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Foto: Das verbleibende Team der Manufaktur (v.l.n.r.): Sylke Bosse, Steffen Taubhorn, André Haase, Regina Raffel mit HfG-Präsident Bernd Kracke. Im Mittelpunkt eine Schale der Künstlerin Felicithas Arndt. © Dirk Ostermeier
Foto: Das verbleibende Team der Manufaktur (v.l.n.r.): Sylke Bosse, Steffen Taubhorn, André Haase, Regina Raffel mit HfG-Präsident Bernd Kracke. Im Mittelpunkt eine Schale der Künstlerin Felicithas Arndt. © Dirk Ostermeier

Höchster Porzellanmanufaktur

Kunst rettet Handwerk

Die Höchster Porzellanmanufaktur stand schon mehrfach vor dem Aus. Nun übernimmt die Hochschule für Gestaltung aus Offenbach den Traditionsbetrieb und sichert damit sein Überleben. Im Interview erklärt Präsident Bernd Kracke, wie es zur Übernahme kam und was geplant ist.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Professor Kracke, die Hochschule für Gestaltung wird die Höchster Porzellanmanufaktur (HPM) mit einem neuen Konzept weiterführen. Wie kam es dazu?
Bernd Kracke: Die Hessische Landesregierung hat in einer konzertierten Aktion gemeinsam mit der HfG Offenbach die Idee für die Übernahme der 1746 gegründeten und in den letzten Jahren zweimal insolvent gegangenen Höchster Porzellanmanufaktur entwickelt, um sie in einen Ort für Lehre und Forschung umzuwandeln. Die treibende Idee dahinter war, das Kulturerbe und das bisherige Wissen um das traditionsreiche Porzellanhandwerk zu erhalten und in einen neuen, zukunftsträchtigen Kontext einzubetten. Dass die Landesregierung die HfG mit dieser Aufgabe betraut, fußt auch auf einem historischen Fundament. Die HfG wurde ursprünglich 1832 als Handwerkerschule gegründet und hat diese Wurzeln über die Jahrhunderte auch mit Bezug zur handwerklich-künstlerischen Tradition des Bauhaus und der HfG Ulm gepflegt und weiterentwickelt. Außerdem lehrte mit Lore Kramer eine Koryphäe des Keramik-Designs als Dozentin Keramik in der Vorgängerinstitution der HfG und nach der Umwandlung in eine Landeskunsthochschule 197. 0 als Professorin im Fachbereich Produktgestaltung (heute Design) mit Schwerpunkt Designgeschichte.

Wie sieht das neue Konzept aus?
Das Konzept sieht vor, die HPM in einen fachbereichsübergreifenden Lehr- und Forschungssatelliten der HfG umzuwandeln. Vier Elemente sind zentral für die geplante Transformation: Wir möchten die Formen bewahren durch Archivierung und Sichtbarmachung der historischen Entwürfe und Formen; wir möchten die Fertigung und Produktion bewahren, heißt, das Fertigungs-Know-how und die vollständigen Produktionsabläufe sichern und weitergeben. Darüber hinaus möchten wir an den Formen und Materialien lehren und lernen in diesem neuen, für eine Kunsthochschule einzigartigen Reallabor für Kunst und Design und längerfristig die Manufaktur als „Institute for Advanced Material Studies“ etablieren. Die HPM soll in diesem Sinne zu einer innovativen und erweiterten HfG-Talentschmiede mit hoher Strahlkraft für die Rhein-Main-Region und das Land Hessen werden.

Was kann man sich unter dem „Institute for Advanced Material Studies“ vorstellen?
Das Thema Materialforschung findet seit Jahren in verschiedenen Lehrgebieten und Werkstattkontexten unserer Fachbereiche Kunst und Design statt, sei es im Lehrgebiet Materialdesign oder in unserem Labor Kunst. Darauf aufbauend möchten wir längerfristig gedacht einen Ort schaffen, an dem junge Talente durch Forschungsfreiräume für Individual- und Gruppenprojekte gefördert werden. Durch einen Zugang zur Handwerkstradition, zu Stipendien und zur Forschung innerhalb unseres Promotionsstudienganges können wir unserem Auftrag nachhaltig gerecht werden: einen Nachwuchs in dem traditionellen Handwerk zu professionalisieren, das Handwerk dadurch zu erhalten und mit moderner Forschung und neuen Techniken zu verbinden.

Es ist ja eine durchaus komplexe und neue Aufgabe, einen Traditionsbetrieb zu erhalten und gleichzeitig mit den digitalen Inhalten, die an der HfG gelehrt werden, zu verzahnen. Wie soll das geschehen?
Das ist in der Tat eine logistische und strukturelle Herausforderung, aber eine, von der die HfG und die gesamte Region profitieren werden. Das Wort Verzahnung trifft es sehr gut, denn genau so werden wir vorgehen. Im Rahmen der Übernahme werden Mitarbeiter:innen der HPM, die das Wissen und das Knowhow mitbringen, übernommen und mit HfG-Lehrkräften aus unseren Fachbereichen Kunst und Design ein neues Team bilden. Dadurch ergibt sich ein großes Potential für neue Ansätze: die Verknüpfung mit neuen digitalen Verfahren wie keramischen 3D-Druck-Verfahren, der Robotik, neuen digitalen Oberflächenveredelungen und der Öffnung hin zu anderen Materialgruppen, Verfahren und Kontexten. Im Fokus wird ein experimenteller und interdisziplinärer Dialog stehen mit Blick auf die grundlegende Rolle des Materials im Prozess. Es ist dabei auch an eine starke Öffnung zur Bevölkerung gedacht, um das Thema Porzellan und Keramik durch Vorträge, Workshops und Ausstellungen zugänglich und populär zu machen.

Entsteht hier ein Bauhaus 2.0?
Wir sind uns unserer Traditionen auch in Bezug zum Bauhaus und der HfG Ulm sehr bewusst. Doch ist die HfG Offenbach über die Jahrzehnte und durch die Entwicklungen der vergangenen Jahre zu einem eigenständigen, international renommierten Player geworden. Ich betrachte die Transformation daher eher als eine HfG 2.0, die ja auch durch den geplanten Neubau im Hafen Offenbach eine ganz neue Strahlkraft entwickeln wird.

Die Höchster Porzellanmanufaktur stand ja schon ein paar Mal vor dem Aus, zuletzt scheiterte ein taiwanesischer Unternehmer mit seiner Idee, die Produkte international zu vermarkten. Wird die HfG wieder regionaler agieren?
Wir werden in dem Sinne auch stark regional agieren, indem wir den Menschen aus der Region Zugang verschaffen wollen zu dem neuen Lehr- und Forschungssatelliten der HfG. Und dieser wird, wie schon gesagt, für eine neue Sichtbarkeit des Rhein-Main-Gebiets als Innovationsinkubator für zukunftsweisende Materialforschung sorgen. In der neuen HPM werden auch prototypische Entwicklungen, Kunstwerke und Produkte in Kleinstserien entstehen, aber wir werden als Kunsthochschule nicht vorrangig als Wirtschaftsbetrieb agieren. Nicht die Vermarktung ist unser Kernanliegen, sondern die Bewahrung sowie die nationale wie internationale Sichtbarmachung unserer Lehr- und Forschungsergebnisse als Bestandteil der HfG-Transferstrategie.

Einst galt es als prestigeträchtig, Höchster Porzellan zu besitzen. 24-teilige Service und Figurinen, die in Wohnzimmervitrinen stehen, sind allerdings aus der Mode gekommen. Wie muss heute innovatives Porzellandesign aussehen?
Dieses „Aus-der-Mode-Kommen“ hat mit einem soziologischen Wandel zu tun. Anfang der 1990er-Jahre kam es zu Marktsättigung und Billigstofferten im Zeitgeist einer „Geiz ist geil-Mentalität“, was für viele traditionelle deutsche und internationale Manufakturen zum Problem wurde: klassische Haushaltsgeschirrhersteller verloren gegenüber Hotelporzellanproduzenten an Relevanz. Es lässt sich allerdings beobachten, dass im letzten Jahrzehnt wieder wertiger gekauft wurde. Die Porzellanbranche in Deutschland hat sich stabilisiert, wenn auch zahlenmäßig auf drastisch reduziertem Niveau. Innovatives Porzellandesign sollte sich der Tradition bewusst stellen und zugleich den Mut zur Integration neuer Medien- und Fertigungsverfahren zeigen. Darüber hinaus bietet auch gerade die stark gestiegene künstlerische Nutzung für Unikate und limitierte Auflagen vielversprechende Perspektiven für Porzellan und Keramik.

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Die Höchster Porzellanmanufaktur
Die HPM wurde 1746 als kurfürstlich-mainzerische Porzellanmanufaktur gegründet und ist damit die zweitälteste Porzellanmanufaktur in Deutschland. Sie hat ihren Sitz in einem denkmalgeschützten Industriebau am Höchster Stadtpark. Vier von acht Beschäftigte der Manufaktur werden von der HfG übernommen. Das Land Hessen hatte sich die Markenrechte der HPM mit dem Mainzer Rad als Logo bereits im vergangenen Juli 2022 gesichert. 2019 begann die Kooperation mit der Hochschule für Gestaltung Offenbach: Die HfG-Studierende Felicitas Arndt fertigte die Serie „Mystery“.
 
16. Januar 2023, 10.23 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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