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US-Wahl

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Wendepunkt

Foto: Unsplash/Jonathan Simcoe
Foto: Unsplash/Jonathan Simcoe
Donald Trump oder Joe Biden? Am 3. November wird in den USA gewählt. Die gebürtige Frankfurterin Jenny Prewo-Harbord lebt seit 13 Jahren in den Vereinigten Staaten. In einem Gastbeitrag schreibt sie über die aktuelle Stimmung in ihrer Wahlheimat.
Vor 13 Jahren bin ich in die USA gezogen. Seit vier Jahren bestimmen dort Chaos und Verwirrung das politische Geschehen. Im Frühjahr versickerte ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump im Nichts. Am 3. November ist die Wahl zum US-Präsidenten. Es herrschen Bangen und große Unsicherheit; man wagt es kaum, auf den Wechsel zu hoffen.

Wir befinden uns an einem entscheidenden Wendepunkt. Seit acht Monaten stecken wir in der Corona-Krise und es ist kein Ende in Sicht. Ich frage mich, wie wir der an Covid-19-Vestorbenen gedenken können. Weltweit sind es mehr als eine Million Menschen, fast ein Viertel davon in den USA. Diese hohen Zahlen sind auf bewusste Irreführung der Bevölkerung seitens des amtierenden Präsidenten zurückzuführen, auf seine Misswirtschaft und falsche Handhabung. Er ist eigennützig motiviert und kalt kalkulierend. Er nutzt Unzufriedenheit, um Zwietracht zu sähen. Vor lauter Lügen und Propaganda weiß man kaum, welchen Nachrichten man trauen kann. Dieses dauerhafte, laute Gedröhne hält Menschen fest in Furcht und ständiger Anspannung.

Seit dem Frühjahr halten wir alle kollektiv den Atem an. Mein Mann, Arzt in New York City, berichtet von übervollen Krankenhäusern: Behelfsbetten in den Fluren, Kühlcontainer für die Leichen dicht an dicht vor dem Gebäude geparkt, während die Sirenen kreischend neue Patientinnen und Patienten liefern und dennoch unzählige Menschen unbemerkt zu Hause sterben, weil für sie kein Platz in den Krankenhäusern ist. Das medizinische Personal arbeitet rund um die Uhr bis hin zur Erschöpfung, oft ohne ausreichende Schutzbekleidung. Es gibt weder ausreichende Tests noch hinreichende Kontaktnachverfolgung.

Der Präsident nennt das Virus einen Scherz, eingefädelt von den Demokraten, um seine Abwahl zu sichern und macht sich lustig über Menschen, die Masken zum Schutz tragen. Er erschwert das Besorgen und Verteilen von Schutzkleidung und medizinischem Equipment, obwohl diese auf Lager sind. Er behindert die Arbeit der Gesundheitsämter und verbreitet bewusst Unwahrheiten über die Art der Übertragung und Gefährlichkeit des Virus, obwohl er über diese Dinge seit Februar Bescheid weiß. Er bewirbt Medikamente zum Zweck der Selbstbereicherung, während er bedürftigen Menschen finanzielle Abhilfe verweigert. Er wettert gegen Schulschließungen, verlangt, dass der wirtschaftliche Normalbetrieb weitergehe, koste es noch so viele Menschenleben.

Viele Menschen erleben coronabedingt hautnah – oft zum ersten Mal – mit welch hauchdünnem, kaum sichtbarem Garn das soziale Auffangnetz in den USA gestrickt ist. Gesundheitliche Sorge, finanzielle Unsicherheit, fehlende Unterstützung verbannt uns alle in einen emotionalen Schwebezustand. In unserer Verletzlichkeit erkennen wir aber auch unsere menschliche Verbundenheit. Normales Leben ist suspendiert, und dennoch geht eines weiter: Unbewaffnete schwarze Bürgerinnen und Bürger werden immer wieder durch Gewalt von Polizisten getötet – Breonna Taylor sei genannt und George Floyd, der um Atem ringend nach seiner Mutter rief.

Ein Wendepunkt! Menschen unterschiedlichster Herkunft solidarisieren sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung und versammeln sich, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Die Botschaft kommt endlich an: Rassismus durchzieht die Geschichte dieses Landes wie ein roter Faden und geht uns alle an! Wir müssen alle anpacken, um uns Diskriminierung und Hass zu widersetzen und zu überwinden. Ein Wendepunkt und zugleich auch die Erkenntnis, dass die Spaltung des Landes nicht lediglich anhand Parteilinien oder aufgrund unterschiedlicher Meinungen besteht, sondern auf rassistischen Ideologien basiert. Wir erkennen, dass wir uns mit der brutalen Geschichte dieses Landes auseinandersetzen müssen und Vergangenheitsaufarbeitung sowie Wiedergutmachung leisten müssen.

Und nun stehen wir kurz vor der Präsidentenwahl wieder an einem Wendepunkt. Um zu wählen, muss man zur Wahl registriert sein. Es wird traditionell am ersten Dienstag im November gewählt, aber der Tag wird nicht von der Arbeit freigestellt. Man muss also Zeit freinehmen, die Warteschlangen an Wahllokalen sind oft lang. Dieses Jahr muss man auch einplanen, wie man wählt. Dies ist von Staat zu Staat unterschiedlich geregelt. Ist in Zeiten der Corona-Pandemie die Briefwahl gesundheitlich sicherer oder wählt man besser in Person, um sicherzustellen, dass der Wahlschein ankommt und die Stimme gezählt wird? Der Präsident hat jüngst einen neuen Postdirektor ernannt, der ihm eine großzügige Wahlspende hat zukommen lassen. Seither ist die Postzulieferung spürbar gedrosselt.

Seit zwei Jahren darf auch ich in den USA wählen. Für mich in New Jersey bedeutet das dieses Jahr eine einheitliche Briefwahl. Dazu wurden gesonderte Briefkästen aufgestellt, zumindest einer in jeder Gemeinde. In Texas dagegen wollte der Gouverneur nur einen gesonderten Briefkasten pro Wahlkreis aufstellen lassen, unabhängig davon, wie hoch die Bevölkerungszahl ist. Für den Wahlkreis Harris County, zu dem die Großstadt Houston gehört, bedeutete dies ein Briefkasten für vier Millionen Wahlberechtigte. Bürgerinnen und Bürger mussten das Aufstellen von weiteren Briefkästen gerichtlich erstreiten. Wahlstimmenunterdrückung ist eben auch Teil des strukturellen Rassismus in diesem Land.

Wie vor vier Jahren, werden alle Hebel in Gang gesetzt, um die Wahl unfair zu lenken und aus dem Ausland zu manipulieren. Spätestens jetzt ist klar: Die Wahl ist ein entscheidender Wendepunkt. Die Demokratie steht auf dem Spiel. Es gilt, den Rechtsruck zu verhindern, und dass amerikanischer Faschismus, mit seiner „White-Supremacy Fratze“, sich für unabsehbare Zeit an der Spitze der Macht festsetzt. Der Präsident hat seit vier Jahren nationalistische Kräfte, sogenannte White Supremacists, in ihrem Hass bestärkt. In seiner Wahlkampfdebatte hat er sich mit ihnen öffentlich solidarisiert, sie dazu aufgerufen, sich mit ihren Waffen allzeit bereitzuhalten. Diese bejubeln ihn, sehen sich zu Gewalt angestiftet, drohen den Wahltag zu stören und haben Terror angekündigt, sollten die Demokraten Joe Biden und Kamala Harris gewinnen. Die New Yorker Polizeigewerkschaft hat sich hinter den Präsidenten gestellt.

Als Deutsche erkenne ich die Gefahr, die diese Banalität des Bösen birgt. Es steht so viel auf dem Spiel. Mir graut vor einem dunklen Herbst und einem noch düsteren Winter. Die politische Lage und die Entwicklung der Gesellschaft machen mir Angst. Die Angst ist nicht neu. Auch bei der Wahl 2016 hatte ich dieses Gefühl. Angst davor, dass der wütende Patriarch Trump unterschätzt wird. Die Hoffnung vieler anderen US-Bürgerinnen und Bürger, dass sich alles irgendwie richten werde, habe ich nicht geteilt.

Enge Freunde fragen, wann wir endlich nach Deutschland ziehen. Wir spielen mit dem Gedanken. Er bleibt unfassbar. Mein Mann und ich haben bereits Pläne für den Notfall gemacht. Doch nach 13 Jahren sind wir in den USA auch sehr verwurzelt. Ich erinnere mich an ein Grundschuljahr in der Holzhausenschule gegen Ende der 80er-Jahre. Mitten im Jahr kamen neue Kinder zu uns und erzählten davon, wie gefährlich die politische Lage und das Leben in ihrem Heimatland in Osteuropa wurde und sie es deshalb verlassen mussten. Ich war damals tief berührt, und konnte die volle Tragweite dennoch nicht richtig begreifen. Nun denke ich oft, was meine zwei Kinder wohl an einer neuen Schule in Deutschland erzählen würden – über Amerika.

Noch haben wir die Wahl. Es besteht die Möglichkeit des aktiven Widerstandes. Die deutsche Geschichte steht als Mahnung. Weltweit gilt es dem Hass, der an allen Ecken kleben bleibt, aktiv Widerstand zu leisten.

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Jenny Prewo-Harbord ist gebürtige Frankfurterin. Vor 13 Jahren zog sie für das Masterstudium von Berlin nach New York. Seit sieben Jahren lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montclair, New Jersey, wo sie als Juristin freiberuflich über Völkerrecht und Menschenrechte forscht und schreibt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 11/2020 des JOURNAL FRANKFURT.
 
3. November 2020, 10.07 Uhr
Jenny Prewo-Harbord
 
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