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Violence Prevention Network in Frankfurt
 

Violence Prevention Network in Frankfurt

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Wie man Salafisten entradikalisiert

Foto: © Bernd Kammerer
Foto: © Bernd Kammerer
Das Violence Prevention Network versucht, dem Extremismus entgegenzuwirken. Nun ist er auch in Hessen tätig. Ein Besuch bei Menschen, die versuchen, mit radikalisierten Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.
Da gibt es Maurice aus Wiesbaden, 15 Jahre alt, der zum Islam konvertiert ist und nun im Fernsehen ankündigt: „Jetzt will ich hier Dschihad machen.“ Mit „hier“ meint er Syrien. Und dann gibt es Kreshnik B. aus Frankfurt-Rödelheim, der 2013 nach Syrien gegangen ist und sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen hat. Er schob Wachdienste, arbeitete als Sanitäter, nahm an Kampfeinsätzen teil. In einem Skype-Chat beschrieb er das seiner Schwester so: „Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah.“ Nun steht Kreshnik vor Gericht. Die Aussage hat er verweigert, sein Anwalt sagt ihm ein „posttraumatisches Stress-Syndrom“ nach und dass er in Therapie gehöre.

Maurice und Kreshnik B. sind keine Einzelfälle. Laut Verfassungsschutz steigt die Anzahl der radikalisierten Deutschen, die sich der IS anschließen. Die Handlanger der Terroristen rekrutieren erfolgreich junge Menschen: Weit mehr als 450 Personen sollen bereits nach Syrien und in den Irak ausgereist sein. 120 von ihnen sind bereits zurückgekehrt, sie gelten als besonderes Sicherheitsrisiko. Allein in Hessen wird laut Staatsanwaltschaft gegen 50 Menschen ermittelt, die sich mutmaßlich in Syrien der IS anschließen wollten – fast alle stammen aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Um der zunehmenden Radikalisierung von Jugendlichen entgegenzuwirken, hat sich im Jahr 2009 in Berlin der Verein Violence Prevention Network (VPN) gegründet. Er geht präventiv gegen Islamismus, Salafismus und Rechtsextremismus vor, indem seine Mitarbeiter ezielt auffällige Jugendliche aufsuchen und Eltern beraten; sie suchen aber auch Insassen von Jugendvollzugsanstalten auf. Seit Juli arbeitet das VPN auch in Frankfurt und ist Träger des Hessischen Präventionsnetzwerks gegen Salafismus, dem ersten seiner Art in Deutschland. Im Oktober wird das Büro offiziell eröffnet.

„Seit vielen Jahren wird über radikalisierte Jugendliche diskutiert, aber nicht mit ihnen gesprochen“, sagt Thomas Mücke, Mitbegründer und Geschäftsführer des Vereins. Die Bundesregierung hat zwar in ihrem Koalitionsvertrag erklärt, die Extremismusprävention zu bündeln und zu optimieren, Radikalisierung, rassistischen und demokratiefeindlichen Strukturen entgegenzutreten, aber bislang gibt es keine regelfinanzierten Programme.

Das VPN ist ein Zusammenschluss verschiedener Fachleute: Sozialarbeiter, Ethnologen, auch Imame wirken hier mit. Insgesamt gibt es 25 feste Mitarbeiter, daneben Freiberufler. Jeder Mitarbeiter werde zusätzlich ein Jahr lang geschult, erzählt Thomas Mücke. Der Verein finanziert sich aus Mitteln der Europäischen Union und aus Spenden der privaten Wirtschaft.

„Das größte Problem ist, eine Beziehung zu den Betroffenen herzustellen“, sagt Mücke, der selbst Pädagoge und Politologe ist. Wenn man wolle, dass der Jugendliche sich für andere Ansichten öffne, müsse man zunächst Interesse an seiner Person und Position zeigen. Nur so könne man auch die Probleme verstehen, die hinter einer Radikalisierung stehen.

Auch wenn jeder Lebenslauf unterschiedlich ist, gibt es einige wiederkehrende Muster: „Viele sind vaterlos aufgewachsen, haben ein niedriges Selbstwertgefühl und eine geringe gesellschaftliche Anerkennung, sind bildungsfern und dadurch leicht beeinflussbar“, sagt Mücke. „Extremisten versuchen, die erschwerten Lebenszusammenhänge auszunutzen.“ Den Jugendlichen werde eine emotionale Zugehörigkeit angeboten, sie würden als Opfer des dekadenten Westens dargestellt und man vermittle ihnen eine radikale Sicht auf den Islam. Da die Jugendlichen zwar meist eine religiöse Restidentität hätten, aber ansonsten „religiöse Analphabeten“ seien, seien sie empfänglich für extreme Ansichten über den Islam – sie kennen keine Alternative. Aber für Thomas Mücke ist klar: „Der Islam ist für die IS keine Religion, sondern eine Ideologie, sie missbraucht ihn für ihre Zwecke. Die IS ist hochgradig antireligiös und vertritt eine faschistische Ansicht, die mit dem Islam nicht in Verbindung zu bringen ist.“ Diese Ideologie propagiere ein Ungleichheitsbild des Menschen, nach dem einigen das Lebensrecht abgesprochen werde. Diese Ansicht sei maßgeblich für den Extremismus, der auch Demokratie und Menschenrechte ablehne – wie der Rechtsextremismus. Der Islam schließe Gewalt aus.

Um die Gedanken der radikalisierten Jugendlichen zu verstehen, hat Thomas Mücke selbst mit ihnen im Koran gelesen – und dass obwohl er Atheist ist – und mit ihnen über Religion diskutiert. Ziel der Vereinsarbeit ist es, die Betroffenen aus dem „Kokon des Schwarz-Weiß-Denkens“ zu holen und sie für andere Sichtweisen zu öffnen. Zum eigenständigen Denken gehört auch, ihr Selbstwertgefühl aufzubauen und ihr Leben konkret zu planen. Die Betreuer begleiten die Jugendlichen in der Ausbildung, aber beraten sie auch bei Konflikten mit Familien. Bis zu zwei Jahre kann das Verhältnis dauern. „Die Beziehung ist ehrlich gemeint und muss verlässlich sein“, sagt Mücke. Der neueste Arbeitsschwerpunkt hat erst vor einigen Tagen begonnen und ist eine der größten Herausforderungen für das Netzwerk: Die Arbeit mit jungen Menschen, die in Syrien für die IS gekämpft haben und nach Deutschland zurückgekehrt seien. Die Jugendlichen seien traumatisiert und hätten schwerste Straftaten begangen. „Hier müssen wir noch neue Erfahrungen machen“, sagt Thomas Mücke. „Wir sollten alles daran setzen, zu verhindern, dass es dazu überhaupt kommt.“ Sein Appell: Moscheen und Jugendhilfe-Einrichtungen dürften sich nicht von radikalisierten Jugendlichen distanzieren, denn dadurch gerieten sie erst in die Isolation, die sie für Extremisten anfällig mache.

Eine Version dieses Artikels erschien zuerst in der Ausgabe des Journal Frankfurt vom 7. Oktober 2014. Hier können Sie ein Abo abschließen.
 
27. Oktober 2014, 11.06 Uhr
Lukas Gedziorowski
 
Lukas Gedziorowski
Jahrgang 1985, Studium der Germanistik in Frankfurt, seit 2011 freier Journalist, seit 2013 beim Journal Frankfurt. – Mehr von Lukas Gedziorowski >>
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Leser-Kommentare

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Ronald M. Filkas am 5.11.2014, 13:33 Uhr:
Aha, Anerkennung durch ehrliche Arbeit? Was aber, wenn es an dieser mangelt? Und kaum jemand, glauben Sie mir, nimmt H4, wie Sie es nennen, freiwillig und für längere Zeit in Kauf!
 
Der Leser am 27.10.2014, 16:22 Uhr:
Das Problem ist nicht zu wenig Verständnis, Arbeitsgruppen und Netzwerke für solche Jugendliche, sondern fehlende Regeln, Ordnung und Leitplanken und der Zwang zu Leistung. Wer ohne Konsequenzen den Tag vor der Spielkonsole oder auf Youtube verbummeln kann und dieses Verhalten noch mit H4 belohnt bekommt, lernt nie, dass Leistung sich lohnt und kommt vor lauter Langeweile auf krumme Pfade. Erfolg, Leistung und ehrliche Arbeit wird gesellschaftlich anerkannt - da ist der ethnische Hintergrund egal. Wer nichts im Leben erreicht, muss sich nicht wundern, wenn er sich nicht akzeptiert fühlt. Er ist es nicht.

Darum: Wie viele Freizeitangebote und Verständnisrunden soll es denn noch für "strauchelnde" Jugendliche geben? Wie lange sollen wir denn noch die Schuld bei der Gesellschaft suchen?
Solange jedes Fehlverhalten als "jugendlicher Blödsinn" schöngeredet wird, solange es selbst für die bösesten, hinterhältigsten und menschenverachtendsten Straftaten 20 Sozialstunden und einen Delfin-Therapieurlaub gibt, solange wir uns einreden, dass man das Böse wegsozialisieren kann, solange gibt es keine Hoffnung auf Besserung.

Schon immer tun Menschen das, was möglich ist, sofern keine schmerzhaften Strafen drohen. Der Schriftsteller PJ O'Rourke schrieb einst in einem Bericht über den Bürgerkrieg im Libanon: "Die jungen Leute brauchen dringend unser Mitgefühl und unser Verständnis. Oder eine Fünfunddreißig-Zentimeter-Granate vom Schlachtschiff New Jersey."
 
 
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