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Kolumne von Ana Marija Milkovic
 

Kolumne von Ana Marija Milkovic

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Über Nachhaltigkeit in Form von Stühlen

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Ist ein Wein im Barriquefass wie ein Rubenskörper? Was machen Küfner? Und liegt man mit dem idealen Stuhl richtig? Diese und andere Fragen beantwortet heute unsere Kolumnistin.
Vor kurzem entdeckte ich ein Foto. Darauf abgebildet war ein Stuhl, den ich auf Anhieb ästhetisch ansprechend fand. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass ein Schreiner und Küfer aus Zürich den Stuhl entworfen und auch selbst hergestellt hat. Zu Hause angekommen las ich erst einmal über Küfer nach. Der Beruf war mir unbekannt. Küfer sind ausgebildete Handwerker, die Gefäße aus Holz herstellen, auch Weinfässer, als Barrique bekannt.

Ich las weiter. Zu den Produktionsmittel eines Küfners gehören unbehandeltes Holz, genauer gesagt Dauben, die langen, gleichmäßig zugeschnittenen Latten ähneln. Diese werden im Freien getrocknet. Da die Trocknungszeit pro Zentimeter Holzdicke ein Jahr lang dauert, werden die Dauben vollflächig übereinander zu hüttenähnlichen Siedlungen im Freien gestapelt. Zum Schutz vor Regen wird auf den Körpern aus versetzt zueinander liegenden Lagen Holz noch Dächer aus Wellblech gelegt. Ich habe Fotos dazu gesehen und dachte an Häuser, aber auch an Skulpturen aus Holz. Dann fiel mir der Schweizer Architekt und Pritzker-Preisträger Peter Zumthor ein. Im Profanem das Handwerk veredeln, dürfte nicht nur Zumthors Leitspruch sein. Es liegt natürlich auch in der Natur des Betrachters darauf einzugehen.

Noch ist das Fass aber nicht gebaut. Erst nach der Trocknungszeit werden die Dauben vom Küfer mit Feuer und Wasser zum Fass gezogen und mit verzinktem Eisen abgebunden. Zur Fertigstellung wird abgefeuert, stabilisiert, nach Wunsch auch gebrannt. Nach Lagerung im Barrique nimmt der Wein eine Note von Vanille und Tannine an. Ein Wein in Metallfässern gelagert gleicht für mein Dafürhalten einem entschlackten Körper. Einen im Barrique gelagerten Wein stelle ich mir als einen Körper von Rubens gezeichnet vor. Aber ich schweife ab.

Ein Küfner, Stefan Sobota aus Zürich, kam die Idee, das gebrauchte Material weiter zu verwenden und einer neuen Nutzung zuzuführen. Sobota entwarf einen Stuhl aus weindurchtränkten Dauben. Auch die Struktur der Form setzt sich aus den wiedererkennbaren Dauben zusammen. Das ist schön, weil auch Japaner aus dem Vielfachen einer Tatami-Matte ein ganzes Haus zu bauen vermögen. Ein Stuhl entstand, dessen Material bereits mehr Geschichte als nur Patina mit sich trägt. Nebenbei bemerkt, ich säße gerne auf einem Côtes du Rhône von Guigal der exzellenten Jahre.

Sobotas Stuhl ist über seine Verwendung hinaus auch ein gebauter Beweis für Nachhaltigkeit, der ästhetisch ansprechend gestaltet ist. Beweise sind wichtig, wenn Annahmen nachhaltig in die Irre führen. Wussten Sie, dass unsere Energiereform hauptsächlich auf Annahmen beruht und in der Regel durch Anwendung, auch bei Fertigstellung eines Hauses, der Beweis über Nachhaltigkeit nicht erbracht wird, erbracht werden muss und auch oft nicht erbracht werden kann? Viel nachhaltiger zertifizierter Mist landet so auf unserem Tisch, für das wir aus schlechtem Gewissen gut und teuer bezahlen. Legen Sie zukünftig ruhig ein bisschen Ihr schlechten Gewissens ab, an dem andere sehr viel Geld für recht unschönes Procedere verdienen. Auf solcher Art von Stühlen wie Sobotas sitzen Sie dabei schon einmal richtig.
 
11. Februar 2016, 09.51 Uhr
Ana Marija Milkovic
 
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