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„Dalibor“ in der Oper Frankfurt enttäuscht
 

„Dalibor“ in der Oper Frankfurt enttäuscht

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Hashtag #ganzschönpeinlich

Foto: Monika Rittershaus
Foto: Monika Rittershaus
Die aktuelle „Dalibor“-Inszenierung in der Oper Frankfurt hat den Charme einer Richterin-Barbara-Salesch-Folge aus den frühen 00er-Jahren. Bei der Premiere am gestrigen Sonntagabend konnte Regisseurin Florentine Klepper das Publikum nicht überzeugen.
Sonntagabend. Man freut sich auf eine anregende Premiere in der Oper, möchte sich zurücklehnen, den Sängerinnen und Sängern lauschen, sich von dem Orchester verzaubern lassen und die Alltagssorgen vergessen. Doch dann landet man in „Dalibor“, eine Oper in drei Akten des tschechischen Komponisten Bedřich Smetana, uraufgeführt im Jahr 1868 in Prag, und nun von Florentine Klepper auf die Bühne der Frankfurter Oper gebracht – und man möchte am liebsten ganz schnell davonlaufen. Dass dieser Abend nicht die erhoffte Zerstreuung bringen wird, ist schon nach wenigen Minuten klar. Irgendwie wirkt alles etwas fehl am Platz. Eine derart banale Inszenierung, wie sie am gestrigen Sonntagabend im Opernhaus zu sehen war, hat wohl niemand im Publikum erwartet. Am Ende hagelt es Buhrufe für die Regisseurin.

Dalibor, dargestellt von dem etwas schwach klingenden tschechischen Tenor Aleš Briscein, muss sich vor Gericht wegen Mordes verantworten. Er hat den tyrannischen Grafen auf dem Gewissen. Dessen Schwester Milada (Izabela Matula; überwiegend damit beschäftigt, an ihrem zu engen, pinken Plastikrock zu zuppeln) sagt als Klägerin gegen den geständigen Dalibor aus. Der wird zum Tode verurteilt, das Volk steht jedoch hinter dem Rebellen und auch Milada entdeckt ihre Liebe für den Geächteten und versucht den Mann, den sie ins Gefängnis gebracht hat, zu befreien. Sie stirbt bei dem Versuch – in den Armen ihres Geliebten.

Florentine Klepper hat die tschechische Nationaloper in das 21. Jahrhundert geholt; die ursprüngliche Ritter-Szenerie wird zu einem Potpourri aus Gelbwesten-Aufmärschen, Social Media Hate Speech und Fake News. Das Gerichtsverfahren wird in ein Fernsehstudio verlegt, unzählige Kameras sind auf Dalibor gerichtet, König Vladislav (Gordon Bintner) wird zu einem schillernden Anchorman, das Studiopublikum entscheidet mit Likes und Dislikes über die Zukunft des Angeklagten. Das könnte alles sehr aktuell und politisch sein, eine moderne Interpretation, die uns die eigene Manipulierbarkeit und Oberflächlichkeit vor Augen führt – wenn es bloß nicht so unglaublich schlecht gemacht wäre.

In dicken roten Lettern leuchtet den Zuschauerinnen und Zuschauern „TV Tribunal“ von mehreren Bildschirmen entgegen. Als es an das Urteil über Dalibor geht, zeigen die Bildschirme verschiedene Hashtags, die derart affig sind, dass man sich fragen muss, ob die Regisseurin in den vergangenen 15 Jahren am digitalen Leben teilgenommen oder doch eher in einem Elfenbeinturm verbracht hat. #eristsosüß prangt unter einem dicken, grünen Daumen und soll wohl darstellen, welch großen Einfluss die sozialen Medien heutzutage auf die gesellschaftliche Meinungsbildung haben. Leider hat dieses TV Tribunal dabei den Charme und die Aktualität einer Richterin-Barbara-Salesch-Folge aus den frühen 00er-Jahren. Massives Fremdschämen inklusive. Dass das empörte Volk in einem Akt der Rebellion zwischendurch „Fuck the System“ an die Wand sprayt, macht das Ganze nicht weniger peinlich. Und auch die sehr merkwürdigen Live-Kamera-Mitschnitte/Video-Art-Sequenzen, die immer wieder wackelig im Hintergrund zu sehen sind, sind weder progressiv noch kunstvoll, sondern einfach nur seltsam.

Man könnte nun noch die großen Bemühungen von Dirigent Stefan Soltesz loben oder den überzeugenden Auftritt von Thomas Faulkner in der Rolle des Kerkermeister Beneš, aber eigentlich möchte man sich nur stark schütteln in der Hoffnung, damit die Erinnerungen an diesen Abend von sich abstreifen zu können. Hashtag awkward, Hashtag cringeworthy, Hashtag bitte-keine-Jugendsprache-in-der-Oper.
 
25. Februar 2019, 11.39 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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