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Frankfurter Kunstverein
 

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„Ohnmacht als Situation"

Eine Front aus Polizisten, schwarze Uniformen, Schutzhelme und der Satz: „We are the rule of law“. Das Bild wirkt auf den Betrachter bedrohlich und doch vertraut. Mehr seiner Art gibt es derzeit im FKV zu sehen.
Mit dem Ausstellungsprojekt „Ohnmacht als Situation. Democracia, Revolutie & Polizey“, kuratiert von Holger Kube Ventura, trifft der Frankfurter Kunstverein (FKV) den Nerv der Zeit. Angesichts der Vorkommnisse der letzten Wochen – seien es die Demonstrationen in der Türkei oder der Blockupy-Kessel, direkt um die Ecke in Frankfurt – sind Szenarien, wie sie die Bilderreihe „Order“ der spanischen Künstlergruppe „Democracia“ zeigt, in den Köpfen der Menschen präsent. Es besteht kaum eine Möglichkeit, der Berichterstattung über aktuelle oder eventuelle Bedrohungsszenarien zu entfliehen. Anhaltende gesellschaftliche Missstände und unlösbar wirkende Katastrophenszenarien lassen das Vertrauen in Staat und Politik schwinden und machen Platz für ein neues Gefühl: die Ohnmacht. Die spanische Künstlergruppe „Democracia“ (Madrid) und das rumänische Künstlerduo Mona Vătămanu und Florin Tudor (Bukarest) suchen in künstlerischen Experimenten nach einem Umgang mit gesellschaftlichen Verhältnissen, der aus der Ohnmacht herausführen kann. Das Ausstellungsprojekt „Ohnmacht als Situation“ setzt sich aus den beiden Ausstellungen „Democracia“, „Revolutie“ sowie der begleitenden Veranstaltungsreihe „Polizey“ von Felix Trautmann zusammen.

Die Arbeiten von „Democracia“ fordern zum Reflektieren über politische, gesellschaftliche und mediale Gewohnheiten auf. So zeigt das Drei-Kanal-Video „Ser Y Durar“ (Sein und Widerstehen) Parkour-Künstler, während ihrer atemberaubenden Tour durch ein Gelände, das sich für den Betrachter erst einige Zeit später als Friedhof in Madrid herausstellt. Parkour gilt als eine in vielen Metropolen verbreitete Ausdrucksform urbaner Bewegungskultur. Es ist die Kunst der effizienten Fortbewegung auf einer definierten Strecke im urbanen Raum. Dabei wird die Herausforderung angenommen und der unkonventionelle Weg – mit seinen Barrieren und Hindernissen – dem durch die Stadt vorgegebenen Fußgängerwegen vorgezogen. Parkour sei kreative Kunst, die dabei helfe, die eigenen, durch Körper und Umwelt gesetzten Grenzen zu erkennen und zu überwinden, so David Belle, Entwickler des Parkour. Im Video bewegen sich Jugendliche per Salto, Sprint und Überschlag von Grabstein zu Grabstein. Der Ausstellung beigefügte schwarz-weiß Fotografien verraten, dass es revolutionäre Kämpfer sind, die unter den Grabsteinen liegen, über die der Weg der Parkour-Künstler führt. Die Botschaft bleibt ambivalent. Es wird dem Betrachter überlassen, ob er das Gezeigte als Schändung der Toten und Ignoranz gegenüber der Geschichte oder als Befreiungsschlag von einengenden Konventionen interpretieren möchte. Ob das Video die Beweglichkeit der Jugendlichen gegenüber der Starre des Friedhofs und der dort aufbewahrten Idee der Revolution feiert oder kritisiert, bleibt allerdings offen.
Die korrespondierende Ausstellung „Revolutie“ zeigt die Arbeiten des Künstlerduos Mona Vătămanu und Florian Tudor aus Rumänien. Sie thematisieren die Revolution (rumänisch Revolutie) als Befreiung aus der Ohnmacht. Die Gemälde-Serie „Riots“ stellt dem Zuschauer auf vier kleinformatigen Ölgemälden die unterschiedliche Machtverteilung zwischen Polizei und Demonstranten dar. Während auf dem einen Gemälde alles darauf hindeutet, als hätte die Polizei die Revolutionäre unter Kontrolle so zeigt das nächste die Demonstrierenden im Vorteil gegenüber der Staatsgewalt. Wer am Ende die Oberhand gewinnt, bleibt offen, da aus der Installation nicht erkennbar wird, ob eine zeitliche Abfolge vorgegeben ist. Auffallend ist, dass die Farben Schwarz, Weiß und Rot dominieren. Ein Blick in den Veranstaltungsprospekt verrät dem Besucher, dass die Farben Schwarz und Rot eine Anspielung auf die Fahne der Anarchosyndikalisten sein könnte, dem wichtigsten Symbol der internationalen libertären Arbeiterbewegung. In der Nähe der Ölgemälde liegt ein bedruckter Teppich. Darauf zusehen ist eine Momentaufnahme aus einer Sendung des Nachrichtenkanals „Euronews“ vom 20. Dezember 2008. Polizisten schützen einen in der Athener Innenstadt aufgestellten Weihnachtsbaum vor der Wut der Bevölkerung über geplante Massenentlassungen. Auch hier stehen sich Bürger und Staatsgewalt gegenüber. Der Betrachter kann die Spannung zwischen den gezeigten Parteien förmlich spüren. Begegnungen zwischen Demonstranten und Polizisten, wie sie die Ausstellungen zeigen, aber auch wie wir sie aus der jüngster Zeit in Erinnerung haben, lassen das Handeln der Polizei, ihre gesellschaftliche Rolle und Funktion immer mehr zum Gegenstand der Kritik werden.

Im dritten Teil von „Ohnmacht als Situation“ dreht sich alles um die Polizei. Felix Trautmann (Frankfurt) thematisiert in der Veranstaltungsreihe „Polizey“ deren Rolle in der Durchsetzung und Veränderung bestehender Ordnungen. In Künstlergesprächen, Podiumsdiskussionen, Performances wird sich der Thematik auf unterschiedliche Weise angenommen. So diskutiert unter anderem Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) am 3. Juli, 20.45 Uhr mit dem Juristen Klaus Günther über das Thema „Strafe muss sein?!“.

Das Ausstellungsprojekt „Ohnmacht als Situation. Democracia, Revolutie & Polizey“ ist noch bis zum 4. August im Frankfurter Kunstverein, Markt 44, zu sehen und kostet sechs Euro Eintritt (ermäßigt vier Euro). Weitere Termine des Rahmenprogramms „Polizey“ finden Sie unter www.fkv.de.
27. Juni 2013
Laura Mattner
 
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