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Foto: Rafael Herlich
Foto: Rafael Herlich

B’nai B’rith-Loge ehrt Charlotte Knobloch

"Antisemitismus ist wieder salonfähig"

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, wurde von der B’nai B’rith-Loge mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet. Wir dokumentieren Auszüge aus ihrer Rede.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde Israels!

Damit darf ich Sie alle sehr herzlich begrüßen – und zwar im wahren Wortsinne: als Freunde! Sie alle sind heute Abend aus Überzeugung hier, aus Freundschaft – aus Verbundenheit mit dem jüdischen Staat, mit der jüdischen Gemeinschaft. Es ist ein gutes, ein wunderbares Gefühl, so viele Freunde in einem Raum versammelt zu sehen. Menschen die sich seit Jahrzehnten für Israel einsetzen. Das freut mich mindestens so sehr wie dieser Preis.

Die Welt ist aus den Fugen. Auch Deutschland steht vor historischen Herausforderungen. Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise stehen unsere Gesellschaft und ihre freiheitlich-demokratische Verfasstheit auf dem Prüfstand.

Integration bedeutet ganz nüchtern Fördern und Fordern. Es geht um Rechte und Pflichten. Das bedeutet auch, sich den unbequemen Wahrheiten zu stellen. Dazu gehört insbesondere, dass die unübersichtliche Situation von Islamisten ausgenutzt wurde und wird. Und die Flüchtlinge stammen aus Herkunftsländern, in denen Antisemitismus fester Bestandteil der Sozialisierung ist.

Wer mit uns leben möchte, muss sich zu unseren Werten bekennen. Falsch verstandene Toleranz und irrläufige Multi-Kulti-Romantik haben dazu geführt, dass sich Parallelkulturen in unserem Land verfestigt haben. Ein „weiter so“ wäre verheerend. – Siehe Frankreich oder Belgien, wo die Polizei ganze Stadtteile mit muslimischer Mehrheit aufgegeben haben – die Demontage des Gemeinwesens. Aber, liebe Freunde, wir wissen: Der Antisemitismus muss nicht erst nach Deutschland importiert werden. Vielmehr erleben Antisemitismus und Rechtsextremismus eine ungeheuerliche Renaissance – in ganz Europa.

Generell präsentiert sich die Europäische Union in miserablem Zustand – bricht förmlich auseinander. – Aber dazu ein anderes Mal. Auch hierzulande werden Revisionismus und völkische Dystopien wieder massentauglich. Rechtspopulisten und -extremisten – und dazu zähle ich die AfD – sammeln die Verachtung, die Pegida und Co. auf die Straße getragen haben, und machen sie zu Wählerstimmen und Mandaten. So entsteht Normalisierung und Gewöhnung an braune Tiraden.

Die jüdische Gemeinschaft spürt seit Jahren die Brüchigkeit der zivilisatorischen Werte. – Der immer offener und ungenierter artikulierte Antisemitismus ist Seismograph für den Zustand einer Gesellschaft. Die Gewöhnung an antisemitische Thesen hätte längst Warnung sein müssen, dass unsere Gesellschaft ein substanzielles Potenzial der Anfälligkeit für Menschenverachtung birgt – für Ausgrenzung und Diffamierung.

Lassen Sie mich klarstellen: Die politische Elite – allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel – steht fest und verlässlich an der Seite der jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Doch es klafft eine rasant wachsende Lücke zwischen der politischen Räson und den Einstellungen und Stimmungen in der Bevölkerung. „Jude“ gilt wieder als Schimpfwort. Jüdische Kinder werden immer öfter schikaniert. Anti-jüdische Ressentiments werden munter kolportiert – ebenso wie Verschwörungstheorien vom Finanzjudentum, der Weltbeherrschung und dem jüdischen Staat als Quell allen Übels.

70 Jahre nach dem Holocaust werden in Europa wieder Menschen ermordet – weil sie Juden sind. Tatsächlich fühlen sich einige nicht mehr sicher, denken ernsthaft darüber nach, die Koffer zu packen. Antisemitismus ist wieder salonfähig. Er wütet unter hier lebenden Muslimen. Nicht erst seit dem Sommer 2014 kann niemand mehr verharmlosen, wie extrem der Judenhass unter den Muslimen in Deutschland ist. Al Quds- und Nakba-Tage werden auf deutschen Straßen zu antisemitischen Paraden. Das ist unerträglich – bleibt aber vielfach folgenlos.

Aber Antisemitismus wuchert ebenso an den schmutzigen Rändern rechts und links. – Und er keimt in der breiten bürgerlichen Mitte, der vermeintlichen Elite fruchtbar auf. Während die Reihen im Kampf gegen Neonazis geschlossen stehen, wird es ruhiger, wenn es gilt, den Judenhass der neuen Rechten zu ächten. Gänzlich fadenscheinig wird die Diskussion über Antisemitismus im linken politischen Spektrum – kommt der doch unter dem Deckmantel der Israelkritik moralisch überlegen daher. Unter dem Fähnchen der Friedensbewegten, der Kinder-, Frauen-, Menschen- und Verbraucherrechte zeichnen Ideologen ein einseitiges, verzerrtes Bild von Israel. Es wird gelogen und verblendet. Israel wird delegitimiert und diffamiert, als Aggressor angeklagt.

Diese Argumente werden Mainstream. Letzte Woche erst trafen sich Mitglieder der deutschen und der palästinensischen Regierung. Der Premierminister Hamdallah klagte, Israel mache einseitig die Zwei-Staaten-Lösung unmöglich. Er warnte: „Südafrika darf sich nicht wiederholen.“ – Unfassbar.

Keine öffentliche Kritik, dass die Autonomiebehörde den Terror von Hamas und Co. – der in Wahrheit den Frieden verhindert – goutiert. Kein Anprangern, dass trotz internationaler Milliardenhilfen die Menschen keine lebenswerte Infrastruktur haben, weil man weiter auf die Vernichtung Israels setzt. Sicher blieb unerwähnt, dass gerade eine Schule in der West Bank nach Salah Khalaf benannt wurde, im Gedenken an den Rädelsführer des Olympia-Attentats.

Leider bekleckern sich auch die Medien oft nicht mit Ruhm. Die herausragende Qualität unserer Medienlandschaft ist unbestreitbar. Aber Medien spiegeln letztlich den Mainstream der Gesellschaft wider – und der ist nun mal, 50 Jahre Freundschaft hin oder her, israelskeptisch, um es vornehm auszudrücken. Umso mehr danke ich dem Hause Axel Springer, das mit seiner ausgewogenen Berichterstattung eine Ausnahmeerscheinung darstellt. Ich erwarte keine unreflektierte, unbedingte Solidarität mit dem jüdischen Staat. Journalisten müssen kritisch sein und hart. Aber ich erwarte auch keine unreflektierte Verurteilung. Der Tenor der anti-israelischen Propagandalügen darf nicht unhinterfragt Einzug in die veröffentlichte und öffentliche Meinung haben.

Wir haben heute Vertreter herausragender deutscher Qualitäts- und Leitmedien unter uns. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und verneige mich vor Ihrem Beitrag für die Demokratie – gerade jetzt, da einige im Nazi-Jargon über Journalisten herfallen und die Wahrheit weniger zählt als Emotion. Sie, verehrte Medienvertreter, wir alle können stolz auf Ihre Objekte sein. Aber erinnern Sie den einen oder anderen in Ihrem Hause bitte in meinem Namen daran, welchen direkten Impact die Berichterstattung über Israel auf uns als deutsche Juden in unserem Land hat. Ich danke Ihnen dafür.

Die meisten Kritiker Israels interessieren sich nicht für Menschrechte andernorts. Syrien, Somalia, Sudan, Iran, Saudi Arabien – lässt sie kalt. Die obsessive Abarbeitung an Israel ist augenscheinlich befriedigender. Darum fällt die antiisraelische Boykottbewegung „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ – kurz BDS – in Deutschland auf fruchtbaren Boden. In der ganzen Republik dienen sich die israelfeindlichen Ideologen mit ihrer Propaganda als legitime Gesprächs- und Kooperationspartner an. Eine Gruppierung, die in letzter Konsequenz die Beseitigung Israels anstrebt, veranstaltet Vorträge, Ausstellungen, Konzerte, Tanzabende und Kulturtage. – Dabei werden, wie jüngst wieder vom Berliner Senat gefördert, antisemitische Thesen verbreitet. Auch das führt zu dem deutlichen Anstieg judenfeindlicher Ressentiments und Gewalt.

Die Debatte in Oldenburg um den BDS-Aktivisten – und Lehrer! – Christoph Glanz ist nur ein aktueller Fall, der beispielhaft für eine irrläufige, verheerende Entwicklung steht. Sachliche, faire Kritik an der Politik Israels ist jederzeit und jedem möglich. Aber israelbezogener Antisemitismus ist Antisemitismus. Antizionismus ist Antisemitismus. Das ist keine Kritik – sondern Hass, und diese Ideologie darf in Deutschland keinen Platz haben.

Antisemiten müssen demaskiert und geächtet werden. Leider ist ausgerechnet in der Europäischen Union die Anfälligkeit für israelfeindliche Termini und Thesen besonders groß, und Deutschland widerspricht nicht in der Art und Weise, die ich mir wünschen würde von einem Partner, der seine
besondere Beziehung und seine Freundschaft so innig beteuert.

Noch schlimmer sind die UN, die Vereinten Nationen – für einige die antisemitischste Show der Welt. Der UN-Menschenrechtsrat verabschiedet mehr Resolutionen gegen Israel als gegen alle anderen Staaten der Welt zusammen. Nirgendwo ist anti-israelische Voreingenommenheit offensichtlicher als dort.

Ich erwähnte bereits die Unesco, die jüngst auf Antrag der Palästinenser und einiger arabischer Länder jegliche Verbindung zwischen dem Judentum und dem Tempelberg in Jerusalem negiert hat. Trotz aller internationalen Proteste gegen diese wahnhafte Resolution hat die Unesco letzte Woche sogar noch eins drauf gesetzt. Israel sollte verurteilt werden, den Charakter Jerusalems zu zerstören. Da die Verabschiedung nicht einstimmig ausfiel, wird sie nun nicht umgesetzt. Aber fest steht: Man muss nicht pro-israelisch sein, um die Absurdität und Perfidie dieser Besessenheit zu erkennen. Deutschland muss sich dagegen in aller Entschiedenheit positionieren!

Das führt mich zum letzten Punkt, liebe Freunde. Angesichts der globalen islamistischen Radikalisierung ist es geradezu wahnsinnig, wie sich Europa und auch Deutschland mit Fanatikern einlässt. So wird Saudi-Arabien – ein Hauptexporteur des Terrors – nicht nur als Handelspartner für Waffengeschäfte betrachtet, sondern auch als unerlässlicher Partner im Ringen um Frieden in der Region.

Dasselbe gilt für Iran, der die Terrororganisationen Hisbollah, Hamas und andere schiitische und palästinensische Terrororganisationen finanziert und unterstützt. Auf Basis eines windelweichen Deals war die internationale Staatengemeinschaft bereit, die Sanktionen fallen zu lassen. Ausgerechnet der deutsche Wirtschaftsminister war als erster vor Ort, noch ehe die Tinte getrocknet war, und drängt ungeduldig auf gute Geschäfte. Als er zuletzt wagte, die Anerkennung Israels und den mörderischen Antisemitismus der Mullahs anzusprechen, fiel die iranische Reaktion so radikal aus, dass dies allein Grund genug gäbe, den Draht zu kappen – was natürlich nicht passieren wird. Jedoch wäre ein iranischer Staatsbesuch in Berlin ein weiterer Schlag ins Gesicht Israels und der jüdischen Gemeinschaft.

Das Judentum bleibt die Religion der Hoffnung. Wir schauen nach vorne. Hier in Deutschland gilt das besonders. Aber wir wehren uns und wir kämpfen. So wie es die Menschen in Israel tun müssen – Tag für Tag. Wir sind wachsam. Wir halten zusammen. Und wir haben noch immer viele gute und verlässliche Freunde an unserer Seite. An Abenden wie diesem spüre ich das so deutlich, dass mir das Herz aufgeht.

Lassen Sie uns für unsere Werte einstehen, für unsere Überzeugungen. Für Deutschland, Für Israel – für eine freie Welt. In diesem Sinne danke ich Ihnen auch für Ihre Spenden, die den Projekten B’nai B’rith „Leopolis“ und der Eden Association zugutekommen. Ich habe gehört, es ist schon einiges zusammengekommen und ein bisschen dürfte es noch werden. Dafür tausend Dank.

Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich meine Redezeit etwas überzogen habe. Aber ich lebe in diesem Land in der Überzeugung, dass es ein besonderes ist – im Guten, aber eben leider auch im Schlechten. Aber es ist in unserer Hand, dass das Schlechte der dunklen Vergangenheit angehört. Das ist unser Land. Die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder. Wir alle wünschen uns und ihnen eine blühende Zukunft. Kämpfen wir dafür – in Einigkeit und Recht und Freiheit. Am Israel chai!

Charlotte Knobloch wurde am 31. Oktober 2016 im Kempinski Hotel Gravenbruch mit der Ehrenmedaille in Gold der B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge ausgezeichnet (Foto mit Logenpräsident Ralph Hofmann). Dadurch sollte Knoblochs außergewöhnliches Engagement für die Gemeinschaft der Juden in Deutschland und den Staat Israel geehrt sowie ihr unermüdliches Arbeiten gegen Rechtsextremismus und für eine jüdische Zukunft in Deutschland gewürdigt werden.
 
1. November 2016, 10.55 Uhr
Charlotte Knobloch
 
 
Fotogalerie:
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