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Foto: Arno Declair
Foto: Arno Declair

Frankfurter Positionen 2015

Grenzbewegungen

Bei den „Frankfurter Positionen“ begeben sich zehn Tage lang Künstler aus Musik, Theater, Tanz und Bildender Kunst in ungesicherte Territorien zwischen Welten und Kulturen. Ein Festival, das es in sich hat.
Während Grenzen an einem Ort geografisch an Gewicht verlieren, weil Bewegungen zwischen Nationen zum Alltag gehören, werden sie andernorts mit neuer Massivität befestigt. Schließlich definieren Grenzen Gesellschaften und begründen Identitäten, gerade indem sie anderes ausschließen. Diese Doppelgesichtigkeit der Grenze steht bei den diesjährigen „Frankfurter Positionen“ zur Diskussion, überschrieben mit dem Leitthema „Ausgeschlossen. Brüche zwischen den Welten“.

Seit 2001 untersuchen die biennalen Positionen, initiiert von der BHF-Bank-Stiftung, in künstlerischen Werkaufträgen die Verfasstheit der Gegenwart. Zahlreiche renommierte Kulturinstitutionen der Stadt haben sich für dieses Festival zusammengeschlossen, das auf bestehenden Netzwerken aufbaut und diese
ausbaut. Die Partnerinstitutionen reichen Vorschläge für Uraufführungen ein, aus denen eine Reihe von Fachjurys eine Auswahl trifft. In diesem Jahr sind es neun Projekte zwischen Bildender Kunst, Musik, Theater und Choreographie, darüber hinaus diskutiert ein Symposium das Leitthema. „Die Themen kristalli-sieren sich in einem offenen Diskurs mit den Partnern und im Dialog mit dem Institut für Sozialforschung heraus, das auch das Symposium konzipiert“, erklärt Sprecherin Sigrid Scherer. Das vielgestaltige und internationale Programm initiiert Be-gegnungen zwischen den Welten – und wird damit auch zum Erprobungsort für die Herausforderungen einer globalisierten Gegenwart, in der Normen und Werte verschiedener Welten und Kulturen zirkulieren.
So wird der ägyptische Bildende Künstler Hassan Khan, der stets vieldimensional mit Bild, Klang, Text, Raum und Situation arbeitet, für die Räume des MMK 3 eine Installation entwickeln.

Das Theaterkollektiv Markus&Mar-kus begibt sich ganz konkret an die Grenze des Lebens, und die Dramatikerin Dea Loher schrieb ein „Gauner-stück“ über Wunden und Wunder. Gleich zur Eröffnung trifft japanische Tradition auf westliche Zeitgenossenschaft, das Ensemble Modern auf das Reigakusha Ensemble aus Tokio, das die 1400 Jahre alte Tradition der Hofmusik Gagaku pflegt. Der dreiteilige Abend erprobt eine Annäherung: Das Reigakusha Ensemble präsentiert Gagaku, das Ensemble Modern eine deutsche Erstaufführung von Steve Reich. Schließlich führt die Komposition des flämischen Komponisten Frédéric D’haene beide Ensembles zusammen. „Er hat mehrere Jahrzehnte in Japan verbracht“, erzählt Roland Diry, Geschäftsführer des Ensemble Modern. „Diese Komposition ist im Grunde sein Lebenswerk. Gagaku birgt eine besondere Freiheit, die in der Intonation und im Klang der Instrumente liegt, und diese Charakteristiken werden beibehalten.“

Das Miteinander des Distinkten ohne seine Aufhebung versucht auch „Batucada“: Eine Parade dreißig maskierter, nackter Menschen, die ihre Tänze auf Blechschüsseln und Kochtöpfen mit markanten Samba-Rhythmen begleiten. Der brasilianische Choreograf und Wissenschaftler Marcelo Evelin greift darin auf die Ästhetik des Protestes wie der Karnevalsparade zurück, um Gruppenbildung und den Umgang mit Diversitäten zu erproben. Alle Tänzer, Performer und Musiker stammen aus verschiedenen Nationen, Kulturen, Altersstufen und sozialen Klassen, das gemeinsame Performen wird zum Experiment in Sachen Kollaboration und Gemeinsamkeit des Verschiedenen, Masken und Nacktheit werden zu Werkzeugen der Gleichstellung.
Der Frankfurter Komponist Hannes Seidl und der Filmemacher Daniel Kötter setzen im Rahmen der „Frankfurter Positionen“ ihre Trilogie „Ökonomien des Handelns“ fort: „Sie ist eine Annäherung an Bereiche, die viel mit unserem Leben zu tun haben, aber kein visuelles Pendant haben“, erzählt Hannes Seid. „Im ersten Teil ‚KREDIT‘ ging es um das Finanzwesen, im zweiten geht es um Recht, im dritten um Liebe.“ Für „RECHT. Ökonomien des Handelns 2“ haben sie sechs Rechtswissenschaftler auf eine Insel eingeladen, um dort miteinander ein gerechteres globales Rechtssystem zu erarbeiten. Eine unerfüllbare Aufgabe, die die Juristen zwischen Zelt und Lagerfeuer sehr ernst genommen haben. „Die Insel liegt direkt vor der Kleinstadt Schengen, in der 1985 das Schengener Abkommen getroffen wurde. Die Europa-Frage spielt für uns eine große Rolle, weil der nationale Rechtsbegriff durch einen supranationalen abgelöst wird. Wir wollten die Schengen-Idee auf einer anderen Ebene fortführen.“ Der dabei entstandene Film wird zur Grundlage eines Bühnenstückes, bei dem sieben Musiker mit dem Film in Dialog treten, jedoch auch ihre eigenen Strukturen und territorialen Abgrenzungen schaffen.

>> Frankfurter Positionen 2015
Festival für neue Werke, 22.1.–1.2.2015, alle Termine unter www.frankfurterpositionen.de, Eröffnungsabende: Ensemble Modern meets Gagaku, Ffm: Frankfurt LAB, Schmidtstr. 12, 22./23.1., 19.30 Uhr, Eintritt: 28,-/ erm. 10,-

Eine Version dieses Artikels erschien zuerst im Journal Frankfurt vom 13.1.2015. Hier können Sie ein Abo inkl. Digitalausgabe abschließen.
 
22. Januar 2015, 10.48 Uhr
Esther Boldt
 
 
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