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Paris, Frankfurt

38 Menschen auf dem Flughafen, Bürger aus Frankfurt, die Hälfte von ihnen: SPD-Mitglieder. Genossen, wie auch Michael Paris, der eingeladen hat zu diesem Ausflug. Für die, die ihn nicht kennen: Michael Paris war mal Landtagsabgeordneter, fristet nun sein Dasein als Stadtverordneter in Frankfurt und möchte wieder, na klar, in den Landtag. Aber zurück zum Flughafen, genauer: Airport Conference Center, abgekürzt Ey-Si-Si, Raum 6, fensterlos, schmucklos, draußen die Randbebauungstristesse von Deutschlands Flughafen Nummer 1. Michael Paris sitzt vorne, bald kommt ein untersetzter mittelalter Herr, zwei Kartons Prospekte im Schlepptau. Der Stadtverordete stellt ihn vor, Frank Cornelius sei das von der Fraport, der die Führung über die neuen Projekte am Flughafen halten werde, man dürfe gespannt sein und vor allem werde man nachher wissen, warum der Flughafen ein Projekt von nationaler Bedeutung sei, nicht zuletzt wegen den Arbeitsplätzen, die sich durch die neue Landebahn im Nordwesten von 65 auf satte 100.000 erhöhen würden.
Glaubt die Fraport.
Glaubt Herr Cornelius.
"Ich bin", sagt der, "ich bin Lobbyist." Kunstpause. "Und das ganz ohne Köfferchen, nur durch meine Überzeugung. Und das gelingt am Besten in der Region, ich bin viel unterwegs bei Politikern, bei der CDU, bei der SPD, der FDP. Nur bei den Grünen sehr, sehr selten, die wollen sich meine Argumente gar nicht anhören. Wissen Sie, da muss ich sagen: das tut mir persönlich schon im Herzen weh, wenn jemand sich nicht auf Gespräche einlassen will, das gehört doch dazu, wenn man etwas gemeinsam erreichen will, miteinander reden. Deswegen freue ich mich, dass es auch noch Politiker wie den Michael Paris gibt, die nach vorne denken, die positiv entscheiden und nicht immer neinneinnein sagen."

Ich lehne mich zurück und freue mich auf die Gehirnwäsche. Cornelius legt los. "Wir sind die Besten, ja, das hört sich vielleicht komisch an, aber es - ist - so. Ganz einfach. Ich erklär's Ihnen." Und dann: Zahlen, Daten, Fakten. Über eine Stunde lang. "Na, Sie kommen aus Frankfurt, da werden Sie von der neuen Landebahn ja nix mitbekommen - oder sagen wir mal: ganz wenig. In Offenbach dagegen sieht's schon ein bisschen anders aus, hier die Karte, geht direkt über die Innenstadt die neue Einflugschneise, sehen Sie's. Aber immer noch sechs- bis achthundert Meter überm Boden, das ist kein Krach, kein Lärm. Ich sag immer: Lärm ist ja auch 'ne Bauchsache." Genau. Beziehungsweise: nein! Aber erstmal ein Bild:

Frank Cornelius (Fraport) und Michael Paris (SPD)

Links Herr Cornelius, rechts Herr Paris. Um 18.15 ist die Lehrstunde in Sachen der Flughafenausbau ist doch nicht so scheiße, wie ihr alle gedacht habt zu Ende und wir fahren aufs Vorfeld. Ich frage Michael Paris, ein bisschen ungläubig: "Waren Sie eigentlich schon immer für den Flughafenausbau?" "Ja", antwortet der ohne zu zögern. Und dann erzählt er. Wie er als Landtagsabgeordneter im Wirtschaftsausschuss durch die Welt jettete, um sich Triebwerksproduktion und neue Landebahnsysteme erklären zu lassen oder mal in einem Holzmodell des Airbus 380 in Toulouse wandelte. "Wissen Sie, man muss auch Politik für junge Menschen machen. Und für die sind Arbeitsplätze nun mal ein sehr wichtiges Thema. Der Rentner, der in Raunheim sein Haus unter die Einflugschneise gesetzt hat, der schimpft natürlich. Aber die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz bekommen, auf die muss man auch achten. Und der Flughafenausbau bringt ja nicht nur auf diesem Gelände hier Arbeitsplätze, sondern auch in der ganzen Region. Davon profitieren alle."
Michael Paris, nachdenklich
Draußen ziehen die großen Maschinen vorbei, die Stimme von Frank Cornelius schallt lautstprecherverstärkt durch den Bus. "Hier sehen Sie mal, was es heißt, an der Kapazitätsgrenze zu arbeiten", sagt er und weist auf die beiden Bahnen, auf denen die Jets im Halbminutentakt aufsetzen. Cornelius spricht über das Airrailcenter, natürlich, der Einzelhandel habe Angst davor, dabei belebe doch Konkurrenz das Geschäft. Über die A380-Werft, deren erste Pfeiler bereits in den Boden gerammt sind. Über Gateway Garden, die einstige Siedlung der Amis, die nun weg sind. "Da muss man den Amerikanern schon dankbar sein, dass sie so lange hier waren. Und man muss ihnen auch dankbar sein, dass sie nun weggegangen sind. Für den Flughafen ist das eine Riesenchance."
Im Bus auf dem Vorfeld
Kreuz und quer geht es übers Vorfeld, immer auf der Hut vor den Flugzeugen. "Die dürfen eigentlich auch nur 30 Stundenkilometer fahren. Da halten sie sich aber nicht unbedingt dran - wie man sieht." Und wuusch brettert die nächste Lufthansa-Maschine über die Kreuzung. Das Recht des Stärkeren. Dann kommen wir durch die Hallen des Winterdienstes, der dieses Jahr etwas unterbeschäftigt ist, aber immerhin die größte Eisfräse Europas am Start hat. "Das ist doch mal was, aber die brauchen wir wirklich", sagt Cornelius. Dann noch die Trucks, die Flugzeuge enteisen können, 800.000 Euro das Stück, so unspektakulär sehen sie aus:
flughafen02.jpg
Alles toll auf dem Flughafen, eine beton- und stahlgewordene Männerphantasie, höher, schneller, weider - hier ist das Realität.
Kein Wort darüber, dass laut einer Studie des Regierungspräsidiums allein in Frankfurt 100.000 Menschen unter der neuen Landebahn zu leiden hätten. Immerhin: Offenbach ist arm dran und ein paar andere Nachbargemeinden auch. "Das ist ja immer der große Streitfall: die bekommen den ganzen Lärm ab, die Gewerbesteuer aber kassiert Frankfurt. Da muss die Politik auch mal zu einer Übereinkunft kommen."

Michael Paris hat es nicht leicht in seiner Fraktion in Frankfurt. Da sind längst nicht alle für den Ausbau. Aber das ist auch egal, denn im Landtag, da sind alle einer Meinung: der Flughafenausbau muss sein. Lässt sich ja auch leicht vertreten, wenn man Abgeordneter im Lahn-Dill-Kreis ist. Und eine Stadt wie Frankfurt kann sowieso nur bedingt Einfluss nehmen den Ausbau. Immerhin: Offenbach will klagen, das denkt dort sogar die CDU. Aber vielleicht sind das ja auch nur Leute, die nicht nach vorne denken, die zu allem immer neinneinnein sagen. Ich würde sagen: das sind Politiker, die auf ihre Bürger hören. Und nicht auf ein Wirtschaftsunternehmen. Aber das zählt heute nicht.

Frank Cornelius kommt zum Schluss, nach zwei Stunden Fahrt hat er alles erklärt. "Ich hoffe, Sie haben einen Eindruck gewonnen, warum der Flughafen ausgebaut werden muss. Und ich hoffe, Sie stärken ihrem Abgeordneten Michael Paris den Rücken, wenn er seine Genossen überzeugen will." Dann verabschiedet er sich. Er muss noch mal nach Wiesbaden zu den Arbeitsgeberverbänden. Für seine Sache werben. Ganz ohne Köfferchen, nur mit Überzeugungskraft.
Unterm Jumbo
 
1. Februar 2007, 12.51 Uhr
Nils Bremer
 
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