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Foto: Hippocamp als Trinkgefäß, Silber vergoldet um 1590–1600 © Los Angeles County Museum of Art
Foto: Hippocamp als Trinkgefäß, Silber vergoldet um 1590–1600 © Los Angeles County Museum of Art

Museum Angewandte Kunst

Geraubter Schatz

Das Museum Angewandte Kunst zeigt ab dem 28. Januar Maximilian von Goldschmidt-Rothschilds Sammlung und widmet sich damit nicht nur einem großen Sammler und Mäzen. Es ist auch die Geschichte einer Stadt und ihrer Museen, die im NS-Regime profitierten.
Maximilian von Goldschmidt-Rothschild liebte und sammelte Kunst und Kunstgegenstände: Ein kostbarer Nautiluspokal, goldgeschmiedetes Prunkgefäß aus der Schale des Meerestiers, gehörte ebenso dazu wie Aberhunderte Bilder und Skulpturen, Möbel und Teppiche, Silber, Glas- und Porzellanobjekte, mit denen er in der Bockenheimer Landstraße 10 zusammenlebte, bis die Stadt ihn zum Verkauf seiner Sammlung zwang. Das Museum für Angewandte Kunst bezeichnet dies als „wohl spektakulärsten Fall städtischen Kunst- und Eigentumserwerbs während der NS-Zeit in Frankfurt.“

Sechs Jahre lang hat Katharina Weiler am Museum für Angewandte Kunst als Provenienzforscherin die Geschichte der herausragenden Sammlung verfolgt. Hat Objekte aus dem Museumsbestand untersucht, Briefe gelesen, historische Dokumente studiert, Museen und Sammler in aller Welt kontaktiert. Die Ergebnisse ihrer Forschung werden 2023 im Museum für Angewandte Kunst zu sehen sein, das bereits 2018 mit „Gesammelt. Geraubt. Getäuscht“ anhand der Sammlung Pinkus/Ehrlich die hauseigene Geschichte mit der NS-Raubkunst in den Fokus nahm. Gemeinsam mit Direktor Matthias Wagner K kuratiert Katharina Weiler jetzt „Die Sammlung Maximilian von Goldschmidt-Rothschilds“. Rund 140 Kunstgegenstände aus der ursprünglich etwa zehn Mal so viele Objekte zählenden Sammlung werden in der Ausstellung zu sehen sein.

Für Katharina Weiler war die Arbeit auch deshalb besonders, weil man so wenig über Maximilian von Goldschmidt-Rothschild weiß: „In meiner Forschung ist mir klar geworden, wie schnell so ein Mensch vergessen werden kann – obwohl er zu Lebzeiten einer der größten Förderer des Museums war, hervorragende Kontakte und Vertraute im Frankfurter Kunsthandel hatte.“ Es geht in dieser Ausstellung um die Wiederentdeckung einer herausragenden Sammlung. Aber es geht auch darum, den Sammler und Mäzen, der all diese Objekte zusammengetragen hat, zu würdigen. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Museumsgeschichte bildet die Grundlage. Ohne sie lässt sich auch die Geschichte von Maximilian von Goldschmidt-Rothschild nicht erzählen.

Der Kunstsammler wird als Maximilian Benedikt Hayum Goldschmidt 1843 in Frankfurt in eine jüdische Bankiersfamilie geboren. Nach Stationen unter anderem in Berlin kehrt er an den Main zurück, 1878 heiratet er Minna Karoline Freiin von Rothschild. 1902 wird Maximilian von Goldschmidt-Rothschild Generalkonsul in Frankfurt. Er ist nicht nur Bankier und Sammler, sondern auch Mäzen und Stifter: Zum Museum für Kunsthandwerk pflegt er besonders enge Beziehungen, gilt als spendabler Unterstützer, der immer wieder kostbare Objekte als Schenkung übergibt.

Vor nationalsozialistischer Verfolgung schützte ihn seine hervorragende Vernetzung in der Stadt nicht. Im Juni 1937, vier Jahre nach der Machtübernahme, zwingen die Nationalsozialisten von Goldschmidt-Rothschild, sein Wohnhaus an die Stadt Frankfurt zu verkaufen. Im Jahr darauf folgt der Zwangsverkauf des zugehörigen Parks. Das Rothschild-Palais wurde zu Wohnungen umgebaut, eine davon „durfte“ der Sammler selbst gegen Mietzahlung bewohnen. Im November 1938 musste Maximilian von Goldschmidt-Rothschild seine umfangreiche Kunstsammlung für 2 551 730 Reichsmark an die Stadt verkaufen. Man kann sich unschwer vorstellen, wie demütigend es für den Kunstliebhaber gewesen sein muss, die eigene Sammlung, mit der er Zeit seines Lebens zusammenwohnte, die er nach persönlichen Vorstellungen sortierte und die ihn in allen Räumen umgab, als Ausstellungsobjekt für ein schaulustiges Publikum zu erleben. Das durfte nun durch die museal aufbereiteten Exponate des Sammlers streifen, derweil er nebenan in beengten Verhältnissen im eigenen Haus zur Miete wohnte.

Etliche Sammlungsstücke eigneten sich die Frankfurter Museen an, andere wurden in alle Welt verscherbelt, oft deutlich unter Wert. Mit dem Ende des Nationalsozialismus hatte diese Praxis ein Ende. Plötzlich standen Forderungen nach Rückgabe im Raum. Maximilian von Goldschmidt-Rothschild erlebte sie freilich nicht mehr, er verstarb 1940. Seine Kinder waren zu dieser Zeit bereits ins Ausland geflohen. Die Restitution der NS-Raubgüter erfolgte keineswegs freiwillig, wie Weiler erklärt: „Man muss klar sagen, dass sämtliche Museumsdirektoren in Frankfurt sich vehement dagegen gewehrt haben, die Objekte zurückzugeben.“ Nach US-amerikanischem Militärrecht blieb ihnen allerdings keine andere Wahl. Seit 1945 hatten von Goldschmidt-Rothschilds Nachfahren um Restitution gebeten, erst 1949 gaben die Museen den Großteil der Kunstgegenstände im Rahmen eines Vergleichs zwischen den Erben und der Stadt Frankfurt zurück. Von den dann restituierten Gegenständen wurden viele später rechtmäßig weiterverkauft. Über Kunsthändler in New York fanden sie in die Sammlungen von Privatleuten, die sie später zum Beispiel Museen wie dem LACMA in Los Angeles schenkten. Von dort stammt auch der Nautiluspokal, der für die Ausstellungsdauer nach Frankfurt zurückkehrt.

Maximilian von Goldschmidt-Rothschilds Sammlung und ihre Geschichte seien auf scheinbar paradoxe Weise beides, sagt Weiler: „Beispiellos und zugleich eines von Tausenden Beispielen, von jüdischen Kunstsammlern, denen es ähnlich erging.“ Viele hatten ein Interesse daran, ihren eigenen Beitrag im nationalsozialistischen Regime kleinzureden. Kunstmarkt und Ausstellungsbetrieb stellten keine Ausnahme dar. In einem Ausstellungsraum hat Katharina Weiler Stimmen zusammengetragen: Der Frankfurter NS-Oberbürgermeister Friedrich Krebs ist dabei, Museumsdirektoren, Kunsthändler. „Fast alle, die hier zu hören sein werden, bestätigten sich gegenseitig nach dem Zweiten Weltkrieg die Rechtmäßigkeit ihres Handelns,“ sagt Weiler. Doch Sprache ist verräterisch. Die Provenienz-
forscherin hat ihre Aussagen von Schauspielerinnen und Schauspielern einsprechen lassen, auf dass sich jeder selbst einen Eindruck mache. Auch ein Weggefährte des entrechteten Sammlers wird zu hören sein – als einzige Stimme, die stellvertretend noch für von Goldschmidt-Rothschild spricht.

>> Die Sammlung Maximilian von Goldschmidt-Rothschilds, Museum Angewandte Kunst, 28.1.–4.6., aktuelle Infos: museumangewandtekunst.de
 
24. Januar 2023, 10.08 Uhr
Katharina Cichosch
 
 
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