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Foto: Hans Heckmann/dpa
Foto: Hans Heckmann/dpa

Migration

„Wir waren die Spaghetti-Fresser“

Als die Eltern von Marco Antonio Cristalli in den 1960er-Jahren nach Deutschland kamen, verboten manche Lokale noch den Eintritt für „Hunde und Italiener“. Die heutige Anti-Rassismus-Debatte empfindet er dennoch oftmals als verkürzt. Ein Gastbeitrag.
Sind Italiener:innen Migrant:innen? Erleben wir Rassismus? Als ich vor 20 Jahren begonnen habe, mich im linken Anti-Rassismus zu engagieren, waren solche Fragen undenkbar. Es war klar, dass die italienische, wie auch die griechische, spanische oder polnische Community, Teil dieses Diskurses waren, der damals noch wesentlich diverser und pluralistischer aufgestellt war als heute. Niemand hätte es gewagt, solche Fragen zu stellen. Wieso auch?

Ein Lehrer bezeichnete mich einst wegen einer vier als Schulnote regelmäßig als „Pizza Quattro-Stagioni“, meine Körpergröße wurde als abnormal betrachtet („Italiener sind doch alle klein!“) und das generelle Misstrauen, dem man oft begegnet („Italiener sind ja alle korrupt und bei der Mafia!“), ist nun auch nicht sonderlich charmant. Das war nur eine kurze Zusammenfassung. Ich habe noch einige solcher Geschichten auf Lager. Wenn man aus dem Land von Dante, Boccaccio, Da Vinci und Fellini stammt, aber nur auf Pizza, Pasta und Mafia reduziert wird, ist das schon ziemlich bitter. Mein Leben lasse ich davon aber nicht bestimmen, denn es bleibt nur ein Teil meiner Erfahrungen.

Wenn ich von diesen Episoden erzähle, jubeln mir linksliberale Menschen regelrecht zu. Ich bin zu hundert Prozent ein Migrant, für viele sogar ein PoC (Person of Color). Kritisiere ich hingegen den deutschen Anti-Rassismus als elitär, weltfremd und überzogen, bin ich für die Lifestyle-Linke gleich so bio-deutsch, dass ich Sandalen mit Socken trage: „Du bist doch gar kein Ausländer. Du kannst da gar nicht mitreden.“ Auf kritische Nachfragen reagieren diese Menschen dann meist sehr gereizt. Warum ist Clan-Kriminalität ein rassistischer Begriff, aber Mafia nicht? Beide Begriffe beschreiben das identische Phänomen. Warum gelten identitätspolitische Konzepte, wie kulturelle Aneignung, nicht für die italienische Kultur? Döner- oder Brezel-Pizza sind nun wirklich nicht genuin italienisch. Sahne in der Carbonara auch nicht. Die Antwort ist verblüffend: Das könne man nicht vergleichen. Wir Italiener seien doch schon immer privilegierte Migrant:innen gewesen, die noch nie von Rassismus betroffen waren. Wir wären ja nie marginalisiert worden. Das ist so falsch wie Olivenöl im Pastawasser.

Als meine Familie in den 1960er-Jahren in Deutschland ankam, war es noch völlig üblich, dass an Gaststätten Schilder mit der Aufschrift „Kein Eintritt für Hunde und Italiener“ hingen. Mein Onkel wollte tanzen gehen und wurde brutal abgewiesen. Zur selben Zeit wurden meine Mutter und meine Tante regelmäßig auf dem Schulhof rassistisch beschimpft. In den Fabriken fand ähnliches statt. Nicht viel anders erging es italienischen Migrant:innen in den USA, Belgien, Frankreich oder der Schweiz. Wir waren die Spaghetti-Fresser. Die Itaka-Säue. Wir waren ganz unten. Keine gut integrierten Luxus-Migrant:innen. Ich erwarte keine Empathie für diese Erfahrungen. Aber ich erwarte, dass sie anerkannt und nicht negiert werden. Nur weil Deutsche nun regelmäßig Pasta kochen (und das meistens völlig falsch), ist dies kein Zeichen einer vollkommenen Integration, frei von jedem Rassismus.

Der doppelzüngige Umgang mit unserer Community offenbart den wahren Charakter des identitätspolitischen Anti-Rassismus. Es geht nicht um uns Migrant:innen. Dann würde das Migrant:in-Sein nämlich nicht an Rassismus-Erfahrungen gekoppelt werden. Man würde versuchen, die komplette Vielfalt von Migrationserfahrungen in diesem Land abzubilden. Unter uns: Die meisten Migrant:innen, die ich kenne, lachen über die populären Anti-Rassismus-Bücher unserer Zeit, da sie zum Teil völlig absurd sind. Mit migrantischen Lebenswirklichkeiten hat das nur bedingt etwas zu tun. Worum geht es dem neuen Anti-Rassismus also wirklich? Wir Migrant:innen müssen eine bestimmte Opferrolle ausfüllen, damit Lifestyle-Linke sich schuldig und im Anschluss, nach durch uns erfolgter Absolution, als geläuterte, bessere Menschen fühlen können. Anti-Rassismus oder doch eher Narzissmus?

Vielleicht fremdelt man deswegen so mit uns. Vielleicht werden wir deswegen nicht zum Thema Rassismus befragt. Wir scheinen diese für uns vorgesehene Rolle nicht erfüllen zu wollen. Italienischstämmige Menschen, wie der Politiker Fabio de Masi, der Journalist Giovanni di Lorenzo oder die Vorsitzende des VW-Betriebsrates Daniela Cavallo, betonen nicht bei jeder Gelegenheit ihren Migrationshintergrund. Sie definieren sich nicht alleine darüber. Sie wollen als Individuen wahrgenommen werden, die ihre Arbeit gut machen. Ein vernünftiger Ansatz – aber der Alptraum von „woken“ Lifestyle-Linken, denen plötzlich ihr geliebtes Opfer genommen wird. Ich tue euch dieses Gefallen auch nicht, meine lieben deutschen links(il)liberalen Freunde. Ja, meine Familie und ich haben Rassismus erlebt. Gleichzeitig hat dieses Land uns jedoch großartige Chancen gegeben. Ich bin froh, hier zu leben. Eure Heimat ist mittlerweile eine meiner Heimaten. Sie ist kein Alptraum, sondern der Ort, an dem ich mich entfalten konnte. Mein Migrationshintergrund hat mir dabei oft genug Vorteile – gar Privilegien! – ermöglicht, die ein Bio-Deutscher nicht hatte.

Migrationsgeschichten sind facettenreich. Sie sind geprägt von widersprüchlichen Erfahrungen. Sie sind pluralistisch. Sie sind prinzipiell nicht dafür geeignet, in binäre Schemata gedrängt zu werden. Ich bin kein Opfer. Ich werde auch keines, um mich beim linksliberalen Milieu beliebt zu machen. Dafür habe ich zu viel kana-kischen Selbstrespekt. Es ist großartig, dass wir endlich mehr migrantische Stimmen im öffentlichen Diskurs erleben dürfen.

Doch wenn ein Teil dieser nur versucht, die Schuld- und Läuterungsbedürfnisse einer linken Elite zu bedienen, wird die ganze Sache zur Farce. Da steige ich aus – und mit mir viele andere Migrant:innen. Auch, weil diese Herangehensweise Rassismus letztendlich bagatellisiert. Mein Großvater – ein Kommunist – hat mir beigebracht, was Würde und Empowerment bedeuten. Das waren die zentralen Gründe, warum er nach Deutschland kam. Er wollte vernünftige Arbeitsbedingungen und die hat er gefunden. Sein deutscher Traum hat sich erfüllt. Ähnliche Geschichten erzählen genügend andere Migrant:innen. Es muss ihnen nur zugehört werden.

Wir reden viel über Diversität und allerlei schicke Begriffe. Was ich mir tatsächlich wünsche, ist eine Debatte und mediale Landschaft, die dem Meinungspluralismus der migrantischen Community gerecht wird. Eine Diskussion, die versucht, alle Einwanderergruppen miteinzubinden. In der Migrant:innen, die Kritik am gegenwärtigen Anti-Rassismus üben, nicht wüst beschimpft werden. In der Migrant:innen auf Augenhöhe begegnet wird. Dann könnte vielleicht auch ein Anti-Rassismus entstehen, der diesen Namen verdient hat. Wir brauchen ihn nämlich. Rassismus ist in unserer Gesellschaft präsent. Er bedroht das Leben vieler Menschen. Er muss jedes Mal aufs Neue bekämpft werden. Das können wir nur gemeinsam.

__________________________________________________________

Marco Antonio Cristalli
Jahrgang 1988, Romanist und Anglist, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an
der Philipps-Universität Marburg, dort lehrt und forscht er zu französischer
und italienischer Literatur.

Dieser Text ist zuerst in der Juni-Ausgabe (6/2021) des JOURNAL FRANKFURT erschienen.
 
30. Juli 2021, 12.27 Uhr
Marco Antonio Cristalli
 
 
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