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Bianca Schäb und das Goggomobil
 

Bianca Schäb und das Goggomobil

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Ein "Frohlein" und sein Auto entschleunigen sich

Foto: Michaela Siegl
Foto: Michaela Siegl
Bianca Schäb lebt in Frankfurt, arbeitet in der Werbebranche – jetzt klinkt sie sich aus: Mit ihrem Goggomobil durchquert sie die Republik im Schneckentempo, um der Entschleunigung auf die Spur zu kommen.
Bianca Schäb sitzt im Café Wacker in Bornheim, einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt, und spricht über ihr Auto wie über eine gute Freundin. Sie kennt die Macken schon und auch all das Schöne, was so eine Beziehung ausmacht. Ihre Freundin heißt Greta, aber meist nennt Bianca Schäb sie schlicht nur Goggo. Die Werberin hat an alles gedacht. An die Reiseroute, an ein Büchlein namens Landvergnügen, das Unterschlüpfe auf Bauernhöfen vermittelt, sie war beim Orthopäden und beim Zahnarzt und das Auto war beim Goggo-Doktor, der noch eine Notfalltasche mit den nötigsten Ersatzteilen geschnürt hat. "Meine Befürchtung ist ja, dass das Ding nach 20 Kilometern erstmal stehenbleibt."

Los geht es am kommenden Sonntag in Dingolfing, dort wurde vor 60 Jahren das kleine Gefährt erstmals in die Welt gesetzt – von der Hans Glas GmbH. Das Goggo von Bianca Schäb ist nicht ganz so alt, stammt aus dem Jahr 1969, da war die Firma schon von BMW übernommen worden. Freude am Fahren? Hat Frau Schäb definitiv mit 13 PS, einem Verbrauch von 8, 9 Litern und einer Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern, in der Stadt wurde sie schon mal geblitzt. Für die Reise kommt ein Anhänger hintendran, das wird das Auto auf 50 Stundenkilometer verlangsamen, auch wenn nur das Nötigste verstaut werden soll. Ein Computer, eine Kamera und ein Smartphone gehören aber unbedingt dazu. Ist das dann noch Entschleunigung?

"Für mich ist es das. Mir geht es darum, Dinge zu unternehmen, die ich in meinen Alltag integrieren kann – ich bin jetzt nicht der Typ, der einfach mal ein Sabbatical nimmt und ein halbes Jahr Backpacking in Südostasien macht." Nein, sie habe schon immer gemerkt, dass sich ein anderes Zeitgefühl einstellt, wenn man für eine Strecke, die man normalerweise in wenigen Stunden hinter sich bringen kann, gleich zwei Tage veranschlagt werden. Seit acht Jahren pflegen Bianca Schäb und das Goggo schon ihre Beziehung, sie kaufte es mit 22 Jahren, zwei Jahre wurde mit dem Papa, einem Kfz-Mechaniker, hier und da repariert und geschraubt, mit 24 durfte sie das schnuckelige Ding endlich fahren – Oldtimer sind erst von 24 Jahren an erlaubt. "Ich hatte ein Goggomobil an einem Foto in der Werkstatt gesehen, da wusste ich: das ist das Auto, was ich haben möchte." Die Freunde, die Eltern schüttelten den Kopf.

Die jetzige Reise folgt, abgesehen von den langen Überlandfahrten, einem recht straffen Plan: Sechs Wochen vom Süden in den Norden der Republik, schließlich rüber nach Berlin. Sechs Wochen, in denen die Fahrerin auch mit Menschen über das Thema Entschleunigung reden möchte. Sie plant, sich mit einer Nonne zu treffen, die schon mal in den E-Mail reinschrieb, nachmittags wäre okay, aber erst nach dem Mittagsschlaf, sie will sich mit einem Werber in Wiesbaden treffen, der eine Kampagne dafür macht, sich nichts mehr gegenseitig zu schenken außer Zeit. "Das ist so ein schöner Gedanke!" Die Gespräche, der Verlauf der Reise, das alles soll auf der Website nachzulesen sein. Der Plan steht – aber sicher ist eigentlich nichts. "Ich hab mich überall damit angekündigt, dass es wahrscheinlich klappt – plus-minus zwei Tage."

Bianca Schäb kommt aus der Wetterau, aus Büdingen, da ticken die Uhren anders, irgendwie langsamer als in der Stadt. "Es ist komisch, dass es immer die Sehnsucht gibt, raus aus dem ganzen Trubel aufs Land zu fahren – wenn man dann einige Zeit dort ist, vermisst man wieder die Stadt. Es ist nicht leicht, die richtige Balance zu finden." Vielleicht ist diese Reise ja dafür gut, eine Suche nach der richtigen Balance. Oder danach, ein bisschen zurückzureisen in die Kindheit, als die Zeit viel langsamer zu vergehen schien. "Ich habe oft darüber nachgedacht, woran das liegt, dass die Zeit nur so fliegt, wenn man im Berufsleben steht." Einmal am Tag sind 30 Minuten Nichtstun eingeplant. "Als Kind habe ich mich das letzte Mal gelangweilt, das ist ein schönes Gefühl, das ich vermisse", sagt die Art-Directorin. Mal schauen, ob es soweit auf der langen Reise nach Berlin kommt. Wenn sie angekommen ist, bleiben ihr noch einige weitere Wochen zur freien Verfügung. "Keine Ahnung, was ich dann mache. Vielleicht in zwei Tagen sofort nach Frankfurt zurückfahren. Oder mich noch etwas treiben lassen." Kommt auch ein bisschen aufs Goggo an. Die Adressliste von altgedienten Mechanikern, die sich mit dem Ding noch auskennen, kommt jedenfalls auch mit auf Reisen. Soviel Sicherheit muss sein.

Bleibt noch die Frage, warum sie den Trip unter der Überschrift "Frohleins Reise" antritt. "Ach, meine Oma hat mich früher manchmal Frollein genannt, wenn ich was falsch gemacht hatte – und als Erwachsener erschien mir die Verbindung mit dem Wort 'froh' doch sehr schön. Die Internetseite habe ich mir schon vor Jahren gesichert – ohne zu wissen, dass ich nun einmal diese Reise darauf dokumentieren würde." Da ist sie wieder, die ewige Verbindung zur eigenen Kindheit.
1. Juli 2015
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, seit 2004 beim Journal Frankfurt, seit 2010 Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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