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Foto: Paul S. Amundsen
Foto: Paul S. Amundsen

„Zwischenwelten – Vom Joik zum Rap“

Worte verschwinden und fliegen zum blauen Licht

Auf seiner Hochzeit mit Mette-Marit setzte Norwegens Kronprinz Haakon 2001 ein Zeichen. Neben Jan Garbarek lud er die Sängerin Mari Boine in die Kirche ein und bekannte sich – anders als viele Landsleute – zur samischen Kultur in seiner Heimat.
Schöner hätte die Einstimmung auf das Gastland der diesjährigen Buchmesse nicht sein können. „Norwegen – Land der Trolle und der Fjorde“ war der sonntägliche HR2-Kulturlunch diesmal überschrieben. Eine wunderbare Gelegenheit für Christian Jaksjø, einen der Posaunisten der HR-Bigband, als gebürtiger Norweger den musikalisch-literarischen Streifzug durch seine Heimat zusammenzustellen. Für das exklusive Event hatte Jaksjø eine Allstar-Band formiert. Mit dabei seine Bigband-Kollegen Oliver Leicht (Blasinstrumente) und Hans Glawischnig (Bass), dazu Ensemble Modern-Trompeter Sava Stoianov, die Pianistin Tamar Halperin (zuletzt mit ihrem Satie-Programm im Mousonturm) sowie aus dem hohen Norden eingeflogen Schlagzeuger Pål Hausken und Sängerin Solveig Slettahjell. Mit Motiven von Edvard Grieg, Jazz-Kompositionen und traditionellen Folksongs gelang es, äußerst atmosphärische Klangbilder mit schönen Bläserchorussen im Dialog mit dem ausdrucksstarken Klavier und Slettahjells berührender Stimme zu kreieren. Die von Schauspieler Siemen Rühaak gelesenen Passagen aus Märchen, Romanen und der Bühnenfassung von „Peer Gynt“ garantierten auch den einen oder anderen Lacher. Wo Trolle und andere Fabelwesen unterwegs sind, gibt es so manch herrliche Eskapade. Wie wunderbar.

Auch wenn der Mousonturm mit seinem NORSK Festival mit gleich mehreren Programmpunkten pro Tag die gesamte Buchmesse begleitet und so unterschiedlichste Schlaglichter auf die Kultur des diesjährigen Gastlandes wirft, sollte man kleine, feine Einzelveranstaltungen, die in dieser Woche auch noch stattfinden, nicht außer Acht lassen. So kommt am Donnerstag das Trio Falkevik in die Fabrik nach Sachsenhausen. Ebenda gibt es am 24.10. noch eine Zugabe im Rahmen der „Music Is It“-Reihe. Unter dem Motto „The Fjords Of Norway“ bringt das Piano Trio Norske Classic Interpretors Kammermusikalisches zwischen Folk und Klassik auf die Bühne.

Ein ganz besonderer Abend verspricht der Donnerstag in der Zentralbibliothek zu werden. Dirk Hülstrunk, freier Autor, Moderator und Kulturaktivist in Frankfurt, zeichnet für die Konzeption des Programmes „Zwischenwelten – Vom Joik zum Rap“ verantwortlich. Präsentiert wird neue Sami-Poesie zwischen Tradition und Moderne. Mit Synnøve Persen, Niillas Holmberg (Foto) und Inga Ravna Eira sind drei der renommiertesten samischen Autorinnen und Autoren aus der zur Buchmesse erscheinenden Anthologie „Worte verschwinden, fliegen zum blauen Licht“ zu Gast in der Hasengasse 4. Literaturwissenschaftler Prof. Harald Gaski von der Arctic University Tromsø und die Übersetzerin Christine Schlosser werden in die Besonderheiten samischer Kultur und Literatur und die Problematik der Übersetzung einführen. Grenzüberschreitungen (nicht nur räumlich kein Problem für die Nomaden mit den Rentier-Herden im hohen Norden über die weißen Grenzen von Russland über Finnland bis Schweden und Norwegen) sind den Samen nicht fremd. Auch Genre-Grenzen sind für viele moderne Sami-Künstlerinnen und -künstler fließend. Poesie, Geschichte(n), Gesang, Musik, aber auch bildende Kunst und politischer Aktivismus gehören untrennbar zusammen. Im Zentrum der samischen Kultur steht nach wie vor die uralte und ursprünglich schamanische Gesangstechnik der mit dem Jodler verwandten „Joiks", die dem Menschen wie den Naturphänomenen huldigen. Jedes Kind bekommt übrigens von seinen Eltern nach der Geburt einen Joik geschenkt, ein melodisches Motiv, das ihn sein Leben lang begleiten soll und durchaus eine Veränderung und Erweiterung erfahren kann. Was für eine wunderbare Tradition.

Special Guest des Abends ist die Autorin und Joikerin Karen Anne Buljo. Sie schrieb übrigens auch schon Texte für Mari Boine. „Was ich an ihr so wundervoll finde, ist, dass sie all die Nuancen in der Sprache hat, die mir fehlen. Ich meine, meine Hauptsprache ist die Musik. Meine Texte sind so minimalistisch, ihre sind viel reicher“, hat Mari Boine einmal über Buljo gesagt. Der Eintritt ist frei.
 
15. Oktober 2019, 11.02 Uhr
Detlef Kinsler
 
 
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