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Foto: privat
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Rainer Erd erzählt die „Untold Story“

Die Barrelhouse Jazzband im Buch

Nach seiner Biografie „Sagt nur nicht Künstler zu mir“ über den Saxophonisten Tony Lakatos, hat Rainer Erd mit „The Untold Story“ einer zweiten Frankfurter Jazzlegende ein Buch gewidmet. Rechtzeitig zum 70. Jubiläum der Barrelhouse Jazzband wird es im Juli erscheinen.
JOURNAL FRANKFURT: Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, kam es zu Ihrem ersten Buchprojekt über den Saxophonisten Tony Lakatos dadurch, dass Sie zum Vorstand des Fördervereins für die Bigband des Hessischen Rundfunk stießen und so nah an die Musiker heran gekommen sind. Hatten Sie vorher schon die Idee, mal ein Musikbuch zu schreiben und warum wurde es dann eine Biografie über Tony Lakatos?
Rainer Erd:
Das Thema Jazzbuch ist mir erst durch die Bekanntschaft mit Tony Lakatos gekommen, vor allem deshalb, weil er einerseits der Star der hr-Bigband, und andererseits auf eine – für einen Star – so ungewöhnliche Weise nahbar war, dass sich nach ein paar Gesprächen das Thema Buch einfach aufdrängte. Übrigens: seine erste Reaktion als ich ihm die Idee für das Buch vorstellte, war: „Was gibt es über mich schon zu schreiben?“ Immerhin wurden es mehr als 200 Seiten, wie sich dann herausstellte.

Als „Sagt nur nicht Künstler zu mir" – so der Titel des Buches – erschienen war, wie waren die Reaktionen und haben die Sie letztendlich dazu ermuntert, ein zweites Projekt anzugehen?
Die Reaktionen in den Medien waren für mich überraschend umfangreich und lobend, sodass sich ein zweites Projekt aufdrängte. Die Idee zum Barrelhouse Buch entstand während eines zufälligen Treffens mit dem Saxofonisten Frank Selten, den ich aus meiner Zeit als Veranstalter in der Fabrik kannte. Selten hatte das Lakatos-Buch gelesen und meinte nebenbei: „Über uns gibt es auch etwas zu schreiben“. Und schon war die Idee geboren. Der Rest war Fleißarbeit.

Aus einem Riesenpool an Jazzmusikern in Frankfurt wurde es also die Barrelhouse Jazzband. Was hat Sie an diesem Projekt besonders gereizt?
Das hat einen historischen Grund. Ich hatte als 18-jähriger Schüler in Kassel am Goethe Gymnasium eine kleine Oldtime Band (1963-1964), die Earthquakers, nach ihrem Gründer Erd benannt. Wir spielten damals in Kassel und Umgebung an den Wochenenden, waren aber nur mäßig gut, obwohl wir einen Preis beim Wettbewerb Hessischer Schülerbands gewannen. Unser großes Vorbild unter den aktuellen Bands war damals die Barrelhouse Jazzband, die 1963 bereits zehn Jahre existierte. Mit dem Abitur haben wir dann das Spielen aufgegeben. Die Erinnerung an die virtuose New Orleans-Band war aber immer präsent. Es brauchte nur einen Anlass und die Idee für das Buch war geboren.

Mit Lakatos war es vergleichsweise einfach – Sie hatten was die Künstlerseite betrifft nur einen Ansprechpartner. Bei Barrelhouse sah das anders aus. War es deshalb schwieriger?
Mit Tony war die Zusammenarbeit sehr easy. Wir haben uns ein paar Mal getroffen, ich habe Entwürfe unserer Gespräche geschrieben, Tony hat sie korrigiert – und fertig war’s. Da Tony so gar nicht penibel oder beharrend ist, hat – ich hoffe uns beiden – die Arbeit an dem Buch viel Spaß gemacht. Übrigens auch die anschließenden Vorstellungen, bei denen er gespielt und ich gelesen habe. Die Barrelhouse Jazzband besteht aktuell aus sieben Musikern und aus einer Reihe anderer, die früher einmal in der Band gespielt haben. Ich habe versucht, mit allen noch lebenden Musikern zu sprechen. Da einige Musiker nicht ganz konfliktfrei aus der Band ausgeschieden sind, war zu erwarten, dass ihre Wiedervereinigung in einem Buch durch mich auch nicht problemlos sein würde. Und so war es auch. Manche Teile des Buches waren ein Vergnügen zu schreiben, andere Teile mussten mühsam so formuliert werden, dass alle Beteiligten an Bord blieben. Ich bin gespannt, ob die Leser merken, an welchen Stellen ein paar Entwürfe geschrieben werden mussten, damit keiner aus dem Projekt aussteigt. Vielleicht sollte ich noch anmerken, dass ich allen Beteiligten vorher zugesichert hatte, Ihnen alle Teile vor ihrer Veröffentlichung zum Lesen zu geben. Besonders deshalb, um zu verhindern, das hinterher einzelne Stellen nicht korrekt sind. Die Kenntnis aller Musiker von dem gesamten Manuskript hat dann zu einer Reihe von Kontroversen geführt. Konsens hatten wir aber stets, dass ich das Buch nach meinen Vorstellungen von Konflikt-Geschichte schreibe und es haben sich alle auch daran gehalten. Es ist also nichts beschönigt. Nur an einigen Stellen habe ich dafür gesorgt, dass sich nach Erscheinen des Buchs keiner wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte beschwert.

Können Sie noch mal genauer ausführen, was das Buch vor allem präsentieren wird? Sie haben ja schon angedeutet, dass es auch um Konflikte und Kontroversen geht. Also nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen zum Jubiläum ...
Was ich auf keinen Fall machen wollte und auch nicht gemacht habe, ist, zum 70. Jubiläum der Band im Jahr 2023 einen Jubelband zu schreiben. Vielleicht wissen Sie, dass ich vor meiner juristischen Ausbildung ein paar Semester Soziologie studiert und später auch länger im Frankfurter Institut für Sozialforschung („Adorno Institut“) als Wissenschaftler gearbeitet habe. Aus dieser Zeit stammt mein Interesse an der Darstellung von Konfliktstrukturen, die produktive Resultate hervorbringen können. Mit dieser Grundidee bin ich in die Gespräche mit den einzelnen Musiker:innen gegangen. Und siehe da, musikalische Auseinandersetzungen haben in der langen Zeit der Geschichte der Band eine große Rolle gespielt. Meiner These nach sind sie sogar die treibende Kraft, die dafür gesorgt hat, dass die Band nicht steril in einem einmal erarbeiteten Stil stehen geblieben ist, sondern sich stets weiterentwickelt hat, wenngleich der große musikalische Rahmen (New Orleans Jazz) erhalten geblieben ist.

Der Leser wird ein dem Buch durch die großen und kleine Konflikte der Band geführt und erlebt, dass Auseinandersetzungen eine große Produktivkraft für ein Orchester sein können. Allerdings nur dann, wenn wenigstens einer, meist der Bandleader, dafür sorgt, dass Konflikte sich nicht destruktiv entwickeln, was nicht selten in der Geschichte des Jazz' zur Auflösung von Bands geführt hat. Reimer von Essen, der langjährige Bandleader, ist ein verlässlicher Integrator, der ein gutes Gespür dafür hat, wann er integrierend tätig sein muss, um die Band nicht zu gefährden. Das ist ihm bis heute in bewundernswerter Weise gelungen.

Ein Wort zur Finanzierung. Früher sprach man einen Verlag an, der finanzierte bei Interesse so ein Buchprojekt, vertrieb und promotete es. Heute lässt er es sich nicht selten vom Autoren vorfinanzieren. Da bleibt als Alternative, alles selbst in die Hand zu nehmen und nutzt dann Crowdfunding zur Unterstützung. Wie sehen Sie die Entwicklung, wie war Ihre Erfahrung damit?
Na ja, ich hatte schon einen Frankfurter Verlag, der das Buch gerne machen wollte. Aber wenn man erfährt, dass man erst einmal mehrere Tausend Euro vorstrecken muss, um ein solches Buch realisieren zu können, dann wird man schon nachdenklich. Glücklicherweise hat mich ein Mitglied der Band, der Schlagzeuger Michael Ehret, auf die Idee mit dem Crowdfunding durch „Startnext" gebracht. Ich habe dann den für den Druck erforderlichen Betrag als Ziel eingetragen und konnte zu meiner Zufriedenheit feststellen, das nach vier Wochen der erbetene Betrag eingegangen ist. Bei meinem nächsten Projekt, das ich gerade vorbereite, werde ich vermutlich wieder so verfahren. Es wird voraussichtlich wieder ein Jazzbuch, aber mit einem ganz anderen Thema. Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, wird es um „Women in Jazz“ gehen.

Zum Vormerken: Das Buch „The Untold Story“ erscheint voraussichtlich Ende Juli 2022 und kann dann bei Rainer.Erd@t-online.de für 20 € plus 3 € Porto bestellt werden.
 
24. Mai 2022, 11.59 Uhr
Detlef Kinsler
 
Detlef Kinsler
Weil sein Hobby schon früh zum Beruf wurde, ist Fotografieren eine weitere Leidenschaft des Journal-Frankfurt-Musikredakteurs, der außerdem regelmäßig über Frauenfußball schreibt. – Mehr von Detlef Kinsler >>
 
 
Fotogalerie:
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