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Interview: Corona-Forschung
 

Interview: Corona-Forschung

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Rolf van Dick: „Corona kann krank machen, auch wenn man nicht infiziert ist“

Foto: Privat
Foto: Privat
Rolf van Dick, Professor für Sozialpsychologie und Vizepräsident der Goethe-Universität, beschäftigt sich aktuell in zwei Studien mit der Pandemie. Im Interview spricht er über die Vor- und Nachteile von Heimarbeit und den Umgang mit den Lockerungen.
JOURNAL FRANKFURT: Herr van Dick, aktuell beschäftigen Sie sich in zwei unterschiedlichen Studien mit den Auswirkungen der Corona-Krise und dem Umgang der Bevölkerung mit dieser. Eine der Studien beschäftigt sich mit dem Thema Heimarbeit. Zu welchen Ergebnissen sind Sie und Ihr Team gekommen?
Rolf van Dick: Diese Studie war ursprünglich gar nicht als Corona-bezogene Studie geplant. Es handelt sich dabei um eine Querschnittstudie über berufstätige Menschen, die einen oder mehrere Tage im Homeoffice verbringen. Im Januar und Februar haben wir die ersten Befragungen durchgeführt und uns dann beim Ausbruch der Pandemie gefragt, wie wir weitermachen sollen. Im März haben wir dann weitere Befragungen durchgeführt und konnten die Situationen vor und während der Pandemie miteinander vergleichen. Davor haben die Befragten etwa 20 Prozent ihrer Arbeitszeit regelmäßig in Heimarbeit erledigt, im März waren es 70 bis 80 Prozent der Arbeitszeit. Das ist angesichts der Pandemie kein besonders überraschendes Ergebnis. Allerdings haben viele der Befragten angegeben, dass sie gewisse Dinge, die sie vorher als Vorteile gesehen haben, anschließend weniger als solche wahrgenommen und die Nachteile stärker empfunden haben.

Wie genau hat sich das ausgedrückt?
Personen, die sich stärker mit ihrem Team identifizieren und auch privat miteinander in Kontakt stehen, nehmen die Situation im Homeoffice positiver wahr. Diese Personen haben weniger das Gefühl, sozial isoliert zu sein. Aber nicht jeder pflegt privaten Kontakt zu seinen Kolleginnen und Kollegen oder hat viel Kontakt zu anderen Menschen außerhalb des Arbeitsplatzes. Manche sind wirklich sehr isoliert.

Das hört sich nicht so an, als wäre Homeoffice eine allgemeingültige Lösung für jeden Beruf oder jede Person. Die Krise scheint das zusätzlich hervorzuheben.
Ich bin ein Freund von Heimarbeit, auch weil Vorgesetzte ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern damit auch Vertrauen entgegenbringen. Voraussetzung ist aber, dass diese gut koordiniert wird. So können es sich beispielsweise viele Menschen nicht leisten in der Stadt zu leben und ersparen sich mit Heimarbeit das Pendeln. Auch die Situation zu Hause muss koordiniert werden, sodass zwischendurch auch Familienzeit und Pausen stattfinden können, zu denen man nicht erreichbar sein muss. In der aktuellen Situation, in der auch viele Kinder wegen der Schul- und Kitaschließungen zu Hause sind, bekommen manche Partnerinnen und Partner vielleicht zum ersten Mal mit, welchen Zeitaufwand die Kinderbetreuung bedeutet. Das sorgt für doppelten Stress.

In welchem Bereich zeigen sich die Nachteile von Heimarbeit gerade besonders stark?
Gerade in der Emotionsarbeit, beispielsweise bei Psychotherapie, wäre es eigentlich wichtig, dass sich Klient*innen und Therapeut*innen auch persönlich gegenüber sitzen und nicht nur über ein kleines Video austauschen, auf dem kaum Emotionen erkennbar sind. Das Gleiche gilt aber auch für Kolleginnen und Kollegen untereinander. Manchmal merkt man erst im privaten Gespräch in der Pause, dass es jemandem nicht gut geht und dieser vielleicht mal wieder eine Umarmung braucht.

Sie sind noch mit einer weiteren Studie beschäftigt, die ursprünglich anders geplant war, mittlerweile aber auch einen Corona-Bezug entwickelt hat. Worum geht es bei dieser Studie?
Ursprünglich sollte es in der Studie, die wir in Kooperation mit den Universitäten in Gießen und Hildesheim machen, darum gehen, wie unsere Identifikation mit Gruppen und unsere Gesundheit zusammenhängen. Nun geht es jedoch auch um den Zusammenhalt untereinander in der Corona-Krise. Bisher konnten wir rund 4000 Menschen, auch aus Usbekistan, Kasachstan, Russland, Kanada, den USA, Großbritannien, Australien, Südafrika, Israel und Italien befragen.

Was haben Sie dabei bisher über das Verhalten der Bevölkerung währen der Corona-Krise herausgefunden?
Wir sind bei der Auswertung noch nicht so weit, dass wir sagen könnten, wo nun die Unterschiede zwischen Deutschland und den anderen Ländern liegen. Es ist aber schon ersichtlich, dass die Menschen mit zunehmenden Lockerungen auch sorgloser werden. In erster Linie sollten die Lockerungen dies natürlich auch ermöglichen. Es wurde aber schon deutlich, dass die Menschen sich auch weniger gründlich ihre Hände waschen und nicht mehr so sehr auf die Abstände achten. Wie der Fall in der Baptistengemeinde in Rödelheim beweist, können die Infizierten-Zahlen so auch schnell wieder in die Höhe gehen. Wir haben auch herausgefunden, dass die psychische Belastung durch die Angst vor einer Infizierung durchaus hoch ist. Personen, die unter Ängstlichkeit leiden, berichteten auch häufiger von Krankheitssymptomen. Corona kann krank machen, auch wenn man nicht infiziert ist.

Wie sieht es mit Menschen aus, die mit Risikogruppen arbeiten, leben oder selbst dazugehören? Ist die Vorsicht auch bei ihnen zurückgegangen?
Diese Personen haben sich von vorne herein bereits stärker an die Regelungen gehalten, aber auch da gibt es mittlerweile einen Rückgang, wenn auch einen leichteren. Auffällig war in dieser Gruppe aber, dass die Risikogruppen und deren Angehörige eher zu Hamsterkäufen neigten.

Denken Sie, dass die Lockerungen zu früh beschlossen wurden?
Ich glaube, es war wichtig, die Lockerungen durchzuführen. Allerdings könnte die Einführung der Maskenpflicht auch dazu führen, dass die Menschen sich zu sehr in Sicherheit wiegen und weniger auf andere achten. Problematisch ist zudem, dass die Politikerinnen und Politiker nicht mehr so klar mit einer einheitlichen Stimme kommunizieren wie zu Beginn. Nicht nur von Land zu Land, sondern auch innerhalb einer Landesregierung oder sogar innerhalb einer Partei gehen die Meinungen mittlerweile sehr auseinander. Das finde ich problematisch. In solchen Situationen ist es grundsätzlich besser, mit einer Stimme an die Öffentlichkeit zu treten.
 
26. Mai 2020, 12.54 Uhr
Johanna Wendel
 
Johanna Wendel
Jahrgang 1993, Technikjournalismus-Studium an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, seit Januar 2019 beim Journal Frankfurt. – Mehr von Johanna Wendel >>
 
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