Indonesien ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Viele literarische Neuerscheinungen beschäftigen sich mit dem letzten Jahrhundert der indonesischen Geschichte, die von Diktatur geprägt ist.
Laura Roban /
Der Roman "Frankenstein" wäre ohne Indonesien wohl nicht entstanden. Im Jahr 1815 brach dort ein Vulkan aus, die Aschewolke über Europa machte das darauffolgende Jahr zum Jahr ohne Sommer. Die Kälte führte zu Missernten, die Bevölkerung hungerte. „Achtzehnhundertunderfroren“ wurde zum Synonym für die Leiden, die das Jahr 1816 der Bevölkerung brachte. Als Mary Shelley mit ihrem Ehemann, Lord Byron und John Polidori den Sommer in der Schweiz verbrachte, schrieb jeder von ihnen eine Schauergeschichte – und so kam "Frankenstein" in die Welt.
Heute sind 150 Vulkane in Indonesien aktiv. Das Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentiert sich vom 14. bis 18. Oktober als „Mosaik unendlicher Vielfalt“, wie es in einem Imagefilm heißt. Über 300 Buchtitel aus Indonesien, sowie etwa 800 Titel über Indonesien werden ausgestellt. Auch außerhalb des Messegeländes wird es in Frankfurt einiges über Indonesien zu lernen geben. Etwa in der Freitagsküche und der Villa Kennedy werden Köche aus der Hauptstadt Jakarta kochen.
Verstörend und aggressiv seien manche der Bücher, die das Schweigen über die Jahre der Diktatur in Indonesien brechen, sagt Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. Das vergangene Jahrhundert ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Landes – nach dem Ende der Kolonialzeit lief Indonesien auf eine erneute Katastrophe zu. In den Jahren 1965 und 1966 wurden geschätzte 500.000 Menschen, vermeintliche Kommunisten, durch Teile des indonesischen Militärs getötet. Unterstützt wurde es von den Vereinigten Staaten. Die folgenden Jahre der Militärdiktatur unter Suharto waren geprägt von Zensur, Angst und Schweigen. Die Diktatur spaltete große Teile der indonesischen Gesellschaft in Opfer und Täter.
Joshua Oppenheimer, ein US-amerikanischer Regisseur, widmete den Folgen des Massakers zwei Filme, in denen beide Seiten kommen. „The Act of Killing“ aus dem Jahr 2012 dokumentiert grausame Erinnerungen der Täter, die sich selbst als Helden sehen – sie stellen gar nach, wie sie Menschen getötet haben. Der 2014 erschienene Film „The Look of Silence“ hingegen beschäftigt sich mit der Retroperspektive der Opfer. Doch auch wenn Filme besonders kraftvoll seien, wie der bekannte indonesische Autor Goenawan Mohamad (siehe Foto) sagt, wird das Schicksal ihrer Vorfahren von der jungen Generation vornehmlich literarisch aufgearbeitet. Als Beispiel nennt er Leila S. Chudori, deren Roman „Pulang (Heimkehr nach Jakarta)“ die Geschichte des Landes vom Massaker 1965 bis zu den Studentenunruhen 1998 und dem Ende des Militärregimes illustriert.
Davon handelt auch der Roman „Alle Farben Rot“. In ihm fragt die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak nach den Folgen der geschichtlichen Ereignisse für den Einzelnen. Sie gehört zu den jungen Frauen Indonesiens, die Gewalt und Geschlechterrollen im modernen Indonesien diskutieren. Pamuntjak schreibt außerdem für die liberale Zeitschrift „Tempo“, die Mohamad mitgegründet hat. Nach früherer Kritik am Regime wurde die Arbeit der Zeitschrift zwei Mal eingestellt.
Aber was ist tatsächlich bekannt über den Inselstaat? In weiten Teilen der Welt sei er nur für Naturkatastrophen, politische Probleme und traditionelle Tänze bekannt sagt Mohamad. Er sieht die Buchmesse als Einladung an die Besucher, das kulturelle Leben des seit 17 Jahren demokratischen Indonesiens besser kennenzulernen. Der Einstieg in das Thema Indonesien scheint auch relativ leicht gefunden zu sein, denn das Erste, was man wissen müsse wenn man über Indonesien rede, sei die Vielfalt des Landes, sagt Avianti Armand, Leiterin des Gestaltungs- und Architekturkomitees. Auf die verschiedenen Facetten des Landes, in denen die meisten Muslime leben, das viele Kulturen vereinigt und in dem die meisten Menschen mindestens zwei Sprachen sprechen, wird auch innerhalb des Pavillons der Buchmesse eingegangen. Die über 17.000 Inseln werden in Ausstellungsinseln repräsentiert, die die Besucher in die Welt der indonesischen Literatur, der Geschmäcker und der Klänge entführen. Außerdem sollen die 220 Bambussorten des Landes ausgestellt werden. Autor Mohamad stellt sich allerdings die Frage, wie die Gewächse nach Frankfurt gelangen sollen.