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Frankfurt liest ein Buch
 

Frankfurt liest ein Buch

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Teil 1: Mythos Nitribitt

Foto: picture-alliance / dpa | UPI
Foto: picture-alliance / dpa | UPI
Am 1. November 1957 wird in einer Wohnung in der Frankfurter Innenstadt die Leiche einer 24-jährigen Prostituierten gefunden. Der Mord an der jungen Frau wird zu einem der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Rosemarie Nitribitt – sie ist die wohl bekannteste Prostituierte der Bundesrepublik und ihr Tod einer der spektakulärsten Kriminalfälle Deutschlands. Auch heutzutage, mehr als 60 Jahre nach ihrem Tod, lebt der „Mythos Rosemarie“ weiter: Bücher, Filme, sogar ein Musical behandeln Leben und Tod der Prostituierten. Bereits 1958, ein Jahr nach Nitribitts Tod, erschien der Roman „Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind“, den der Journalist Erich Kuby kurz nach dem Mord an Rosemarie Nitribitt zu schreiben begann. Um jenes Werk geht es in diesem Jahr bei dem Literaturfest „Frankfurt liest ein Buch“, das am kommenden Samstag beginnt. Rosemaries Geschichte, die Geschichte einer jungen Frau, die aus ärmlichen Verhältnissen in die große Stadt zieht und ihr eigenes kleines Wirtschaftswunder erlebt, zieht seit Jahrzehnten die Menschen in ihren Bann. Doch wer war Rosemarie Nitribitt?

Rosalie Marie Auguste Nitribitt wird am 1. Februar 1933 in Düsseldorf geboren. Ihre Mutter ist zu dem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt, den Vater lernte sie vermutlich nie kennen. Schon in der frühen Kindheit kommt sie in ein Heim und wird einige Jahre später von einer Pflegefamilie aufgenommen. Als sie elf Jahre alt ist, wird sie von einem 18-Jährigen vergewaltigt. Mit 14 Jahren kommt sie zum ersten Mal nach Frankfurt. Zu dieser Zeit verkauft sie ihren Körper bereits an amerikanische und französische Soldaten. Sie wird häufig von der Polizei aufgeschnappt und muss unter anderem eine dreiwöchige Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt in Preungesheim antreten. Die Fotos der erkennungsdienstlichen Behandlung sind mittlerweile in der Kriminaltechnischen Lehrmittelsammlung – die häufig auch als „Kriminalmuseum“ bezeichnet wird – des Polizeipräsidiums Frankfurt ausgestellt. Auf ihnen zu sehen ist ein junges unscheinbares Mädchen, das so gar nichts mit dem späteren Bild der männerverführenden Nitribitt gemeinsam hat.

Alle Maßnahmen der Polizei scheitern: Nitribitt schafft es immer wieder aus dem System auszubrechen, in das man sie zu stecken versucht. Und sie zieht es auch immer wieder zurück nach Frankfurt. Das ist nicht verwunderlich, weiß Gästeführer und Nitribitt-Experte Christian Setzepfandt: „Frankfurt war die Stadt des Wirtschaftswunders. Viele hofften, hier ihr Leben besser meistern zu können.“ So auch Rosalie Marie Auguste Nitribitt: Da sie als „schwerer Fall“ gilt, wird sie vorzeitig für volljährig erklärt. Von da an steht auch ihrem Leben in Frankfurt als Rosemarie Nitribitt nichts mehr im Weg. Um ihre Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen zu verbergen, lernt sie Englisch und Französisch und nimmt Unterricht in dem Benimmstudio von Erica Schiller-Czerny, erzählt Christian Setzepfandt. Insgesamt drei Monate habe sie dort in Einzelstunden beispielsweise gelernt „wie man das Parkett“ betritt; 900 DM soll sie dieses Wissen gekostet haben.

Über Rosemarie Nitribitts Person, ihren Tod, selbst um ihr Auto ranken sich zahlreiche kuriose Geschichten und Gerüchte. Im März dieses Jahres war in der Bild-Zeitung zu lesen: „Dubai-Milliardär will Nitribitt-Mercedes.“ Das Auto sei allerdings „verschwunden“. Die Bild präsentierte in dem Artikel mehrere Theorien zum Verbleib des Wagens: Eine davon besagt, dass der Autohersteller Mercedes das Auto der Prostituierten heimlich kaufte und verschwinden ließ. Wohl noch nie hat es ein Wagen einer Prostituierten zu solchem Ruhm gebracht, dass es gar Verschwörungstheorien über ihn gab. Auch um Rosemarie Nitribitt selbst kursieren zahlreiche Geschichten: Neben mehreren Abtreibungen, die ihr nachgesagt, aber nie bestätigt werden konnten, gaben vor allem die Tonbänder in ihrer Wohnung Anlass für Spekulationen: Das Gerücht, sie habe Spionage für Geheimdienste betrieben, hielt sich lange Zeit hartnäckig.

Grund dafür war sicherlich ein weiterer Punkt im Leben der Prostituierten, der nie offiziell bestätigt, aber immer wieder als Fakt präsentiert wurde: ihre Kundschaft. Prominente, hochrangige Banker und Wirtschaftsbosse – sie alle sollen auf dem Bett der Nitribitt Platz genommen haben. Dass es tatsächlich einige Vertreter von „ganz oben“ in ihr Schlafzimmer gezogen hat, gilt als sicher. Ihr Notizbuch, in dem sie die Namen von rund 60 Freiern aufgeschrieben haben soll, verschwand auf ungeklärte Weise. Der mit dem Fall befasste Kriminalkommissar Alfred Kalk sagte hingegen über das Notizbuch in einer Dokumentation von Helga Dierichs: „In dem Buch standen Namen, aber die waren nicht aus der großen Welt der Mächtigen und Reichen, sondern ganz normale Bürger. Das Höchste war ein Bankdirektor aus Bad Homburg.“ Auch das Gerücht, ein ehemaliger Ministerpräsident sei einer ihrer Kunden gewesen, dementierte Kalk vehement.

Genauso widersprüchlich ist das Bild von Rosemarie Nitribitt selbst. Während sie von den einen als „Männer-Verführerin“ porträtiert wird, der „auch mal ein 50-Mark-Schein“ recht war und deren einziger Lohn die Eroberung der Männer gewesen sei, beschreiben andere sie wiederum als eine junge Frau, die Nähe suchte und vom Heiraten sprach. Je mehr man sich mit Rosemarie Nitribitt beschäftigt, desto klarer wird: Wer sie wirklich war, ist ebenfalls eine der ungeklärten Fragen; Wahrheit und Lüge verschmelzen miteinander. Rosemarie Nitribitt ist längst zu einem Mythos geworden.

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>>Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 04/2020 des JOURNAL FRANKFURT erschienen

Tickets zu den Führungen von Christian Setzepfandt über Rosemarie Nitribitt sowie Stadtführungen zu weiteren spannenden Kriminalfällen gibt es unter www.frankfurter-stadtevents.de
 
22. Oktober 2020, 10.45 Uhr
Elena Zompi
 
Elena Zompi
Jahrgang 1992, Studium der Germanistik an der Goethe-Universität, seit April 2019 beim Journal Frankfurt. – Mehr von Elena Zompi >>
 
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