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Foto: Klaus Weddig
Foto: Klaus Weddig

Ein Kunst- und Kulturzentrum öffnet sich

Open Studios im Atelierfrankfurt

Vom 23. bis 25. November haben sich die Türen auf den sechs Stockwerken des Atelierfrankfurt für Kunstinteressierte und Neugierige geöffnet. Wir waren vor Ort und haben die Eindrücke für Sie zusammengefasst.
Rauch liegt in der kalten Luft. Feuerstellen prasseln im Innenhof vor sich hin. Auf den Bierbänken davor versammeln sich Kunststudenten, Hipster und dazwischen ein paar Obdachlose, die sich am Feuer wärmen möchten. Das vor uns liegende Gebäude erhebt sich in majestätische Höhen. Dem eher nüchternen Backsteinbau verleihen die auf beiden Seiten gelegenen Wendeltreppen Eleganz. Sie sind bunt beleuchtet.

Ich stehe im Innenhof des Atelierfrankfurt (Schwedlerstraße 1). Es befindet sich im wenig anheimelnden Teil des Ostends zwischen Autohaus und fancy Hotel. Betrieben wird das Kunst- und Kulturzentrum von Nina Reichert, Corinna Bimboese, Marie Schaarschmidt und Manuela Messerschmidt (Foto: v. l. n. r.). Es ist in einem alten, hufeisenförmigen Industriegebäude ansässig. Zahlreiche Künstler haben sich in die Räumlichkeiten eingemietet. Wo sonst hinter verschlossenen Türen gemalt, skizziert und gewerkelt wird, haben Interessierte an diesem Wochenende Kunstwerke betrachtet und kamen mit den Kreativen ins Gespräch.

Meine erste Station führt mich in den dritten Stock zu Diana Ninov, die sich in ihren Malereien und Lichtinstallationen an Neonfarben und Schwarzlicht bedient. Begonnen hat sie in ihrer künstlerischen Schaffensphase mit realistischen Zeichnungen. Mittlerweile bedient sie sich gerader Linien als Leitmotiv.




Foto: Katrin Börsch

Bevor es mich in den besonders produktiven, vierten Stock zieht, gönne ich mir eine kurze Auszeit beim Minigolfen in Raum 6.14. Die Anlage ist ein Projekt, das Ninov in Zusammenarbeit mit Jue Löffelholz und Kai Söltner, geschaffen hat.

Als nächstes besichtige ich Johannes Kriesches Atelier in Raum 4.12. Seine Werke zeigen sommerliche Badeszenen im Wasser. Auf die klassischen Ölgemälde hat der Künstler eine Schicht kleiner Glaskugeln angeordnet, die den Bildern eine weitere Dimension geben. Je nach Perspektive verändern sich die Lichtreflexe. „Ich habe vorher ein Jahr düstere Bilder zu Terrorismus gemalt“, erklärt Kriesche, „danach brauchte ich etwas Fröhliches“.




Foto: Katrin Börsch

Ebenfalls im vierten Stockwerk befindet sich das kleine Atelier von Tatiana Urban, die abstrakte Naturbilder malt. Ihre Gemälde zeigen die Natur als Sehnsuchtsort, stets menschenleer. Ihre Werke wirken durch kräftige Farben und wilden Pinselduktus mal bedrohlich, mal einfach nur schön.




Foto: Katrin Börsch

In Raum 4.05 zeigt Margarete Rabow eine Dokumentation über ihre Kunstaktion, die im Sommer in Wien stattfand. Der Titel lautet „Schreiben gegen das Vergessen“. Sie hat alle Namen der 66.000 getöteten österreichischen Juden mit Kreide auf das Pflaster eines Straßenzuges geschrieben. Geholfen haben ihr Passanten, Schüler und Betroffene des Holocaust. Erinnern soll die Aktion an sogenannte „Reibpartien“, die im Wien der NS-Zeit stattfanden. 1938 wurden Juden aus ihren Häusern gezerrt und gezwungen, antinazistische und pro-österreichische Slogans von den Straßen wegzuwischen. Die Parolen wurden in vorhergehenden Aufständen auf die Straßen geschrieben. Aufgenommen hat Rabow ihre Aktion mit analogen Kameras. Der daraus resultierende Film zeigt in einer Länge von 45 Minuten 24 Bilder mit den Namen pro Sekunde. Die Premiere findet am 6. März 2019 im Mal seh‘n Kino im Nordend statt.

Abgerundet wurden die Open Studios durch ein Rahmenprogramm, das Performances, Lesungen, Improtheater, Führungen und vieles mehr beinhaltete. Am Samstag, den 24. November konnten Literaturinteressierte in den Büchern des im Atelierfrankfurt ansässigen weissbook Verlages stöbern. Den ganzen Tag fanden Lesungen statt.

Durch verschlungene Gänge und betonierte Treppen hinabsteigend, gelange ich in den kargen Keller. Hier verbirgt sich eines der Highlights: I’m a Believer ist eine Ausstellung von Anita Beckers. Sie zeigt Videokunst aus 20 Jahren. Auf den Bildschirmen von wuchtigen Röhrenfernsehern flackern Kurzfilme. Zu sehen ist zum Beispiel Frühherbst von Patrycja German aus dem Jahr 2004. Es zeigt eine Frau, die sich in 22 Minuten beide Augenbrauen auszupft – eine Dekonstruktion des konventionellen Schönheitsbildes der Frau.

Auf einem Flatscreen wird Promised Land (2013) von Julia Charlotte Richter übertragen. Der elfminütige Film zeigt Geschäftsmänner, die sich offenbar in einer Sitzung an einem Tisch befinden. Es wird nicht ein Wort gesprochen. Spannung wird erzeugt durch das ohrenbetäubend laute Eingießen von Mineralwasser in ein Glas. Die Männer fangen an zu schwitzen, sie fühlen sich sichtlich unwohl. Schließlich fangen sie bitterlich an zu weinen. Auch dieser Film zeigt eine Dekonstruktion des gewohnten Geschlechterbildes.
 
26. November 2018, 11.51 Uhr
Katrin Börsch
 
 
Fotogalerie:
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