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Finanzkrise der Kreativen

Katja Kullmann: „Ich will das Märchen entzaubern“

Zwei Wochen in einem Schrank leben und arbeiten? Für sechs Künstler erfüllt sich dieser „Traum“. Auch Katja Kullmann wird in Offenbach mit einem Schrankstipendium ausgezeichnet. Am Mittwochabend liest sie aus ihrer Prekariatsfibel „Echtleben“.
Früher, sagt Katja Kullmann, hätte sie nie ein Stipendium angenommen. „Ich wollte ein selbstbestimmtes Leben führen.“ Heute ist sie eine von sechs Stipendiaten des „Schrank-Stipendiums 2011/2012“. Vor zwei Jahren haben vier Künstlerinnen diese ausgefallene Förderung ins Leben gerufen – als soften Protest gegen die schlechte Finanzierung des kreativen Nachwuchses. Jeweils zwei Wochen lang dürfen die Stipendiaten in einem Schrank hausen und dort ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Das ist natürlich alles nur so halb ernst gemeint, und dennoch hat sich die Stadt Offenbach bereitgefunden, der Idee mit 200 Euro zur Seite zu stehen. Immerhin. Katja Kullmann hält das Ganze für „eine charmante Idee“. Im kommenden Jahr wird sie zwei Wochen in Offenbach an ihren Ideen feilen - danach darf sich die Öffentlichkeit einen Eindruck von ihren Arbeiten machen. Am Ende bekommt Sie auch einen Katalog - den sie zum Selbstkostenpreis ausdrucken kann.

Mit solcherlei ironischen Schicksalen kennt sich die Autorin aus. Ihr erstes Sachbuch „Generation Ally. Warum es so schwer ist, eine Frau zu sein“ erschien 2002 und wurde mit dem deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war Katja Kullmann eine erfolgreiche Autorin. Alles lief rund. Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Zehn Jahre, in denen nicht immer alles rund lief. Nachdem sie jahrelang als freie Journalistin gearbeitet hatte, wurde auch sie mit Honorarkürzungen konfrontiert. Das ständige Auf und Ab in ihrem Leben gipfelte 2008 mit dem Gang zum Amt. Die ehemals erfolgreiche Journalistin und Buchautorin beantragte Hartz IV.

In der schlimmsten Not zeigte sich ein Silberstreif am Horizont. Ihr wurde ein Führungsposten in einem Berliner Magazin angeboten, den sie dankbar annahm. Doch die Verbindung sollte nicht von langer Dauer sein. Nur anderthalb Jahre später kündigte sie wieder. „Ich musste Honorare kürzen, Menschen entlassen. Genau die Arbeit, die mir selbst zum Verhängnis wurde“, erzählt Frau Kullmann. Sie ließ Berlin und all die schlechten Erinnerungen hinter sich und schrieb ein Buch, das sich mit der „ersten Praktikantengeneration“ beschäftigt, zu der sich auch Kullmann selbst zählt. „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“ heißt ihr Werk, es geht darin um Geld und Autonomieverlust. Ihre Bilanz über die Kreativwirtschaft, das freie Unternehmertum, die digitale Bohème ist bitter – vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. Es geht um eine Generation, die einem Traum folgte und sich dabei verrannte. Katja Kullmanns eigene Geschichte dient dabei nur als roter Faden. Ohnehin wurde das Buch von der Wirklichkeit überholt, als der Frankfurter Eichborn-Verlag Insolvenz anmeldete - und Autoren wie Frau Kullmann um ihr Honorar bangen mussten.

„Es passiert schnell, dass man mit Menschen im selben Boot sitzt, mit denen man nie etwas zu tun hatte.“ Durch diese Zeit lernte sie die Solidarität zwischen Menschen unterschiedlicher Bildungsschichten schätzen. Ohne Rücklagen und feste Beschäftigung lebt sich das leichte Leben der kreativen Köpfe, wie es sich viele vorstellen, nämlich gar nicht so leicht. „Ich will das Märchen entzaubern.“ Kreativität und Disziplin führen eben doch nicht immer zum Erfolg: „Ich habe angefangen nach Gründen für mein Versagen zu suchen, mich gefragt, wieso mir das passiert ist, wo ich doch immer hart gearbeitet habe.“ Nicht zuletzt sieht Katja Kullmann ihre These auch durch die Occupy-Bewegung bewahrheitet. Nach der Lehman-Pleite sei unsere Welt heute eine andere. „Geld ist kein Tabuthema mehr“, sagt sie.

>> Lesung Katja Kullmann
Mittwoch, 30.11., Offenbach: Akademie für interdisziplinäre Prozesse, Goetheplatz, 19.30 Uhr, Eintritt frei
 
30. November 2011, 11.33 Uhr
Corinna Hunger
 
 
Fotogalerie:
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