stark Kinder und Jugendliche durch die Pandemie und Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung wie Schulschließungen, Home-Schooling und dem Wegfall von Freizeitangeboten belastet waren. Der Bedarf an schneller, psychologischer Hilfe war also gerade zu dieser Zeit enorm groß. Tatsächlich haben wir aber bereits 2019 vor der Pandemie gemeinsam mit der Kinderhilfestiftung mit der Planung und Einrichtung der Früherkennungs- und Beratungsambulanz begonnen. Seit mehreren Jahren schon hatten wir in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Frankfurt einen deutlichen Zuwachs der Nachfrage nach Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen gesehen. Bundesweit waren vor der Pandemie etwa 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen von psychischen Auffälligkeiten betroffen. Mehrmonatige Wartezeiten für ambulante Diagnostik- und Behandlungsangebote waren vor der Pandemie bereits keine Ausnahme.

Wie schnell bekommt man einen Termin in der Soforthilfe?
In der Regel erhalten die Kinder und Jugendlichen innerhalb von 14 Tagen einen Termin in der Soforthilfe. Die Anmeldung erfolgt unkompliziert über unsere Homepage, auf der die verfügbaren Termine für die nächsten Wochen in einem Kalender angezeigt und direkt gebucht werden können. Nach der Buchung erhalten die Familien innerhalb von zwei bis drei Tagen eine Bestätigung per E-Mail und Informationen zum weiteren Ablauf. Um das Beratungsgespräch gut vorbereiten zu können, bitten wir die Familien vorab, einige Fragebögen auszufüllen. Die Fragebögen können seit April 2023 über ein Onlineportal ausgefüllt werden. So können wir das Beratungsgespräch gut vorbereiten.

Soforthilfe Frankfurt: Kinder und Jugendliche erhalten innerhalb von 14 Tagen einen Termin

Sie sagen, dass bei keinem der Ratsuchenden der Termin überflüssig war. Was tun Sie, um die erste Not zu lindern?
Um die erste Not zu lindern, ist es wichtig, den Familien schnelle und unkomplizierte Beratung und Hilfe anzubieten. Eine kurzfristige Anmeldung für das Beratungsgespräch ist da ganz wichtig. In dem Beratungsgespräch erfolgt dann eine erste diagnostische Einordnung der aktuellen Probleme und Beschwerden des Kindes durch eine psychologische Fachkraft. Diese klärt die Familie also darüber auf, ob überhaupt eine und falls ja, welcher Verdacht auf eine psychische Erkrankung vorliegt. Das Wissen darum ist enorm wichtig, um weitere Schritte zu planen, und stellt oftmals eine erste Entlastung dar. Die Familien wissen also was los ist.

Wenn der Verdacht auf eine Erkrankung besteht, werden die Eltern und ihre Kinder über die weiteren erforderlichen diagnostischen Maßnahmen und Behandlungsmöglichkeiten informiert. Dies wird auch ergänzt durch internetbasierte Informationen. Uns ist es wichtig, den Familien Orientierung zu geben. Am Ende jeder Beratung sollten die Familien wissen, welche Maßnahmen zur weiteren Diagnostik und Behandlung ergriffen werden können. Der einmalige Beratungstermin ersetzt aber keine ganzheitliche Diagnostik und erst recht keine Behandlung. Bei Möglichkeit vermitteln wir daher weiter. So konnten wir seit Beginn der Psychologischen Soforthilfe mehr als 250 Familien aus Frankfurt ein Angebot zur weiteren Diagnostik in unserer Institutsambulanz machen. Aber auch wenn sich der Verdacht auf eine Erkrankung nicht erhärtet, ist es wichtig, den Familien Informationen und erste Hilfen zum Umgang mit den aktuellen Problemen mit an die Hand zu geben und damit zur Entlastung beizutragen.

Das Chronifizierungsrisiko bestimmter Erkrankungen erhöht sich bei langen Wartezeiten

Manchmal kann es ja viele Wochen dauern, bis Menschen mit psychischen Problemen einen Termin in einer Facharztpraxis bekommen. Warum ist es wichtig, nicht zu lange zu warten?
Wartezeiten für ambulante Beratungs- und Diagnosetermine von mehreren Wochen und Monaten stellen für betroffene Kinder und Jugendliche und deren Angehörige meist eine sehr große Belastung dar. Zudem erhöht eine zu späte Diagnosestellung gerade bei Erkrankungen wie Essstörungen, Angsterkrankungen oder depressiven Episoden das Chronifizierungsrisiko deutlich. Unser Anliegen ist es, eine frühzeitige diagnostische Einordnung zu ermöglichen, also eine psychische Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Wenn der Verdacht auf eine Erkrankung besteht, können wir orientierend beraten und die Familien über Maßnahmen zur weiteren Diagnostik und Behandlung informieren. Aber nicht immer erhärtet sich der Verdacht auf eine Erkrankung. In diesen Fällen ist es wichtig, den Familien Informationen und erste Hilfe zur Selbsthilfe zu geben und damit einer möglichen Entwicklung einer Erkrankung vorzubeugen.


Info
Zur Person: Prof. Dr. med. Christine M. Freitag ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Frankfurt. Die Psychologische Soforthilfe für Kinder und Jugendliche ist entstanden aus einer gemeinsamen Initiative der Kinderhilfestiftung e. V. Frankfurt und der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Frankfurt. Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren finden hier schnell und unkompliziert kostenlose Unterstützung. Damit die neue Beratungsstelle ihren Dienst aufnehmen konnte, leistete die Kinderhilfestiftung eine Anschubfinanzierung für die kommenden drei bis vier Jahre in Höhe von 400 000 Euro aus Spendengeldern. Bislang (Stand Oktober 2023) wurden rund 747 Termine bei der Soforthilfe gebucht, 487 Beratungen haben stattgefunden und in 448 Fällen wurde eine sogenannte Verdachtsdiagnose gestellt, 232 sind nicht zum Termin erschienen.
 
3. Dezember 2023, 09.41 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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