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Turnstunde in der Jahrhunderthalle mit Sistan
 

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Turnstunde in der Jahrhunderthalle mit Sistanova und Rihanna

Man stelle sich folgendes vor: Ein Mann Anfang Dreißig ist in seiner Jugend und frühen Erwachsenenzeit ziemlich häufig auf Konzerte gegangen. Er hat Philip Boa live gesehen und Morrissey, The The oder auch die Stray Cats – kurz: Konzerte, bei denen Menschen auf die Bühne kommen und jene Lieder spielen, die sie einst selbst geschrieben haben. Dann sind die Neunziger nahezu spurlos an dem Mann vorüber gegangen, und nun befindet er sich, in Begleitung einer Zwölfjährigen, in der Höchster Jahrhunderthalle beim Auftritt des Superstars Rihanna, und plötzlich ist alles anders.


Der Mann hat das schon hin und wieder bei „Popstars“ gesehen – der erste Eindruck, bereits bei der Vorgruppe, der Frankfurter Nachwuchsgirlband Sistanova: Es ist nicht nur ein Konzert, sondern auch eine Turnstunde. Jedenfalls zappeln schon hier zwei Jungs ein wenig unbeholfen im Bühnenhintergrund herum, während die drei siebzehn- und achtzehnjährigen Sistas den Heimvorteil nutzen und eine durchaus professionelle Show abliefern.


Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum bereits zahlreich erschienen, in Feierlaune, jubelt, als die drei beim Abgang „Frankfurt, wir lieben dich“ rufen. Das Gleiche wird Rihanna im Übrigen später recht häufig sagen, nur auf Englisch. Sie wird sagen, dass die Fans in Deutschland, und da wiederum in Frankfurt ihr ganz besonders am Herzen liegen. Ob sie das in Köln oder München auch sagt? Danach kommt erst einmal, ja genau: Werbung. Auch das kannte der Mann noch nicht – zwei überdimensionierte Bildschirme, die in einer Endlosschleife zielgruppengerechte Spots zeigen: Handytarife, Wimperntusche, Turnschuhe.


Hier wird nichts dem Zufall überlassen, gar nichts. Das merkt man auch an Rihannas Auftritt – alles ist durchchoreografiert, nichts ist zufällig, nichts geht schief, und das ist so beängstigend wie auch langweilig. Rihanna singt durch ein mit Strass besetztes Mikrofon, auf dem die Worte „Bad Gal“ zu lesen sind. „Good Girl gone bad“ heißt dann auch ihr neues Album, aber wer soll ihr das abnehmen? Da nutzt auch das Sado-Maso-Leder-Nieten-Oberteil, mit dem sie zu Beginn auf die Bühne kommt, wenig, auch das spätere Herumgespiele mit einer Peitsche wirkt eher ein bisschen komisch: Da steht eine Neunzehnjährige mit (die Großbildschirme enttarnen es gnadenlos) ziemlich schlechter Haut und beeindruckendem Dekolleté und ebenso beeindruckender Stimme, umgeben von Tänzern und Background-Sängerinnen, hetzt die Showtreppe hoch und runter, singt ziemlich austauschbare und glatte Songs, vor ihr ein Meer von in die Höhe gestreckten Mobiltelefonen, die vom Balkon aus geradezu romantisch leuchten.


Früher, als man auf Konzerten noch rauchen durfte, waren es Feuerzeuge, denkt der Mann ein wenig traurig. Ganz zum Schluss kommt Rihanna noch einmal auf einem Sofa auf die Bühne gefahren und singt ihren Sommerhit „Umbrella“. Den erkennt auch der Mann wieder. Im Publikum öffnen sich einige Regenschirme; die Tänzer auf der Bühne zeigen eine Regenschirm-Choreografie. Dann sagt Rihanna dass sie alle Frankfurter liebt. Der Mann ist befremdet, die Zwölfjährige entzückt. Am Ausgang warten Massen von Eltern, um ihre Kinder abzuholen. Der Mann denkt kurz, dass er alt geworden ist. Dann denkt er beruhigt, dass er am nächsten Tag zur Eintracht gehen wird. Da kennt er sich aus. Christoph Schröder

24. November 2007
red
 
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