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Foto: Peter von Freyberg
Foto: Peter von Freyberg

Tod von Günter Sare

Unfall oder Mord?

Bei einer Demo im Gallus starb vor 30 Jahren Günter Sare unter den Rädern eines Wasserwerfers. Sein Tod löste tagelange Straßenschlachten aus –und wirkt bis heute nach.
Auf dem Hof der Günderrodeschule herrscht fröhliche Stimmung. Hunderte Menschen feiern ein interkulturelles Nachbarschaftsfest, an diesem Samstag, dem 28. September 1985. Doch direkt nebenan, im Haus Gallus, soll am Abend ein NPD-Treffen stattfinden, abgeschirmt durch ein großes Polizeiaufgebot, auch Wasserwerfer rollen an. Während sich die Gegendemonstration formiert, gesellen sich die Festbesucher hinzu. Friedliche Demonstranten stehen Seit an Seit mit Autonomen, die Stimmung heizt sich auf. Als schließlich die ersten Nazis eintreffen, beginnen massive Ausschreitungen: Erst fliegen Fäuste, bald Flaschen, Böller und Beutel mit Buttersäure – zunächst gegen die Rechtsradikalen, dann gegen die Polizisten, die diese schützen müssen. Stundenlang dauert die Konfrontation an.

Kurz vor 21 Uhr erhellen von Autonomen abgeschossene Leuchtkugeln immer wieder den Nachthimmel. Wasserwerfer fahren vor und spritzen auf die Kreuzung von Frankenallee und Hufnagelstraße. Alle Demonstranten ziehen sich zurück – bis auf Günter Sare. Allein steht er auf dem nassen Asphalt, als zwei Wasserkanonen auf ihn schießen und er stürzt. Plötzlich beschleunigt ein weiterer Wasserwerfer und überrollt den 36-Jährigen. Erst 20 Minuten später trifft ein Notarztwagen ein. Günter Sare stirbt noch während der Fahrt ins Krankenhaus.

Die Demo eskaliert indes vollends. Barrikaden brennen, ein Mercedes-Ersatzteillager in der Nähe geht in Flammen auf und in der ganzen Stadt bersten später zahlreiche Scheiben. Es folgen tagelange, schwere Krawalle, auch in zahlreichen anderen Städten. Vor allem der Vorwurf an die Polizei, sie hätte die Sanitäter bei der Versorgung des Verletzten behindert, löste Wut aus. Manche Augenzeugen sprachen gar davon, der Fahrer des Wasserwerfers habe regelrecht Jagd auf Günter Sare gemacht. Der damalige hessische Innenminister Horst Winterstein (SPD) versuchte die Gemüter zu beruhigen: „Ich kann mir keinen Menschen, keinen Polizisten vorstellen, der bewusst einen Menschen vor sich herjagt, ihn vorsätzlich überfährt oder das Überfahren auch nur in Kauf nimmt.“ Viele Aktivisten sprechen dagegen bis heute von Mord. Zum Begräbnis kamen 3000 Menschen, der Trauerzug war begleitet worden von 2000 Polizisten.

Die juristische Aufarbeitung war schwierig wegen sich widersprechender Zeugenaussagen. Die für die Dokumentation verantwortlichen Beamten hatten keine Filmaufnahmen gemacht. Ferner sei die Tonaufzeichnungsanlage, die den Funkverkehr mit anderen Einsatzkräften aufnehmen sollte, just in diesem Augenblick funktionsuntüchtig gewesen. „Dies legt den Verdacht der Beweismittelmanipulation nahe“, schrieb seinerzeit die Rechtsanwältin Waltraud Verleih, die die Angehörigen Günter Sares in einer Nebenklage vertrat. Die Besatzung des Wasserwerfers wurde schließlich in zweiter Instanz vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Zu jener Zeit hatten politische Demonstrationen das Stadtgeschehen schon seit zwei Jahrzehnten mitgeprägt. Günter Sare war von Anfang an dabei. Der gelernte Schlosser lernte Studenten der 68er-Bewegung kennen und beteiligte sich unter anderem an Aktionen gegen den Axel-Springer-Konzern. Anfang der 70er-Jahre schloss er sich Sponti-Gruppen an, die im Westend vom Abriss bedrohte Häuser besetzten. Später engagierte er sich beim Protest gegen den Bau der Startbahn West. Der Handwerker galt als pragmatisch. „Er hat lieber im besetzten Haus Leitungen gelegt, als endlos über politische Einschätzungen zu debattieren“, beschreibt ihn ein Zeitgenosse. Gemeinsam mit anderen Aktivisten gründete Günter Sare ein selbstverwaltetes Jugendzentrum an der Varrentrappstraße. Heute befindet sich an dieser Ecke die „Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode“. An ihrer Fassade erinnert eine Gedenktafel an Günter Sares Wirken an diesem Ort, mahnt aber zugleich, dass er „sein Leben lassen musste, weil es hier noch immer Tradition ist, dass sich Faschisten unter Polizeischutz treffen können“.

Die aufgesprühte Botschaft „28.9.85 Günter Sare ermordet“ lasen Millionen Autofahrer, wenn sie Richtung Norden auf der A5 fuhren, kurz vor dem Nordwestkreuz, auf einer früheren Eisenbahnbrücke. Diese führt zu einem ehemaligen Stützpunkt der US-Army in Rödelheim. Das Gelände liegt seit Jahren brach, die einstige Bahntrasse ist längst von Gestrüpp überwuchert und auch das Graffito wurde kürzlich nach fast 30 Jahren entfernt; auf Google-Street-View ist es noch zu sehen (siehe oben). Doch auch, wenn die Erinnerung an Günter Sare verblasst, wirkt sein Tod bis heute nach in geänderten Polizei-Dienstvorschriften. Beim Vorrücken von Wasserwerfern müssen seitdem stets mehrere Polizisten mit einer Hand am Fahrzeug entlang gehen, um zu verhindern, dass sich ein Unglück wie vor 30 Jahren wiederholt.

>> Jahrestag Günter Sare
Demonstration „Nichts und niemand ist vergessen“, vor dem Hauptbahnhof, 17 Uhr; Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen: 28.9., 19.30 Uhr, Haus Gallus.
 
28. September 2015, 11.10 Uhr
Peter von Freyberg
 
 
Fotogalerie:
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