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Foto: Foto: Peter Grün
Foto: Foto: Peter Grün

Heine Chor meets Katharina Bach

Freche Freigeister beim Fusion-Konzert

Beim Fusion-Konzert im Netzwerk Seilerei konfrontiert Katharina Bach die Gesänge des Chors mit Texten, der Temporäre Elektronische Salon ergänzt das Ganze mit seinen Improvisationen.
JOURNAL FRANKFURT: Wie kam es zu der Idee des Fusion-Konzerts? Und was soll – musikalisch-stilistisch wie auch inhaltlich – fusioniert/zusammengebracht werden?
Werner Heinz: Wir nehmen mit dem Konzert am 20. März zwei schon vor einigen Jahren eingeleitete Kooperationen wieder auf. 2018 gab es ein erstes Zusammentreffen von Heine-Chor und Oliver Leichts Loop-Machine in der Fabrik in Sachsenhausen: Oliver sampelte Passagen aus der Rezitation und aus unseren Gesängen und montierte sie mit seinen Improvisationen. 2020 hätte Katharina Bach in der Orangerie im Günthersburgpark Texte von Navid Kermani zu unseren Songs aus den demokratischen Traditionen von Heine bis Theodorakis rezitieren sollen. Das Konzert war fertig einstudiert – musste dann allerdings wegen des Covid-Lockdowns eine Woche vor dem Termin abgesagt werden.

Oliver Leicht und Oliver Rubow haben in ihrem Temporären Elektronischen Salon eine ganz spezielle Technik des Sampelns und der Montage von musikalischen und sprachlichen Materialen erarbeitet und Katharina Bach hat eine Kunst der Sprachperformance entwickelt, die einfach einmal zusammen erlebt werden müssen. Der Heinrich-Heine-Chor liefert dafür mit Wolfgang Barinas Arrangements über Eichendorff/Schumann, Brecht/Weill und Heine/Kodaly eine musikalische Vorlage. Wir kommentieren Texte von Sloterdijk, Alexijewitsch und Metzinger mit Bachar Mar-Khalifes arabischer Kyrie, Nina Simones „Sinnerman“ mit Hilfe von Hubert von Goisern in unsere Gegenwart – und beschäftigen uns sängerisch, elektronisch und sprachperformativ mit einigen Freuden und Abgründen der Liebe. Kurzum, wir blasen die Backen ziemlich dicke auf.

Performance über psychische Panikpunkte, möglicherweise schon bald erlebbar

Die Romantik als Opposition – was kann sie auch heute noch/wieder lehren?
Wir wollen niemanden belehren, und wir haben auch kein pädagogisches Anliegen. Wir sind wie die meisten Menschen, die Zugang zur Lyrik und Musik der Romantik finden, fasziniert von den Stimmungen, Dichtungen und Wundern der Melodien - und natürlich von Heinrich Heines in Honig getauchtem Schmerz seiner Liebeslieder und seinem frechen Freigeist und seiner Ironie…. Wir sind wache Zeitgenossen unserer Gegenwart. Wenn du dich heute in einem Chorarrangement mit 12 Männerstimmen von Eichendorffs Zeilen „Es war, als hätt der Himmel, die Erde still geküsst“ und von der Musik Robert Schumanns tief berühren lässt, vergisst du trotzdem nicht, dass wir alle sehenden Auges auf eine fast schon in den Details berechenbare Katastrophe hin leben….

Mit dieser Erfahrung setzt sich die Performance auseinander: Katharina Bach überschreibt und konfrontiert die romantische Suche nach einer nicht technologisch-rational durchorganisierten Welt mit Svetlana Alexijewitschs „Chronik einer Zukunft“ nach Tschernobyl und mit Peter Sloterdijks Assoziationen über den reuigen Prometheus und Thomas Metzingers Prognose über die zusätzlich zu den physikalischen Kipp-Punkten erwartbaren sozialen und psychischen Panikpunkten, die wir oder unsere Kinder und Enkel schon in naher Zukunft erleben könnten.

Was den Heine-Chor betrifft – wie politisch muss Musik (Kunst) für Sie sein und warum haben Sie sich nach Heine benannt?
Wir haben uns 2013 als Projektchor für Willy Pramls großen Heine-Parcours auf den Fundamenten der historischen Frankfurter Judengasse zusammengefunden, und die meisten von uns haben erst in dieser Theaterarbeit Heinrich Heine wirklich entdeckt – seither pflegen wir diese Entdeckung in einem vom Theater Willy Praml ausgerichteten und gestalteten, alle zwei Jahre stattfindenden Theaterfestival „An den Ufern der Poesie“ im Oberen Mittelrheintal. Für den Chor lag es schnell auf der Hand, zu fragen: Wie können wir uns musikalisch mit den Erben und dem Erbe von Heinrich Heine beschäftigen? Dabei entdeckten wir Autoren und Lieder der 1848er-Demokratiebewegung und reaktivierten unsere eigenen biografischen Begegnungen mit den Songs der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (Bob Dylan/Pete Seeger/ Billie Holiday) und Stationen der demokratischen Entwicklungen im Europa des 20. Jahrhunderts.

Unterstützend in der demokratischen Selbstvergewisserung der Stadtgesellschaft

Welches sind die Themenkreise, die Sie verhandeln wollen?
Fast alle Sänger in unserem Männerensemble – unser Altersdurchschnitt liegt deutlich über 60 – haben in den 1970er-Jahren den Sturz der Diktaturen in Portugal und Griechenland und Spanien mit großem Enthusiasmus begleitet. Unsere Beschäftigung mit Heinrich Heine hat uns dabei (ohne dass das von vornherein Absicht gewesen wäre) so etwas wie einen Kristallisationskern angeboten. In der wunderbaren Zusammenarbeit mit Wolfgang Barina, der alle unsere Arrangements geschrieben hat, entstand ein Repertoire, mit dem wir durchaus „eingreifend“ und unterstützend in der demokratischen Selbstvergewisserung unserer Stadtgesellschaft mitwirken: zum Beispiel im Mai 2023 mit Michael Quasts Volksbühne in einer Performance zum Jubiläum der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche oder in Stadtführungen zur Geschichte von 1848 in Frankfurt und in Neu-Isenburg – oder wenn wir in diesem Jahr mit den Portugiesen den 50. Jahrestag ihrer Nelkenrevolution feiern werden.

Wir pflegen also eine demokratische Traditionslinie, die von Heinrich Heine über Friedrich Freiligrath und Brecht/Weill/Eisler bis zu Bob Dylan und Billie Holiday und Mikis Theodorakis reicht – und hoffen, dass wir dabei nicht nur durch guten Willen überzeugen, sondern immer eine respektable musikalische Qualität bieten. Wolfgang Barina hat uns einen Chorsatz von Bob Dylans „The Times, They Are A’Changing“ geschrieben, der ganz und gar nicht nach einer Kirchtags-Adaption klingt und sich als Hymne für Fridays for Future anbieten würde. Vielleicht treten wir mit dem Song ja auch einmal auf einer Demo der FFF als Opas for Future auf (allerdings: die jungen Leute werden Bob Dylan kaum noch kennen). Bei jedem Auftritt singen wir übrigens die Kinderhymne von Brecht und Eisler, die 1989 als Hymne für das wiedervereinigte Deutschland vorgeschlagen wurde. Da heißt es: „Weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s – und das liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihr’s“.

Mit welchen Erkenntnissen oder Anstößen möchten Sie Ihr Publikum am 20. März nach Hause schicken?
Thomas Metzinger, der einen zentralen Text für unsere Performance geliefert hat, schreibt: „Es sind Menschen, die einfach weiterhin so tun, als schliefen sie – und wie jeder weiß, kann man niemanden aufwecken, der nur so tut, als schliefe er.“

Info
Heine Chor meets Katharina Bach und Der Temporäre Elektronische Salon, Frankfurt, Netzwerk Seilerei, 20.3., 20 Uhr, Eintritt: VVK 15 €
 
14. März 2024, 10.51 Uhr
Detlef Kinsler
 
Detlef Kinsler
Weil sein Hobby schon früh zum Beruf wurde, ist Fotografieren eine weitere Leidenschaft des Journal-Frankfurt-Musikredakteurs, der außerdem regelmäßig über Frauenfußball schreibt. – Mehr von Detlef Kinsler >>
 
 
Fotogalerie:
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