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Städel Museum

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Making „Making van Gogh“

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Hinter den Kulissen: Noch bis Mitte Februar zeigt das Städel Museum die „Geschichte einer deutschen Liebe“. Drei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen haben uns bereits vor der Eröffnung durch die noch unbestückte Ausstellung geführt.
Noch bis Mitte Februar werden die Gartenhallen des Städel Museum im doppelten Sinne gut gefüllt sein, mit Bildern und mit zahlreichen Menschen dazwischen. Und auch, wenn Elena Schroll, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Sammlung Kunst der Moderne, Katja Hilbig, Leiterin Ausstellungsdienst und Chantal Eschenfelder, Leitung Bildung & Vermittlung und Digitale Sammlung, die uns an einem Tag Ende Oktober durch den Aufbau führen, sehr zurückhaltend sind mit Prognosen: So ruhig wie jetzt wird es wohl die gesamte Ausstellung nicht mehr werden. Vincent van Gogh (1853–1890) ist, klar, beinahe ein Selbstläufer, zumal in diesem Land, wo der Ausstellungstitel „Making van Gogh. Geschichten einer deutschen Liebe“ auch qua Besucherzahlen zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden dürfte. „Wir haben schon jetzt 2 000 Buchungen für Führungen – eine fantastische Zahl,“ freut sich Eschenfelder, und räumt lachend ein, dass damit allerdings noch kein Besucherrekord garantiert sei. Doch die Chancen stehen gut, denn die 2 000 beziffert nicht einzelne Tickets, sondern Führungen. Und auch der Online-Vorverkauf zeigte damals Wirkung: Die ersten Slots zu besonders begehrten Zeiten waren bereits vor der Eröffnung ausgebucht.

„Making van Gogh. Geschichten einer deutschen Liebe“ ist ein Großprojekt und in seinen Dimensionen durchaus eine Premiere für das Haus. Fünf Jahre hat das Team in die Vorbereitung investiert. Zu Versicherungssummen will man sich nicht äußern, aber gegenüber der dpa wurden die Gesamtkosten im „mittleren einstelligen Millionenbereich“ verortet. Und auch mit Besucherprognosen ist man vorsichtig. Ob der 2015 mit Monet geschaffene Rekord von über 430  000 Besucherinnen und Besuchern eingeholt werden kann? Ein Hinweis darauf, dass man zumindest mit entsprechendem Andrang rechnet, dürfte auch der eigene Shop mit van Gogh-Souvenirs sein, der in die Gartenhallen integriert wurde. Und warum auch nicht? Jeder, rechtfertigte der Enkel von Joan Miró einmal das Repertoire an Souvenirartikeln, wolle etwas von seinem Großvater mit nach Hause nehmen. Der spanische Maler dürfte qua verkaufter Postkarten, Magneten und Kalenderblättern in einer ähnlichen Liga spielen wie sein niederländischer Kollege. „Fast jeder hat eine Vorstellung von van Gogh, “ formulieren Schroll, Hilbig und Eschenfelder übereinstimmend. Ziel der Ausstellung ist es nun nicht, dieses Bild zu dekonstruieren. Aber doch, in drei Kapiteln „Mythos“, „Wirkung“ und „Malweise“, die Möglichkeit zur individuellen Horizonterweiterung zu bieten. Ein Rahmenprogramm vom im Vorfeld produzierten Digitorial über einen Podcast, der die Geschichte des ehemals im Haus befindlichen „Bildnis des Dr. Gachet“ beleuchtet, bis zu Audioguide, Führungen und „Vincents Vibes“-Party soll unterschiedlichste Zugänge ins Thema bieten.




© Harald Schröder

Katja Hilbig ist wie alle drei Frauen Ausstellungsprofi und seit vielen Jahren am Haus. Ihren großen Schreibtisch, der vor der Eröffnung noch mitten auf der „Piazza“, am Wegekreuz zwischen den Ausstellungsräumen stand, musste sie schon bald räumen: „Ich bin sehr stark im Vorfeld tätig. Ich kann meine Arbeit an einer Ausstellung erst mit Eröffnung als vorläufig beendet erklären. Erst am Ende ihrer Laufzeit kommt die Ausstellung nochmal auf meinen Schreibtisch zurück.“ Und Elena Schroll, die damals gemeinsam mit ihren Kolleginnen in den gerade noch leeren Hallen stand, unterstützt während der Ausstellung das kuratorische Team um Alexander Eiling, Leiter Kunst der Moderne am Städel, und Felix Krämer, Generaldirektor am Kunstpalast Düsseldorf, als Projektleitung.

Viele architektonische Raffinessen, die den Besucherandrang möglichst elegant durch die Räume leiten sollen, wurden abteilungsübergreifend erarbeitet. Seit feststand, dass die Dimensionen der Ausstellung den bisher hierfür genutzten Peichl-Bau sprengen würden, musste das Team umdenken. Mit den 2012 eröffneten Gartenhallen, in denen sonst die Sammlung für Gegenwartskunst untergebracht ist, hatte man den passenden Grundriss gefunden: Auf rund 3 000 unterirdischen Quadratmetern bieten sie so viel Platz wie manches Ausstellungsgebäude allein. 2 000 hier von werden nun für „Making van Gogh“ genutzt.

Genügend Raum, um die drei Kapitel als eigenständig begehbare Einheiten zu konzipieren. Weil die Wände in den Gartenhallen relativ hoch sind, wurden stoffbespannte Rahmen als Zwischendecke eingehängt, die den Hall schlucken und so gerade bei Führungen für eine bessere Akustik sorgen sollen. Die größte Überraschung aber dürfte die Gestaltung der Bildertafeln sein: Titel und Jahr werden hier nicht dezent unter dem Rahmen platziert, sondern im XXL-Format weithin sichtbar darüber.

Dass eine van Gogh-Schau wie diese nach Frankfurt gekommen ist, macht geografisch Sinn: War es doch die Städtische Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst am Städelschen Kunstinstitut, in der 1908 das erste Gemälde des Niederländers in einer deutschen Ausstellung öffentlich zu sehen war. Und auch das bereits erwähnte „Bildnis des Dr. Gachet“ war dereinst hier zu Hause, bevor es – später als andere Werke –
von den Nationalsozialisten als entartete Kunst deklariert und, wohl nicht ganz unideologisch, aber mit ebenso ausgeprägt finanziellem Interesse, enteignet wurde. Auch diese Umstände werden im Katalog differenziert aufbereitet.

„Making van Gogh“ ist von mehreren solcher bisher seltener oder nicht in aller Ausführlichkeit erzählten Geschichten durchzogen. Unter ihnen gehört auch die von Johanna van Gogh-Bonger (1862–1925) zu den spannendsten: Denn bevor die Galeristen und Sammler, Kritiker und Künstlerkollegen van Gogh für sich entdeckten, war es eine junge Frau, die mit kluger Strategie den Werken ihres gerade verstorbenen Schwagers zur Berühmtheit verhalf. Was nichts daran änderte, dass sie zu ihrer Zeit schon einmal als schwärmerisches Schulmädchen, das keine Ahnung von der Materie Kunst habe, verspottet wurde.

Johanna van Gogh-Bonger, Ehefrau von Vincents kurz nach dem Tod des Malers ebenfalls verstorbenen Bruder Theo, sah in der Verbreitung des Malerwerks so etwas wie ihre Mission: „Neben der Kindererziehung hinterließ er [Theo] mir noch eine andere Aufgabe: Vincents Werk – es zu zeigen, es so oft wie möglich bewundern zu lassen.“ Ob sie tatsächlich nur ihres Mannes wegen in den Kunstmarkt einstieg? Fest steht, dass die damals gerade 28-Jährige alles andere als schulmädchenhaft vorging: Schon subversiv, wie sie zunächst die Wertschätzung fürs Werk ihres Schwagers steigerte, indem sie es neben namhaften Künstlern seiner Zeit platzieren ließ. Und statt den Markt mit schnellen Verkäufen zu übersättigen, gab sie dem wachsenden Begehren nur langsam nach. Die Nachfrage heizte sie auch mit einer 1905 ausgerichteten Retrospektive im Amsterdamer Stedelijk an, bei der die junge Witwe gezielt kaufkräftige Sammler und wichtige Größen des Kunstmarktes ansprach.

Im Städel Museum räumte man van Gogh-Bonger auch optisch Platz ein: Von einer Wand blickt überlebensgroß ihr Porträtfoto. Städel-Direktor Philipp Demandt betont im Pressetext den bedeutenden Anteil der jungen Niederländerin am heutigen Kunstsuperstar. Dass der Maler allerdings auch zu Lebzeiten „keineswegs der verkannte und erfolglose Eigenbrötler war“, zeichnet Elena Schroll im Katalog zur Ausstellung nach. Am bis heute vitalen Mythos van Gogh, der wohl als Prototyp des durchgeknallten Künstlers gelten darf, strickte insbesondere Julius Meier-Graefe, der als wichtiger Kunstkritiker seiner Zeit ebenfalls eine Rolle spielt.
Daneben geht es um van Goghs Wirkung auf die Kunstwelt: Nicht einmal die Hälfte der 120 gezeigten Werke stammt vom Malerfürsten selbst. 70 Malereien von Künstlern wie Otto Dix oder Paula Modersohn-Becker sollen nachvollziehbar machen, dass van Gogh nicht nur rasch zum Sammler- und Kritikerliebling wurde, sondern gleichzeitig auch ein echter ‚artist’s artist‘ war. Und seine Malweise, die im dritten Ausstellungsteil im Fokus steht, entfaltet ihre Wirkkraft ja bis heute: Die New Yorker Malerin Nicole Eisenman beispielsweise spendierte für ihr aktuelles Gemälde „Huddle“ der Traube flach gemalter Businessmen, darunter einer, der dem aktuellen amerikanischen Präsidenten verdächtig ähnlich kommt, einen pastos aufgetragenen van Gogh-Himmel.

Das abgeschnittene Ohr, die Absinth-Räusche, das Malergenius: All das wird eine Rolle spielen, aber manch liebgewonnenes Vorurteil müssen Besucher eventuell auch ziehen lassen. „Die Art, wie heute Künstlermythen geschaffen werden, wie der Markt funktioniert: das unterscheidet sich grundsätzlich eigentlich kaum von den Mechanismen, die auch für van Gogh galten, “ meint Elena Schroll zum Abschluss. Am Ende solle, klar, nicht ein weniger stehen, sondern ein mehr. „Van Gogh ist nicht vom Himmel gefallen, und den um ihn aufgebauten Mythos will niemand verleugnen. Aber ihn darauf zu reduzieren, wäre falsch.“

Eine Version dieses Artikels erschien zuerst in Ausgabe 11/2019 des JOURNAL FRANKFURT.
 
10. Januar 2020, 12.54 Uhr
Katharina J. Cichosch
 
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