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Schauspiel Frankfurt
 

Schauspiel Frankfurt

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Faust und die Finanzen

Es ist noch nicht ganz klar, wie der Faust des Schauspiel Frankfurt im Herbst aussehen wird. Klar ist nur: es gibt ein großangelegtes Bildungsprogramm und die Deutsche Bank gibt Geld dazu - trotz und wegen der Krise.
Wie sich Verdienst und Glück verketten,
Das fällt den Toren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
Der Weise mangelte dem Stein.


Wenn man schon einmal den Chef der Deutschen Bank während einer Pressekonferenz auf dem Podium hat, dann muss man die Chance nutzen, Inhalt und Ermahnung geschickt zu vermählen. Das mag sich auch Oliver Reese gedacht haben, Intendant des Schauspiel Frankfurt, Goethe-Liebhaber, Faust-Kenner und nicht zuletzt auch Regisseur und Dramaturg, was nichts anderes heißt als: mit dem Wissen um Rhetorik zur rechten Zeit und dem Gefühl für die Szene ausgestattet.

Natürlich sind da erst einmal die nackten Fakten. Das Schauspiel Frankfurt führt vom 14. September an die beiden Teile des Fausts auf. In der Sommerpause wird für dieses Spektakel gleich die ganze Bühne geleert, kein anderes Stück findet Platz bis zum 21. Oktober im Großen Haus. Das schafft mehr Platz als jemals für die beiden Regisseure Stefan Pucher, der den ersten Teil inszeniert, und Benedikt von Peter, der sich der Fortsetzung annimmt - stark gekürzt, so hofft der Intendant zumindest. Denn, und auch das ist ein Wagnis, beide Teile werden an sechs Tagen hintereinander aufgeführt - um 14 Uhr beginnt etwa am 22. September Faust I, der zweite Streich folgt um 20.30 Uhr. Wer Theater liebt, geht hin. Die Premieren der Stücke sind zugleich der Auftakt der Goethe-Festwochen, deren genaues Programm demnächst ebenfalls bekanntgemacht werden soll. Zugleich ist ein Bildungsprogramm geplant, bei dem 100 Frankfurter Hauptschüler eine eigene Faust-Performance auf der großen Bühne aufführen sollen. Auch ein Puppenspiel für Kinder ab 10 Jahren von Christopher Marlowes "Doktor Faustus" ist für die Kammerspiele geplant, außerdem eine neue Gesprächsreihe. 34 Vorstellungen insgesamt, 23.000 Tickets gehen bereits jetzt in den Vorverkauf. Kleine Buttons mit "Mephisto"-Schriftzug und Streichholz-Schachteln mit der Aufschrift "Du bist so schön" wurden produziert - was Petra Roth für eine "zündende Idee" hält. Das alles kostet natürlich sehr viel Geld, was uns wiederum zurück zur Deutschen Bank führt.

Die hat an diesem Montagmorgen ihren Vorstand Jürgen Fitschen in die Panorama Bar geschickt. Der hört aufmerksam zu, als Oliver Reese vom angstbesetzten Streben spricht, von den Beschleunigungen, dem Gegenteil der vita contemplativa, dem Veloziferischen, das den Augenblick wegwirft und ihm die Rastlosigkeit vorzieht. "Die Papiere sind nicht gedeckt, man hat auf Schein gebaut", sagt Oliver Reese und leitet über zur Helena, die die Rettung bringen könnte - ja, wenn auch dieser Augenblick nicht vorbeiziehen würde. "Es ist schon ein merkwürdiger Nationalheld, den wir uns da ausgesucht haben", meint Reese. Natürlich einer, der stets in die Zeit passt. Und wenn sich der Gelegenheiten auch viele bieten, so ist doch die Finanzbranche ganz besonders geeignet, in ebendieser Rastlosigkeit, im Alchemistendasein ihr Spiegelbild zu erkennen. Eine Tatsache, die unter anderem der Ökonom Hans Christoph Binswanger in seinem 1985 erstmals erschienenem Buch "Geld und Magie" ausführlich gewürdigt hat.

Herr Fitschen jedenfalls fängt den Brautstrauß geschickt auf, den ihm Oliver Reese und in der Folge auch Petra Roth da als Vorredner gebunden haben. Natürlich gebe es Verknüpfungen. "Es lassen sich zwar keine neuen Ansätze zur Geldmengentheorie aus dem Faust herauslesen, aber sie kommt eben genau dort vor", sagt er und wünscht sich zugleich eine ebenso breite wie redliche Debatte. "Es ist wichtig, die Balance zu halten zwischen denen, die sagen, dass Wachstum alles sei und denen, die sagen, dass durch Wachstum alles nichts sei."

Nun, das Schauspiel will zumindest durch das Wachstum seines Etats durch die freundliche Gabe der Bank Gutes gedeihen lassen - ein mittlerer sechsstelliger Betrag mache das möglich, was das genau heiße, mögen die Journalisten doch bitte selbst ausrechnen. "Eine kleine Hausaufgabe", sagt Fitschen und lächelt verschmitzt.

Eine größere Hausaufgabe erwartet Oliver Reese dann wohl darin, dem Nachfolger von Petra Roth in generöser Kulturpolitik zu impfen, denn wenn von den Kandidaten Feldmann und Rhein überhaupt etwas zu diesem Themenfeld zu hören war, dann doch eher, welche Projekte man sich so sparen könne (wie das Weltkulturen Museum etwa). Vielleicht liegt ja deshalb das Buch "Kulturinfarkt" neben Reeses Manuskript, vielleicht dankt er ja deswegen Petra Roth besonders für das kontinuierliche Engagement der Stadt in Sachen Kultur. Die Oberbürgermeisterin jedenfalls kanzelt die genannte Polemik so ab: "Ich war platt, als ich las, wie platt die Autoren argumentieren." Sollen die doch mal nach Frankfurt kommen! Wobei zumindest einer der Kulturkritiker in Schutz zu nehmen ist - der war einst im Theater am Turm, das die Stadt sich sparte. Versteht heute auch keiner mehr, wie es in Frankfurt einst so weit kommen konnte.

Foto: Oliver Reese (Intendant Schauspiel Frankfurt), Petra Roth (Frankfurter Oberbürgermeisterin), Jürgen Fitschen (Vorstand Deutsche Bank)
 
20. März 2012, 10.30 Uhr
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