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Foto: Wolfram Ziltz
Foto: Wolfram Ziltz

„Hass und Ausgrenzung spalten unsere Gesellschaft. Ich werde weiter dagegen kämpfen“

Am heutigen Donnerstag wird Peter Fischer 68 Jahre alt. Wir gratulieren dem Ehrenpräsidenten von Eintracht Frankfurt, mit dem das JOURNAL über seine Zeit bei seinem Herzensclub sprach.
Das Interview wurde in der März-Ausgabe des JOURNAL-FRANKFURT veröffentlicht. Zum Interview bereits vor seiner Verabschiedung haben wir Peter Fischer im Atelier seines besten Freundes Mike Kuhlmann getroffen.

Journal Frankfurt: Peter, Du wirst als Eintracht-Präsident verabschiedet. Dass das nicht spurlos an Dir vorübergeht, war vor dem Spiel gegen Mainz zu sehen. Was ging Dir nach dem Schlusspfiff durch den Kopf?
Peter Fischer: Mein Kopf war leer. Auf jeden Fall Erleichterung, dass wir ein Gurkenspiel 1:0 gewonnen haben. Wenn man allerdings vor 58 000 Zuschauern im Stadion vor Anpfiff alleine auf dem Rasen steht und sich an einem Mikrofon festhält und alle singen, dann kommen so viele unterschiedliche Gefühle hoch: Wehmut, Erinnerung, große Freude. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich erzählt habe. Ich war einfach überwältigt und stand dort alleine, in meinem Wohnzimmer, vor ausverkauftem Haus. Wer dann keine nassen Augen bekommt, ist kein Mensch.

Bei so vielen Emotionen, die hochkommen – was ist für Dich der einprägsamste Moment Deiner Eintracht-Zeit?
Es gibt zwei ganz emotionale Momente. Der eine, der mich vollkommen mitgenommen hat, war 2018 das DFB-Pokal-Finale gegen Bayern München. Da habe ich viele Sprüche im Vorfeld geklopft, ich will aus dem Pokal saufen, usw. Vor dem Spiel war ich in unserer Kurve. Ich bin kein Esoteriker und glaube auch nicht an Geister, aber in diesem Moment habe ich etwas gefühlt, was ich nicht beschreiben kann. Eine Art Aura, die mein ganzer Körper gefühlt hat. So etwas habe ich noch nie vorher erlebt. Der zweite Moment war ganz klar der Autokorso vom Flughafen zum Römer, nachdem wir den Europapokal gewonnen haben. Die vielen Menschen, die auf uns gewartet haben! Ein Neugeborenes, das unbedingt mit aufs Foto sollte oder die alte Dame im eleganten Kostüm, die sagte: „Das ist doch klar, dass ich für meine Eintracht das beste Kostüm angezogen habe.“ Diese Momente kannst du nicht kaufen. Wenn ich heute die Augen zumache, dann sehe ich diese Momente und fühle sie. Auf diese Momente bin ich unendlich stolz.

„Ich bin kein Esoteriker und glaube auch nicht an Geister, aber in diesem Moment habe ich etwas gefühlt, was ich nicht beschreiben kann“

Wie hast Du als Präsident über zwei Jahrzehnte die Eintracht geprägt?
Geprägt habe ich die Eintracht nicht alleine. Mein Team hat mich mit unglaublichem Engagement unterstützt. Was ich sagen kann: Ich habe sehr gute Personalentscheidungen getroffen, in allen Bereichen, von Anfang an. Eine davon war Axel Hellmann gegen Widerstände als Geschäftsführer des Vereins durchzusetzen. Wir haben kein Geld, hieß es. Die Eintracht war pleite und es gab nichts, womit wir glänzen konnten, auch sportlich nicht. In dieser Zeit habe ich Personalentscheidungen getroffen, die bis heute nachwirken, und ich denke, ich habe dafür gesorgt, dass die Eintracht sich dahin entwickeln konnte, wo sie heute steht.

Wie ist es Dir gelungen, Deine Entscheidungen durchzusetzen?
Es heißt, wer Visionen hat, dem fehlen die Informationen. Das ist absoluter Blödsinn! Nach der ersten Pressekonferenz bin ich ausgelacht und als naiv bezeichnet worden: Er will den Riederwald bauen, die Eintracht soll 10 000 Mitglieder haben... Den Verein gab es zu diesem Zeitpunkt 100 Jahre und er hatte 4600 Mitglieder.




Bernd Kammerer

…heute hat die Eintracht über 100 000 Mitglieder…
Wir sind bei mehr als 135 000 Mitgliedern und die Eintracht wächst weiter. In mir drin war immer der Wunsch, die Messlatte hoch zu hängen. Vielleicht war manches naiv formuliert, aber ich wollte etwas erreichen.

„Ich funktioniere nur über Leidenschaft. Ohne kann ich nicht“

Braucht man für Idealismus denn nicht auch eine Portion Naivität?
Man braucht Leidenschaft. Ich funktioniere nur über Leidenschaft. Ohne kann ich nicht. Authentizität habe ich mir von Anfang an bewahrt, und es gab ja auch ein Leben vor der Eintracht.

Du sagtest kürzlich, dass es ein Fehler war, Dich zu spät um Frauenfußball gekümmert zu haben. Was muss diesbezüglich weiter passieren?
Diese Dinge liegen jetzt nicht mehr in meiner Hand. Ich darf einen Klub wirtschaftlich, inhaltlich und sportlich auf dem höchsten Level übergeben – und zwar an einen tollen Nachfolger. Er hat die DNA, die es dafür braucht.

Was gibst Du Mathias Beck mit auf den Weg?
Sich nicht zu verändern in der Grundeinstellung zum Verein. Er hat eine große Liebe und Leidenschaft für die Eintracht. Und er hat ja keinen Kaltstart, ich habe ihn als Vizepräsidenten sofort ins Team geholt. Er ist in allen Themen drin.

„Hass und Ausgrenzung spalten unsere Gesellschaft, ich werde weiter dagegen kämpfen und als Kämpfer Spuren hinterlassen“

Du engagierst Dich seit vielen Jahren gegen Rassismus und Antisemitismus und hast Dich immer klar positioniert. Wirst Du Dein Engagement fortführen?
Natürlich werde ich damit weitermachen. Ich habe immer gesagt: Ich schieße kein Tor, ich kann mich nicht an persönliche sportliche Erfolge klammern. Was ich hinterlassen kann sind Werte, die ich formuliere, die in unserer Satzung deutlich zu lesen sind. Wer rechts ist oder AfD wählt, steht genau für das Gegenteil, für das wir als Verein stehen. Hass und Ausgrenzung spalten unsere Gesellschaft, ich werde weiter dagegen kämpfen und als Kämpfer Spuren hinterlassen.

Das Thema ist in der Bundesliga leider noch nicht bei allen angekommen.
Ja, das enttäuscht mich. Stück für Stück passiert gerade etwas. Das war zum Beispiel in der Trauerrede von Uli Hoeneß zu hören, die er für Franz Beckenbauer gehalten hat.

Müsste die Bundesliga nicht insgesamt ein Zeichen setzen?
Das wäre auch mein Wunsch, dass wir da hinkommen. Die Bundesliga ist das größte Event, bringt jedes Wochenende Millionen von Menschen in die Stadien, vor die Fernseher. Ein großer Wunsch von mir ist eine bundesligaweite Solidarität. Wir können leider nicht verhindern, dass AfD-Wähler ins Stadion gehen. Was wir aber deutlich machen können, ist: Wir wollen euch nicht!

„Die Fans aus meiner Kurve waren die ersten, die gespendet haben“

Wir treffen uns heute im Atelier von Mike Kuhlmann, mit dem Du vor Deiner Eintracht-Zeit gearbeitet hast und mit dem Dich eine lange Freundschaft verbindet.
Wir haben Werbung gemacht, Menschen verbunden. Das war und ist etwas, das wir beide gut können: Menschen zusammenbringen.

Du hast 2004 den Tsunami überlebt und zusammen mit Mike Kuhlmann die Initiative „help children of phuket“ gegründet.
Das war natürlich ein prägendes Erlebnis. Meine Familie und ich haben überlebt, weil ich als Segler weiß: Wenn Wasser weggeht und es gibt kein Loch, dann kommt es zurück. Ich kannte diesen Effekt. An dem Strand, wo wir uns befanden, gab es einen kleinen Hügel. Ich konnte den Leuten am Strand klarmachen, dass wir uns auf den Hügel retten müssen, weil das Wasser zurückkommen wird. Ich habe die toten, im Tempel aufgebahrten Kinder gesehen. Mike war sofort einer, der sagte: Wir müssen helfen! Die Fans aus meiner Kurve waren die ersten, die gespendet haben. In den ersten 48 Stunden kamen 20 000 Euro zusammen. Doch Mike sagte, Geld sammeln, reicht nicht, wir müssen etwas tun, das nachhaltig ist. Für die Bildung.

Mike Kuhlmann: Außerdem ist das größte Bild der Welt entstanden. Auf 290 Metern haben Kinder ihre Erlebnisse verarbeitet.

Mike hat sich in seiner Kunst mit dem Thema Liebe auseinandergesetzt. Hat euch die Emotionalität zusammengeführt?
Peter Fischer: Wir hören doch nur noch von Hass und Ausgrenzung. Was fehlt, ist Liebe und Verständnis, die Fähigkeit, miteinander umzugehen. Das sind doch alles Begriffe, die sich hinter diesem einfachen Wort Liebe verstecken. Es gibt ja nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau. Die Begrifflichkeit haben wir für uns immer ganz anders definiert, nämlich über die Inhalte und Ideen. Mike und ich waren uns immer einig, dass wir Dinge tun wollen, die Menschen nachdenklich machen sollen.

„Wir hören doch nur noch von Hass und Ausgrenzung. Was fehlt, ist Liebe und Verständnis, die Fähigkeit, miteinander umzugehen“

Social Media macht es heute nicht leicht, Menschen zum Nachdenken anzuregen, oft findet Nachdenken nicht mehr statt.
Ich habe es ja im vergangenen Jahr am eigenen Leib erlebt. Bestimmte Gruppierungen nutzen dieses Medium verdammt gut, und aus welcher Ecke kommt es? Aus der Ecke der Rechtsextremisten. Die schrecken sogar nicht davor zurück, auf ein minderjähriges Kind loszugehen.

Was hat das mit Deiner Familie gemacht?
Man kann sich nicht vorstellen, was das bedeutet. Wenn mein Kind sagt, dass es nicht mehr in diesem Land leben möchte, und wenn meine Lebenspartnerin, die aus einem anderen Kulturkreis stammt, überhaupt nicht versteht, was da passiert. Wenn die Zeitungen voll sind mit Vorwürfen und dein Kind mit reingezogen wird.

Wie groß war bei Dir die Enttäuschung, als Du merktest, wie schnell sich die öffentliche Meinung drehen kann?
Mir ist bewusst, dass man für etwas abgefeiert wird und ganz schnell auch das Arschloch sein kann. Das kenne ich gut und das kennen sicher viele, die prominent sind.

Was hat Dir in dieser Zeit geholfen?
Enge Freunde, die einfach da sind, mit dir zusammen kochen und Fußball gucken. Die ganz banale Dinge tun, den Arm um dich legen, zum Beispiel. Mike ist einer davon. Das ist die Liebe, die ich meinte.
 
14. März 2024, 11.56 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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