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Dauerausstellung im Polizeigefängnis Klapperfeld
 

Dauerausstellung im Polizeigefängnis Klapperfeld

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Warten auf die Abschiebung

Foto: Lukas Gedziorowski
Foto: Lukas Gedziorowski
Eine neue Dauerausstellung im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld macht den Abschiebetrakt für die Öffentlichkeit zugänglich. Dafür wurden die Inschriften an den Wänden abgeschrieben und übersetzt.
Nummer 63. Eine enge Zelle – dunkel, kahl und dreckig. Ein Bett aus Eisengitter, darin ein Waschbecken, eine Toilette ohne Sitz, gegenüber sind ein kleiner Tisch und ein Hocker an der Wand befestigt. Über dem Becken ein Spiegel aus Metall. Dahinter ist ein Brief versteckt. „Lieber Bruder Jamal, uns fehlen die Wörter Tag für Tag“, steht da auf Arabisch. Und doch findet der Absender einige Worte des Trostes: „Du darfst nicht denken, ich werde dich vergessen, denn in Gedanken bist du stets bei mir, so dass ich nicht schlafen und nicht essen kann.“ Dann noch mehr Worte: „Respekt“, „traurig“ und der Satz: „Ich mag dich sehr, weil du ein gutmütiger und ein ehrbarer Mensch bist.“

Sich wie ein Mensch zu fühlen, muss schwierig gewesen sein im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld, das von 1886 bis 2002 in der Frankfurter Innenstadt in Betrieb war. Fünf Jahrzehnte lang befand sich im zweiten Stock das Abschiebegefängnis. 16 Einzel- und zwei Sammelzellen. Die Gefangenen hinterließen Spuren: Nacktbilder aus Schmuddelmagazinen und vor allem tausende von Inschriften. Geschrieben, gekratzt oder mit einem Feuerzeug in die Decke gebrannt. Diese Botschaften sind bis heute erhalten. Seit die Initiative „Faites votre jeu!“ das Gebäude im Jahr 2009 übernommen und zu einem autonomen Kulturzentrum gemacht hat, wurde der Originalzustand der Zellen beibehalten. Zwei Jahre lang haben freiwillige Helfer über 1000 Inschriften entziffert, aufgeschrieben und aus über 30 verschiedenen Sprachen übersetzt. Seit Montag ist das Abschiebegefängnis regelmäßig für Besucher geöffnet.

Der Knast erzählt dramatische Geschichten

Die Ausstellung, die den Titel „Raus von hier“ trägt, hält sich mit musealer Präsentation zurück. Zu sehen sind vor allem die Zellen im Originalzustand von 2009, dazu gibt es Hefte, in denen die transkribierten und übersetzten Inschriften nachgelesen werden können. In einigen Zellen werden Audio-Aufnahmen abgespielt. Wenige Tafeln erläutern die Hintergründe. In einem gesonderten Raum kann man sich weiterführend über die Haftbedingungen informieren.

„Der Gefängnistrakt soll für sich sprechen“, sagt Anna, eine der Helferinnen. „Die Ausstellung zeigt unsere Perspektive auf das Gefängnis, nicht die der Betroffenen.“ Man habe recherchiert, wie der Gefängnisalltag war, und Interviews mit Insassen geführt, mit den im Klapperfeld Inhaftierten war jedoch kein Kontakt möglich. Dennoch erzählen manche Inschriften dramatische Geschichten: „Ich schrie, die Wände hatten keine Ohren. Ich schrie weiter“, hat jemand auf deutsch an eine Zellenwand geschrieben. Manche haben auch Namen: Ünal Günay zum Beispiel schrieb auf die Unterseite eines Stuhls: „Das ist das 3. Mal, dass ich aus Deutschland rausgeschmissen werde. Zwei Jahre hab ich in Butzbach gesessen. Heute 21.01.92 nach Istanbul – Es könnte immer noch schlimmer kommen.“

Doch die Arbeit ist noch nicht am Ende. Es seien mindestens so viele übersetzte wie unübersetzte Inschriften, sagt Anna. „Wir entdecken ständig neue.“ Bei vielen sei unklar, um welche Sprache es sich handle. Daher sind weiterhin freiwillige Helfer gefragt, die an dem Projekt mitwirken. Und auch Geldspenden sind willkommen.

>> Raus von hier, Ausstellung, Klapperfeldstraße 5, samstags von 15 bis 18 Uhr.
20. Januar 2015
Lukas Gedziorowski
 
Lukas Gedziorowski
Jahrgang 1985, Studium der Germanistik in Frankfurt, seit 2011 freier Journalist, seit 2013 beim Journal Frankfurt. – Mehr von Lukas Gedziorowski >>
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