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Über Traurigkeit und Liebe
Foto: Nils Bremer
Foto: Nils Bremer
Das ist nicht die Zeit für Beschuldigungen, für Hass schon gar nicht, es ist nur die Zeit für Liebe und für Trauer. Sie denken, das ist zu pathetisch? Dann lesen Sie lieber nicht diesen Kommentar.
Gestern postete ich die erste Nachricht, die ich über die Ereignisse in Paris las bei Facebook und schrieb dazu, das mir die Worte fehlten. In den kommenden Stunden sollte ich merken, das anderen Menschen nicht die Worte fehlten. Spürte ich, dass mein "Gutmenschentum" an seine Grenzen geriet, wurde ich gefragt. Machte ich mir nur Sorgen, weil die Einschläge nun näher kämen, wurde ich gefragt. Weil Journalisten, also meinesgleichen betroffen wären. Meine Bauchantwort wäre schlicht "Nein" gewesen. Aber es stimmt ja: Natürlich geht es einem nahe, wenn man in einer Redaktion sitzt und davon hört, dass eine andere Redaktion überfallen wurde, dass Menschen hinter ihren Schreibtischen erschossen wurden, Menschen, die Zeichner waren und Journalisten. Aber was hat das mit dem Islam zu tun? Gar nichts. Und schon höre ich die Einwände und sage wiederum "Nein".

Regen wir Deutschen uns nicht immer auf, wenn wir mit Nazis gleichgesetzt werden nur wegen unserer dunklen Geschichte? Würden wir nicht "Moment mal!" sagen, wenn uns jemand vorwerfen würde: Hier, diese feigen NSU-Morde, da zeigt sich doch die Ausländerfeindlichkeit, die Xenophobie, das Nazitum bei euch Deutschen!

Und nun lesen wir bei Pegida und anderen obskuren Gruppen, dass dieser Anschlag ja wohl der endgültige Beweis für die Terrorkraft des Islam sei, müssen vom AfD-Vize Alexander Gauland den brechreizerzeugenden Satz lesen, die etablierten Parteien sollten sich gut überlegen, ob sie nun bei ihrer Haltung bleiben wollten, "die Anhänger von Pegida weiter zu diffamieren". Und die Frankfurter CDU-Abgeordnete Erika Steinbach postet diese einzige Dummheit:



Da fehlen einem wirklich die Worte. Oh, Sie möchten Belege? Beweise dafür, dass es sich bei dem Attentat, wie sich Daniel Cohn-Bendit ausdrückte, nicht um ein durch den Islam getriebenes, sondern ein faschistisches handle.

Hier haben wir zum Beispiel diese interessante Studie der Bertelsmann-Stiftung. Laut dieser fühlen sich die meisten der vier Millionen Muslime in Deutschland aufgenommen und integriert. Die Mehrzahl der Deutschen aber will das nicht glauben; ein Viertel ist sogar der Auffassung, Muslimen sollte man die Einreise nach Deutschland verweigern. Der Spiegel schlagzeilt zugespitzt, aber durchaus folgerichtig: "Muslime integrieren sich, Deutsche schotten sich ab."

Durch Nachrichten wie diese wird die Weltlage eigentlich nur noch trauriger. Ein Anschlag von drei Durchgeknallten jungen Männern wird Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die den Islam als Wurzel allen Übels sehen. Darum geht es hier gar nicht. Es geht nur darum: 12 Menschen sind ermordet worden. Polizisten. Journalisten. Zeichner. Auch ein Leibwächter und wie kaputt ist das denn, das in einem westlichen Land ein Chefredakteur einen Leibwächter braucht?

Die Antwort auf all dies kann nur unser Einstehen für Meinungs- und Pressefreiheit sein, für Toleranz und Weltoffenheit – alles andere bringt uns auf eine Ebene mit dem Denken jener Menschen, die das Feuer eröffnen, wenn jemand ihnen unliebsame Dinge sagt. Sie mögen das alles billig finden und fernab jeder harten Realität da draußen, die sie sich über ihren Nachrichtenstrom zusammenreimen, Sie mögen behaupten, was soll das, was betrifft es einen Journalisten aus Frankfurt, wenn ein Journalist in Frankreich stirbt, müsste es ihn nicht auch interessieren, wenn ein Anschlag in Pakistan Menschen dahinrafft? Natürlich interessiert mich das. Es interessiert mich, weil ich denke, dass die Freiheit ein fragiles Gut ist und eines für das die Menschen zu sterben bereit sind, auch jetzt in dieser Sekunde für die Freiheit sterben. Und es interessiert mich als Journalist, weil ich meine Arbeit nicht machen könnte, wenn ich nicht schreiben dürfte, was ich möchte, was ich denke, was ich herausfinde. Deswegen bin ich Journalist geworden, weil ich schreiben wollte, was andere denken, aufschreiben wollte, was ist und auch aufschreiben wollte, was ich denke. Und wenn Sie mich jetzt fragen, warum dieser Text immer pathetischer wird, dann darf ich Ihnen zurufen, dass ich, bevor ich Journalist werden wollte, meine Gedanken niederschrieb, weil es mir half, etwas niederzuschreiben, weil Schreiben eine Therapie sein kann und nach dem gestrigen, traurigen Tag war das mal wieder nötig. Ich fühle mich besser. Auch weil mir grade dieses Titelbild von Charlie Hebdo in die Hände fiel:



Das ist ein Satz, den wir uns alle zu Herzen nehmen sollten.
8. Januar 2015
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, seit 2004 beim Journal Frankfurt, seit 2010 Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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