Facebook
|
Twitter
|
RSS
|
eMags Kontakt
|
Mediadaten
|
Impressum
Kultur
Startseite Alle NachrichtenKultur
Finanzkrise der Kreativen
 

Finanzkrise der Kreativen

1

Katja Kullmann: „Ich will das Märchen entzaubern“

Zwei Wochen in einem Schrank leben und arbeiten? Für sechs Künstler erfüllt sich dieser „Traum“. Auch Katja Kullmann wird in Offenbach mit einem Schrankstipendium ausgezeichnet. Am Mittwochabend liest sie aus ihrer Prekariatsfibel „Echtleben“.
Früher, sagt Katja Kullmann, hätte sie nie ein Stipendium angenommen. „Ich wollte ein selbstbestimmtes Leben führen.“ Heute ist sie eine von sechs Stipendiaten des „Schrank-Stipendiums 2011/2012“. Vor zwei Jahren haben vier Künstlerinnen diese ausgefallene Förderung ins Leben gerufen – als soften Protest gegen die schlechte Finanzierung des kreativen Nachwuchses. Jeweils zwei Wochen lang dürfen die Stipendiaten in einem Schrank hausen und dort ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Das ist natürlich alles nur so halb ernst gemeint, und dennoch hat sich die Stadt Offenbach bereitgefunden, der Idee mit 200 Euro zur Seite zu stehen. Immerhin. Katja Kullmann hält das Ganze für „eine charmante Idee“. Im kommenden Jahr wird sie zwei Wochen in Offenbach an ihren Ideen feilen - danach darf sich die Öffentlichkeit einen Eindruck von ihren Arbeiten machen. Am Ende bekommt Sie auch einen Katalog - den sie zum Selbstkostenpreis ausdrucken kann.

Mit solcherlei ironischen Schicksalen kennt sich die Autorin aus. Ihr erstes Sachbuch „Generation Ally. Warum es so schwer ist, eine Frau zu sein“ erschien 2002 und wurde mit dem deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt war Katja Kullmann eine erfolgreiche Autorin. Alles lief rund. Das ist jetzt fast zehn Jahre her. Zehn Jahre, in denen nicht immer alles rund lief. Nachdem sie jahrelang als freie Journalistin gearbeitet hatte, wurde auch sie mit Honorarkürzungen konfrontiert. Das ständige Auf und Ab in ihrem Leben gipfelte 2008 mit dem Gang zum Amt. Die ehemals erfolgreiche Journalistin und Buchautorin beantragte Hartz IV.

In der schlimmsten Not zeigte sich ein Silberstreif am Horizont. Ihr wurde ein Führungsposten in einem Berliner Magazin angeboten, den sie dankbar annahm. Doch die Verbindung sollte nicht von langer Dauer sein. Nur anderthalb Jahre später kündigte sie wieder. „Ich musste Honorare kürzen, Menschen entlassen. Genau die Arbeit, die mir selbst zum Verhängnis wurde“, erzählt Frau Kullmann. Sie ließ Berlin und all die schlechten Erinnerungen hinter sich und schrieb ein Buch, das sich mit der „ersten Praktikantengeneration“ beschäftigt, zu der sich auch Kullmann selbst zählt. „Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“ heißt ihr Werk, es geht darin um Geld und Autonomieverlust. Ihre Bilanz über die Kreativwirtschaft, das freie Unternehmertum, die digitale Bohème ist bitter – vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. Es geht um eine Generation, die einem Traum folgte und sich dabei verrannte. Katja Kullmanns eigene Geschichte dient dabei nur als roter Faden. Ohnehin wurde das Buch von der Wirklichkeit überholt, als der Frankfurter Eichborn-Verlag Insolvenz anmeldete - und Autoren wie Frau Kullmann um ihr Honorar bangen mussten.

„Es passiert schnell, dass man mit Menschen im selben Boot sitzt, mit denen man nie etwas zu tun hatte.“ Durch diese Zeit lernte sie die Solidarität zwischen Menschen unterschiedlicher Bildungsschichten schätzen. Ohne Rücklagen und feste Beschäftigung lebt sich das leichte Leben der kreativen Köpfe, wie es sich viele vorstellen, nämlich gar nicht so leicht. „Ich will das Märchen entzaubern.“ Kreativität und Disziplin führen eben doch nicht immer zum Erfolg: „Ich habe angefangen nach Gründen für mein Versagen zu suchen, mich gefragt, wieso mir das passiert ist, wo ich doch immer hart gearbeitet habe.“ Nicht zuletzt sieht Katja Kullmann ihre These auch durch die Occupy-Bewegung bewahrheitet. Nach der Lehman-Pleite sei unsere Welt heute eine andere. „Geld ist kein Tabuthema mehr“, sagt sie.

>> Lesung Katja Kullmann
Mittwoch, 30.11., Offenbach: Akademie für interdisziplinäre Prozesse, Goetheplatz, 19.30 Uhr, Eintritt frei
 
30. November 2011, 11.33 Uhr
Corinna Hunger
 
Empfehlen
 
Fotogalerie:
{#TEMPLATE_news_einzel_GALERIE_WHILE#}
 

Leser-Kommentare

Kommentieren
 
Verena Elisabeth Lettmayer am 1.12.2011, 16:15 Uhr:
als jury-mitglied des SCHRANK-STIPENDIUMS darf ich sagen, dass wir unser sehr über die erwähnung unseres stipendiums im journal-frankfurt freuen. und selbstverständlich sind wir sehr stolz auf unsere renommierte stipendiation frau kullmann (wie auch auf die übrigen stipendiatInnen).
nur eine kleinigkeit möchte ich ergänzen:
die stadt, bzw. das kulturbüro hatte uns 2009, also für die 1. ausschreibung des stipendiums in der tat mit 200 euro unterstützt. für die nurmehr 2. ausschreibung 2011, zu deren preisträgerInnen auch frau kullmann gehört, war dieses jahr leider kein etat seitens der stadt vorhanden. das projekt wird allerdings unterstützt von kunst raum mato e.v. sowie von der STIFUNG MAECENIA.
hochachtungsvoll;
verena lettmayer
 
 
Mehr Nachrichten aus dem Ressort Kultur
 
 
Eine Verschmelzung von Buch- und Musikmesse hat laut den Veranstaltern nie zur Debatte gestanden. Dennoch war sie in den vergangenen Tagen in den Medien immer wieder Thema. Grund dafür war eine Aussage Börsenverein-Geschäftsführers Alexander Skipis. – Weiterlesen >>
Text: Johanna Wendel / Foto: Alexander Heimann/© Buchmesse Frankfurt
 
 
Sieben Jahre war das Horst im Gallus eine Institution für Konzert-, Film- und komische Kultur. Seit Sonntag ist klar: Horst hat Corona nicht überlebt. Doch das Team hofft nach der Krise auf neue Herausforderungen. – Weiterlesen >>
Text: Johanna Wendel / Foto: © Horst
 
 
Zwischen Klassik und Elektronik
0
Oh la la, The OhOhOhs ...
Im Juni sollten The OhOhOhs im Mousonturm spielen. Das konnte wegen Corona nicht stattfinden. Jetzt ist das Duo beim kleinen Festival des Künstlerhauses im Palmengarten am 29. August dabei – mit zwei sehr speziellen Produktionen. – Weiterlesen >>
Text: Detlef Kinsler / Foto: TheOhOhOhs
 
 
 
Freiluftkino: Haus am Dom
0
Kino auf dem Dach
Zwar können aufgrund der Corona-Pandemie noch nicht alle Kinos öffnen, dank diverser Freiluftkinos lassen sich diesen Sommer dennoch zahlreiche Filme genießen. Vom 17. Juli bis 9. August zeigt das Haus am Dom acht Filme auf der Dachterrasse. – Weiterlesen >>
Text: ez/rom / Foto: D. Wiese-Gutheil/Haus am Dom
 
 
Oper Frankfurt
0
Der nächste Vorhang
Seit dem 7. Mai dürfen Opernhäuser wieder öffnen. Doch die Oper Frankfurt hält im Gegensatz zu anderen Häusern an der Absage ihrer Spielzeit fest. Intendant Bernd Loebe hat dafür eine Erklärung. – Weiterlesen >>
Text: Christian Rupp / Foto: Barbara Aumueller
 
 
<<
<
1  2  3  4  ...  696