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Zum Tode von F. W. Bernstein
 

Zum Tode von F. W. Bernstein

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Abschied von einem der Besten

Foto: Britta Frenz
Foto: Britta Frenz
Am gestrigen Donnerstag ist F. W. Bernstein im Alter von 80 Jahren nach langer Krankheit verstorben. Ein Nachruf auf einen der letzten großen Zeichner, Dichter und Satiriker.
„Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“

Welch ausgeklügelte, unanfechtbare Wahrheit. Und welch ein Schock, dass der Schöpfer dieser Zeilen nicht mehr unter uns weilt. Fritz Weigle, besser bekannt als F. W. Bernstein, lebt nicht mehr. Der Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule ist am 20. Dezember nach langer Krankheit im Alter von achtzig Jahren verstorben. Zeichner, Dichter, Satiriker – all diese Auszeichnungen treffen zu und greifen doch zu kurz. Bernstein war nicht irgendein Zeichner, Dichter oder Satiriker, er war alles auf einmal und dabei einer der besten.

1938 erblickte F. W. Bernstein in Göppingen das Licht der Welt, Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre studierte er an der Kunstakademie Stuttgart und an der Hochschule der Künste Berlin. Schon in Stuttgart lernte er Robert Gernhardt kennen, ebenfalls ein aufstrebender Zeichner und Dichter. Als 1962 das Satiremagazin Pardon gegründet wurde, suchten Weigle und Gernhardt den Kontakt. Nach ihrem Studienabschluss 1964 wurden sie Teil der Redaktion. Dort lernten sie die Zeichner Chlodwig Poth, Hans Traxler und F.K. Waechter kennen – eine wegweisende Begegnung. Gemeinsam mit den Autoren Pit Knorr, Eckhard Henscheid und Bernd Eilert bildeten sie jene Gruppe, die später als Neue Frankfurter Schule bekannt werden und den Grundstein für die systematisch betriebene, gesellschaftskritische Nonsens-Komik sollte. Ein Teil der Gruppe gründete später das Satiremagazin Titanic, das im November 2019 sein 40-jähriges Bestehen feiert. Der oben zitierte Zweizeiler inspirierte Hans Traxler zum Entwurf des Wappentiers, einem Elch mit Trenchcoat und Hut, das auch heute noch als Wahrzeichen des Caricatura Museums für Komische Kunst fungiert.

„Er ist nicht nur der Einzige, aus dem was Ordentliches geworden ist, sein Werk ist das im Gruppenkreise mit sicherem Abstand Sperrigste und Eigenartigste“, sagt Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Titanic-Chefredakteur, über F. W. Bernstein. Sein Verlust hinterlässt eine große Lücke – nicht nur in der Welt der komischen Kunst, sondern bei allen, die das virtuose Spiel mit Worten und Linien zu schätzen wissen.

Zum Abschied, hier ein Gedicht von F. W. Bernstein:

Jagdbericht

Im Hinterhof Kaninchenjagd
Kaninchen hat sich freigenagt
aus seinem Häuschen ausgebrochen
rausgekrochen

Flüchtling wird entdeckt
hat sich schlecht versteckt
es hüpft im Hinterhof HOLLA
schon sind fünf Hasen Jäger da.

Kaninchen wird gejagt, und das
hüpft, schlägt Haken, macht viel Spass.
Die Jäger laufen, man hört sie keuchen
wie sie das freie Kaninchen scheuchen.

Wir wollen die Jäger jagen lassen,
und uns mit wichtigeren Themen befassen:
mit Genen, Terror, Zeitkritik
Korruption und Politik
Attentate und dann diese
Pi pa Po Parteienkrise
die FDP, die CSU
die Linken geben auch keine Ruh
Wir unterbrechen- ein neuer Bericht:
sie haben das Kaninchen immer noch nicht
Wir halten sie auf dem Laufenden und
zur Beunruhigung besteht bis jetzt gar kein Grund.
 
21. Dezember 2018, 12.25 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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Leser-Kommentare

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Underworld Underworld am 21.12.2018, 13:25 Uhr:
Zur Zeit sie sterben wie die Fliegen,

bleibt für immer die Feder links liegen,



Genazino, Taheri und Bernstein,

große Texter, ganz selten nur klein,



ihr Instrument, das waren Buchstaben,

daran als Leser wir durften uns laben.



Auf dem Hof und in Fried' ihr Haupt tut jetzt ruh'n,

ihrer Worte Lebbe geht weiter, das wird uns gut tun.



Das Dunkel erhellt durch Schein von mehr Licht,

heißt Fortschritt für unseres Geistes Geschicht'.

Ärmer bleibt nur so lange unsere Dichter Stadt, bis

ein Neuer, eine Neue was Neues geschrieben hat.


© 2018 Peter Seidel
 
 
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