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Schwesta Ewa bringt ihr Mixtape raus

Früher verdiente die 28 Jahre alte Ewa ihr Geld in einem Frankfurter Laufhaus. Nun macht sie Rap für die Straße – und spaltet die Gemüter. Am Freitag, 5. Oktober, kommt ihr Mixtape auf den Markt.
Rückblick: Am 6. August releaste Schwesta Ewa ihr Rap-Video: „Bin gleich zurück“. Auf ihrem Facebook-Profil laufen minütlich neue Likes, Kommentare und Shares ein. Nach einer halben Stunde haben 463 Menschen den Facebook-Daumen gereckt. 88 User haben das Video geteilt, 112 eine Meinung auf der Timeline hinterlassen. Einige positiv, viele negativ. „Alles Hurenkinder die Lieder von der auf Handy haben“, gehört noch zu den moderaten Aussagen. Die 28-Jährige spaltet die Gemüter. Weil sie jahrelang als Prostituierte im Frankfurter Bahnhofsviertel arbeitete und aus ihrer Vergangenheit keinen Hehl macht.

Als ihr Label Alles oder nix-Records im Dezember 2011 ihre erste Single „Schwätza“ veröffentlichte, machten Ewa die Kommentare schwer zu schaffen. Zwei Tage lang saß sie vor dem PC, erneuerte die Youtube-Seite und las sich jede einzelne Bemerkung durch. „Ich wollte nicht rausgehen, nicht duschen; ich habe zwei, drei Kilo abgenommen, weil ich nur noch am Internet hing“, sagt die 28-Jährige heute. Schließlich hatte sie genug. Ewa ging zu Xatar, dem Label-Chef, und verlangte: „Lösch alles!“ Doch Xatar zeigte ihr die andere Seite der Medaille. Die „rappende Nutte“ war in der Szene im Gespräch. Ob nun positiv oder negativ, sei eigentlich egal. Mehr Aufmerksamkeit ist gleichzusetzen mit steigendem Marktwert. Innerhalb einer Woche klickten rund 300.000 User das Video auf Youtube an. Inzwischen sind es mehr als 3,3 Millionen.

Geboren im polnischen Koszalin kam Ewa mit drei Jahren nach Deutschland. Sie wuchs in Kiel auf. Ihre Mutter zog sie alleine groß. Den Vater lernte Ewa nie kennen. Alles, was sie von ihm weiß: Er sitzt lebenslänglich im Knast. Viel Geld hatten Mutter und Tochter nicht.“Ich musste immer schon klauen und dealen, um durchzukommen“, erzählt Ewa. Als junge Erwachsene kellnerte sie in einer Kneipe nahe des Rotlichtviertels in Kiel. Dort gingen auch die Prostituierten ein und aus. „Die kamen mit ihren fetten Pelzmänteln, ihrem Schmuck und gaben immer richtig gut Trinkgeld!“ Vom Duft des Geldes angelockt beschloss Ewa, ins Gewerbe einzusteigen. Damit ihre Familie nichts mitbekam, zog sie mit 19 Jahren nach Frankfurt. Sie wollte „flous machen“, Geld verdienen.

Acht Jahre lang verdiente sie denn auch gutes Geld in der Taunusstraße, im Roten Haus, erzählt die Polin. Mit 27 Jahren dachte sie dennoch verstärkt über einen Rückzug nach, weil sie nicht wusste, wie lange sich das Geschäft noch lohnen würde. Gerappt hat sie, soweit sie sich zurück erinnern kann. Davon leben zu können, konnte sie sich schwer vorstellen. Heute präsentiert sie im Bahnhofsviertel stolz ihre goldene Rolex. 23 000 Euro hat sie dafür hingeblättert. Warum? Weil sie es sich leisten kann.

Xatar, den sie kurz vor dem Umzug nach Frankfurt in Bonn kennengelernt hatte, drängte sie vergangenes Jahr, ein Rap-Video zu machen. Inzwischen sind es deren sechs. Ewas Tracks, drehen sich um Drogen, Prostitution und um die Neider, die ihre Arbeit aufgrund ihrer Vergangenheit schlecht reden. „Ihr wollt realen Straßenrap? Realer als ich geht es nicht“, konstatiert die Schwesta. Sie sei vielleicht nicht die beste Rapperin des Landes, aber sie habe eben eine bisher unbesetzte Nische entdeckt. Eine Art „weiblicher Gangster“. Laut Ewa buhlt der Musikmarkt-Riese BMG schon seit einiger Zeit um ihre Gunst. Und das obwohl ihr erstes Mixtape erst am 5. Oktober releast wird. „Aber bei denen unterschreibe ich nicht. Die wollen zuviel Geld für sich selber einstreichen“, sagt Schwesta Ewa linkisch und lacht. Vorerst bleibt sie ihren Jungs vom Bonner Label Alles oder nix-Records treu.

Nach 24 Stunden liest sich die Facebook-Statistik von „Bin gleich zurück“ so: Knapp 1000 Likes, 207 Shares, 236 Kommentare – viele davon unter der Gürtellinie. Ewa interessiert das nicht mehr. Das Geschäft läuft.

Eine Version dieses Artikels ist im Journal Frankfurt Ausgabe 18/2012 erschienen.
5. Oktober 2012
Gerald Schäfer
 
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