Facebook
|
Twitter
|
RSS
|
eMags Kontakt
|
Mediadaten
|
Impressum
Kultur
Startseite Alle NachrichtenKultur
Frankfurt liest ein Buch
 

Frankfurt liest ein Buch

0

Martin Mosebach: „Eine stetig werdende Stadt“

Foto: Hagen Schnauss
Foto: Hagen Schnauss
Martin Mosebachs Roman „Westend“ steht bis zum 19. Mai im Mittelpunkt des Festivals Frankfurt liest ein Buch. Im Interview spricht der Schriftsteller über seinen Blick auf die Stadt und deren Entwicklung seit dem Krieg.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Mosebach, vierzehn Tage lang wird Ihr Roman „Westend“ im Fokus des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“ stehen. Macht es Sie stolz, dass Ihr Hauptwerk zum Mittelpunkt des Frankfurter Literaturbetriebs werden wird?

MARTIN MOSEBACH: Es ist etwas, was ich in keiner Weise erwartet habe und ich freue mich sehr darüber. Wenn eine große Schar von Menschen sich mit einem Buch, das vor 25 Jahren erschienen ist, noch einmal beschäftigt, dann ist das in der vergess­lichen Welt der Literatur etwas Atypisches und ganz Besonderes.

Welcher Veranstaltung sehen Sie mit besonderer Freude entgegen?

Ich freue mich sehr auf eine Veranstaltung, die mit Bernd Eilert zusammen stattfinden wird. Er war einer der ganz wenigen, die sich vor 25 Jahren für „Westend“ interessiert haben, und hat damals in der Neuen Rundschau eine Rezension über das Buch veröffentlicht. Dazu wird es noch eine ganze Reihe weiterer Gesprächen geben, zum Beispiel mit Felicitas von Lovenberg, Klaus Reichert und Rainer Weiss. Von den jeweils unterschiedlichen Zugängen meiner Gesprächspartner zu „Westend“ werde ich mich überraschen lassen. Ich bin sehr gespannt, wie diese Abende verlaufen werden.

„Westend“ thematisiert die Stadtentwick-
lung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und bildet die städtebauliche Entfremdung von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt ab. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch heute feststellen. Gehören diese zur DNS von Frankfurt?


Das kann man sicher sagen. Frankfurt ist eine stetig werdende Stadt, die keinen dauerhaften Charakter oder ein festes Gesicht hat. Es gehört zu dieser Metropole, dass unablässig gebaut wird. In den vergangenen Jahren sind viele Gebäude der ersten Aufbauzeit der 50er-Jahre abgerissen worden, auch gelungene, wie beispielsweise das Rundschau-Haus. Ich könnte mir denken, dass Menschen, die vor 15 Jahren zum letzten Mal in Frankfurt waren, an manchen Orten Schwierigkeiten haben, sich überhaupt noch zurecht zu finden. Es gehört zu Frankfurt, dass aus Immobilien etwas höchst mobiles wird, das keine besondere Dauer hat.

Die Stilistik Ihres Romans wurde mitunter als „manieriert“ und „verschmockt“ bezeichnet, Ihr Verhältnis zur Geschichte und Traditionen als „rückwärtsgewandt“ verfemt. Die Sprache Ihrer Erzählung fällt bis heute aus der Zeit. Welche Absicht steckte dahinter?

Die Sprache von „Westend“ ist ganz bestimmt nicht den Stilen zuzuordnen, die Ende der 80er-Jahre geschrieben wurden. Und dies war bewusst gewählt. Ich hatte die vermessene Vorstellung in einer Sprache von einer gewissen Haltbarkeit zu schreiben, die sich nicht ohne weiteres einer Manier zuordnen lässt. Eine Sprache, die ich – soweit es ging – relativ eigenschaftslos gestalten wollte, um nicht die Stilistik zum Haupterlebnis zu machen, sondern die dadurch evozierten Bilder in den Vordergrund zu stellen und eindrücklich zu machen.

Sie sind in Frankfurt aufgewachsen. Das Westend bildet die große Kulisse Ihres Romans. Welchen Einfluss hatte die Stadt auf Ihre Art und Weise des Erzählens?

Frankfurt hat etwas schwerer zu definierendes, als es andere Städte haben. Deshalb kann ich auch nicht sagen, worin genau es bestehen sollte. Sie ist unter den deutschen Großstädten eine kleine Stadt und hat nach dem Krieg dieses gigantische Administrations­zentrum bekommen, wodurch sie in ihrem Charakter sehr schwierig zu erkennen ist und an Eigentümlichkeiten verloren hat. Die großen epischen Bücher des 20. Jahrhunderts spielen alle in ausgesprochen farbigen, typischen und charakteristischen Städten – beispielsweise Paris bei Proust oder Dublin bei Joyce. Als nachgeborener Romancier kann man deshalb nur neidisch werden in einer vergleichsweise blassen und in vielerlei Hinsicht eigenschaftslosen Stadt geboren zu sein. Ich habe deshalb den Entschluss gefasst, aus dieser alles andere als grell-bunten Umgebung dennoch einen Funken zu schlagen.

Zum Schreiben zieht es Sie immer wieder nach Rom. Haben Sie aus der Distanz einen besseren Blick auf ihre Heimatstadt Frankfurt, mit der Sie eine viel zitierte „Hassliebe“ verbindet?

Die Bezeichnung der „Hassliebe“ stammt nicht von mir, sondern aus einem Vorwort zu dem kleinen Buch „Mein Frankfurt“ und ist eine zu schroffe Beschreibung. Ich sehe die großen Nachteile der Stadt mit nüchternem Blick, aber fühle mich ihr dennoch verbunden. Die Distanz hilft immer beim Schreiben. Man kann nur das beschreiben, was man schon erlebt hat. Und am besten gelingt das, wenn eine Erinnerung mit dem eigenen Leben amalgamiert ist und später aus der Rückschau reproduziert wird.
10. Mai 2019
Moritz Post
 
Empfehlen
 
Fotogalerie:
{#TEMPLATE_news_einzel_GALERIE_WHILE#}
 

Leser-Kommentare

Kommentieren
Schreiben Sie den ersten Kommentar.
 
Mehr Nachrichten aus dem Ressort Kultur
 
 
Neues Kunstfestival im September
1
Kunst als urbanes Ereignis
Frankfurt bekommt ein neues Kunstfestival: „The Frankfurt Art Experience“. Neben vielen spannenden Angeboten holt das Festival am ersten Septemberwochenende auch die beliebte Kunstmesse Paper Positions in die Stadt. – Weiterlesen >>
Text: ez / Foto: Symbolbild @ Unsplah/Deanna J
 
 
Lost Stories: neue Form der Erinnerungskultur
0
Das Leben eines jeden Menschen ist es wert, erzählt zu werden
Die Austellungsreihe Lost Stories will den Umgang mit Altern, Sterben, Tod und Vergänglichkeit in den Alltag holen und eine neue Form der Erinnerungskultur kreieren. Das Pilotprojekt startet in Frankfurt, noch bis zum 23.7. läuft eine Crowdfunding-Aktion. – Weiterlesen >>
Text: Helen Schindler / Foto: Symbolbild © Pixabay
 
 
Sommerwerft 2019 vom 19.7.-4.8.
0
Kreativität statt Konsum
Am Freitag startet das kostenlose Theaterfestival Sommerwerft. Mit 300 Künstlerinnen und Künstlern ist es noch größer als im vergangenen Jahr. Und auch hier ist das Thema Klimaschutz angekommen: Durch eine Neuerung werden in diesem Jahr 36 000 Kilogramm CO2 eingespart. – Weiterlesen >>
Text: ez / Foto: Stefano Strampelli
 
 
 
Haus am Dom: Sommerkino auf der Dachterrasse
0
Filme voller Musik, Liebe und Politik
Sommer ist Freiluftkino-Zeit: Auf der Dachterrasse des Hauses am Dom werden auch in diesem Jahr wieder Filme unter freiem Himmel gezeigt. Von 19. Juli bis 11. August werden acht verschiedene Filme auf die Leinwand projiziert. – Weiterlesen >>
Text: hes / Foto: D. Wiese-Gutheil/Haus am Dom
 
 
Interview mit Initiator vom Burg Herzberg Festival
0
Love and Peace
Das Burg Herzberg Festival feierte schon 2018 seinen 50. Geburtstag, ein Jahr vor Woodstock. Das JOURNAL FRANKFURT sprach mit Gunther Lorz, dem Geschäftsführer des Festivals, das dieses Jahr vom 25. bis 28. Juli im osthessischen Breitenbach stattfindet. – Weiterlesen >>
Text: Detlef Kinsler / Foto: Graham Nash
 
 
<<
<
1  2  3  4  ...  660