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Foto: FKV
Foto: FKV

Frankfurter Kunstverein

Die Zivilgesellschaft muss handeln

Die Ausstellung „Three Doors – Forensic Architecture/Forensis, Initiative 19. Februar Hanau, Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ macht Rassismus und Behördenversagen sichtbar. Die Opferfamilien hoffen, dass ihre Stimmen gehört werden.
Wenn der Staat und seine Ermittlungsbehörden versagen, muss die Zivilgesellschaft handeln. Wie das mit den Mitteln der Kunst geschehen kann, wird in der Ausstellung „Three Doors“ im Frankfurter Kunstverein deutlich. Das Kollektiv „Forensic Architecture“, ein Zusammenschluss unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure, arbeitet als Koalition, um Rassismus und Behördenversagen sichtbar zu machen. Ungeklärte Fälle gibt es genug. 2017 war auf der documenta 14 in Kassel eine Aufarbeitung der Umstände um den Tod des NSU-Opfers Halit Yozgat zu sehen. In der Ausstellung „Three Doors“ werden nun drei neue Arbeiten von „Forensic Architecture“ präsentiert, die rassistisch motivierte Vorfälle in Deutschland untersuchen. In jedem der drei Fälle wird eine Tür zum Sinnbild für die Verwicklung staatlicher Behörden in rassistische Gewalt.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden die visuellen Untersuchungen zum rassistischen Terroranschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau. Zwei Türen stehen dabei für eine Reihe von offenen Fragen: der verschlossene Notausgang der Arena Bar in Kesselstadt sowie die Eingangstür zum Haus des Täters. „Forensic Architecture“ hat hierzu eine Timeline mit allen Ereignissen von 19 bis 4 Uhr morgens erarbeitet, die fortlaufend aktualisiert wird. Die Ergebnisse der Ermittlungen des Kollektivs hierzu werden zum ersten Mal präsentiert. Zu sehen ist außerdem ein Video, in dem der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) die „exzellente Polizeiarbeit“ lobt. Das ist angesichts der Fakten, die hier präsentiert werden, nur schwer auszuhalten.

Eine weitere Untersuchung befasst sich mit einer dritten Tür: die der Zelle, in der Oury Jalloh 2005 in Dessau verbrannte. Dazu wurde die Gefängniszelle im dritten Stock des Kunstvereins nachgebaut und hier werden auch die Untersuchungen zum sich ausbreitenden Qualm präsentiert. Die Fallstudie prüft die seit langem bestehende Annahme von Jallohs Freunden und seiner Familie, dass sein Tod nicht selbstverschuldet war, sondern dass er in Polizeigewahrsam getötet wurde.

Jede Tür öffnet eine neue Perspektive auf strukturellen Rassismus in deutschen Behörden, fehlenden Konsequenzen, eingestellten Ermittlungen und vielen offenen Fragen. „Es ist keine normale Kunstausstellung“, sagt Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins und fährt fort: „Hier werden komplexe Informationen sinnlich wahrnehmbar gemacht und wir zeigen: Unsere Gesellschaft ist divers und wir müssen solidarisch bleiben.“ In der Ausstellung geht es darum, mit künstlerischen, bildwissenschaftlichen und investigativ-journalistischen Mitteln sowie den Stimmen der Betroffenen eine Gegenerzählung zu schaffen.

In den Kunstverein sind auch Angehörige und Freunde der Opfer der rassistischen Attentate gekommen. Sie sind voller Wut und haben das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren. „Seit über zwei Jahren kämpfen wir für Aufklärung“, sagt Armin Kurtović, dessen Sohn Hamza in Hanau erschossen wurde. Die Bundesanwaltschaft hatte im Dezember 2021 die Ermittlungen eingestellt – trotz vieler ungeklärter Fragen. Armin Kurtović richtet einen Appell an den neuen Ministerpräsidenten Boris Rhein: „Bitte ziehen sie das BKA hinzu und beauftragen sie es mit Ermittlungen.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Erkenntnisse, die hier im Frankfurter Kunstverein präsentiert werden, bis nach Wiesbaden gelangen und dort endlich weitere Ermittlungen in Gang setzen.

„Three Doors“, Frankfurter Kunstverein, bis 11. September. www.fkv.de
 
3. Juni 2022, 08.50 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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