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Foto: Lukas Gedziorowski
Foto: Lukas Gedziorowski

Islamismus-Konferenz im Historischen Museum

Radikalisierung vorbeugen – aber wie?

Bei einer Konferenz zur Prävention und Deradikalisierung des islamischen Extremismus tauschten internationale Experten Erfahrungen aus. Dabei wurde klar, dass das Problem noch zu wenig erforscht ist.
In Syrien und im Irak wütet der „Islamische Staat“ (IS), weltweit verüben islamistische Fanatiker Anschläge, wie zuletzt in Tunesien, Kuwait und Frankreich. Zugleich ist der Salafismus die am schnellsten wachsende Jugendbewegung in westlichen Ländern und die Zahl derer, die nach Syrien reisen, um sich dem IS anzuschließen, steigt ungebrochen.

Wie kann man Radikalisierung verhindern? Um diese Frage ging es am Freitag bei einer Konferenz des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam im Historischen Museum. Sieben Monate nach einer ersten Konferenz zum Thema Salafismus und Dschihadismus, stellten nun internationale Gäste ihre Erfahrung mit der Präventionsarbeit vor.

„Unser Ziel ist es, Wissenschaft für die Gesellschaft nutzbar zu machen und Debatten anzustoßen“, sagt Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums. „Der Islam hat ein Imageproblem bekommen“, so die Ethnologin. Viele Muslime fühlten sich durch die Anschläge an den Pranger gestellt, diskriminiert und einseitig dargestellt. Schröter erinnerte daran, dass die meisten Opfer von Anschlägen immer noch Muslime seien und daran eine Spaltung der Muslime deutlich werde. Den Schiiten stehen die radikalen Salafisten der Sunniten gegenüber.

Dabei sei, so Schröter, der Salafismus eigentlich ein „absolut modernes Phänomen“. Ursprünglich zielte die Geistesströmung, die sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bildete, auf eine Rationalisierung ab und eine Rückbesinnung auf den Koran – ähnlich wie die Reformation des Christentums durch Luther. Man richtete sich gegen die Missstände in der arabischen Welt, die im Zuge der Kolonialisierung entstanden waren. Diese „innovative Strömung“ setzte auf Schulbildung, auch von Mädchen. Die Entwicklung des Salafismus in Richtung Dschihadismus sei ein neues Phänomen. „Salafisten erweisen dem Islam einen Bärendienst“, sagte Schröter.

Radikalisierung sei nicht nur ein Problem von „Deklassierten“. Der Anschlag in Tunesien habe gezeigt, dass auch Studenten im Namen ihrer Religion gewalttätig werden können. Die Konzepte, die salafistische Organisationen anböten, seien „unglaublich attraktiv“ für junge Menschen, weil sie ihnen weismachen, dass sie an einem großen Projekt teilhaben können, das dem Leben einen Sinn gebe. Zugleich fühlten sich die Angeworbenen in einer Gemeinschaft aufgehoben und sie bekämen eine klare Richtlinie dafür, was richtig und was falsch sei.

„Wir sollten stärker auf Selbstzeugnisse achten“, sagte Schröter. „Es steht alles im Netz. Es gibt ein großes Bedürfnis sich mitzuteilen.“ Auf diesem Feld gebe es jedoch noch Forschungsbedarf. Für weiterführende Präventionsprogramme fehlten notwendige Basisdaten. Zugleich forderte sie Konzepte, in denen Muslime nicht stigmatisiert werden. Wie zum Beispiel im hessischen Präventionsprogramm des Violence Prevention Networks, das Thomas Mücke und Hakan Celik am Freitag vorgestellt haben. In dem Programm kümmern sich Sozialarbeiter um alle Formen des Extremismus, also vom Salafisten bis zum Rechtsextremen. Dabei werden Familien und Gefängnis-Insassen aufgesucht.

In Frankreich arbeitet man ebenfalls in Gefängnissen, berichtete der Soziologe Eduardo Valenzuela. Allerdings noch nicht lange. Erst nach dem Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo wurde ein Programm in Gefängnissen gestartet. Imame besuchen die Insassen und bauen ein Vertrauensverhältnis auf, indem sie mit ihnen über ihre politischen und religiösen Vorstellungen sprechen. Dabei geht es nicht darum, ihre Ansichten zu ändern, sondern ihnen Gehör zu schenken. Ziel ist es, jedem Betroffenen ein Projekt zu geben, wie etwa eine Zeitung, in der sie über ihre Probleme schreiben können. Valenzuela wies aber auch auf das Problem hin, dass durch die Beobachtung der Insassen im Gefängnis durch Nachrichtendienste Radikale ihre Gesinnung versteckten und ihrer Religion im Verborgenem nachgingen.

Paul Thomas berichtete aus Großbritannien, dass dort ebenfalls nach den Anschlägen von London im Jahr 2007 ein Präventionsprogramm initiiert wurde. Dort setzte man zunächst auf Sicherheit statt auf Prävention, also eine verstärkte Polizeipräsenz und Überwachung und konzentrierte sich dabei lediglich auf Extremismus bei Muslimen. Dadurch fühlte sich eine ganze Bevölkerungsgruppe ausgeschlossen und in die extreme Ecke gedrängt. Stattdessen solle man, so Paul Thomas, alle Jugendlichen dazu ermutigen, aktive demokratische Staatsbürger zu werden.
 
6. Juli 2015, 10.26 Uhr
Lukas Gedziorowski
 
 
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