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Foto: Wolfgang Uhlig
Foto: Wolfgang Uhlig

Gespräch mit Laura Cazés

„Feminismus spielt in jeder Lebensrealität eine Rolle“

Laura Cazés ist für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und die European Union of Jewish Students tätig. Mit uns hat sie darüber gesprochen, warum sie sich von populistischen Parolen nicht beeindrucken lässt und weshalb Feminismus uns alle angeht.
JOURNAL FRANKFURT: Laura, gleich eine schwierige Frage zu Beginn: Siehst du dich selbst zuerst als Deutsche, Jüdin oder Feministin?

Laura Cazés: Das kommt darauf an, wann du mich fragst. Die Frage, ob ich Deutsche bin, werde ich dir jeden Tag anders beantworten. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich habe einen deutschen Pass, meine Muttersprache ist Deutsch. Ich denke und träume deutsch. Ich entscheide mich bewusst dafür, in Deutschland zu leben. Für mich gibt es keine Debatte um gehen oder bleiben. Für mich entscheidet sich mein Deutschsein daran, ob es für mich in dieser Gesellschaft einen Platz gibt – und diesen Platz muss ich mir immer wieder erstreiten.

Liegt das an deiner jüdischen Herkunft?

Es liegt auch daran, dass ich Jüdin bin. Mein Jüdischsein ist für mich mehr als die Religion. Mein Glaube ist ein Prozess, der sich in einer ständigen Entwicklung befindet, ein ganzes Leben lang. Ich bin immer Jüdin, aber mein Jüdischsein steht nicht unbedingt immer an erster Stelle. Dieses Erstreiten meines Platzes in der Gesellschaft hängt aber auch damit zusammen, dass mein Vater Ausländer ist, mein Nachname nicht Deutsch klingt und meine Mutter in ihrer Jugend zuhause Jiddisch, aber in der Schule Bayrisch gesprochen hat. Die deutsche Gesellschaft muss mich aushalten können, ich will es den Menschen zumuten können, dass ich Deutsche bin. Dazu gehört aber auch, dass nicht gesagt wird: „Zwei Schulstunden zum Holocaust reichen, irgendwann ist auch mal gut.“

Und wann bist du in erster Linie Feministin?

Gute Frage. Wann bin ich keine Frau? Es gibt Kontexte, in denen ich mein Frausein weniger erstreiten muss. Das gleiche gilt aber auch für mein Jüdischsein. Die Mehrheitsgesellschaft bietet Situationen, in denen mein Geschlecht oder meine jüdische Herkunft nicht hinterfragt werden, in der ganz selbstverständlich ist, wer ich bin, ohne, dass ich mich extra positionieren muss. In einer solchen Umgebung stehen meine Stellungen als Frau oder als Jüdin nicht an erster Stelle. Aber wie gesagt: Es kommt darauf an, wann du mir diese Frage stellst. Alle drei Aspekte gehören zu meinem Identitätsverständnis.

Würden deine Eltern dein Verständnis von Herkunft und Identität teilen?

Meine Eltern sind ganz anders aufgewachsen als ich. Die Vorfahren meines Vaters waren türkische Juden, die irgendwann nach Argentinien emigrierten. In Buenos Aires gibt es eine unglaublich große jüdische Gemeinde. Mein Vater würde immer sagen, dass er zuerst Argentinier und dann Jude ist – einfach, weil sein Jüdischsein für ihn so selbstverständlich ist und von ihm nie erkämpft oder hinterfragt werden musste. Meine Mutter wuchs mit einem ganz anderen Verständnis auf. Ihre Eltern waren polnische Juden, die die Shoah in Russland überlebt haben. Nach dem Krieg wollten sie in die USA oder nach Israel auswandern, sind aber, wie so viele, in Deutschland gestrandet – im tiefsten Niederbayern. Für die Identität meiner Mutter war das eine ganz merkwürdige Situation. Daheim sprach sie Jiddisch, in der Klosterschule, die sie aus Mangel an Optionen besuchen musste, Bayrisch. Und das in den 1960er-Jahren, in denen der Umgang mit jüdischem Leben ein ganz anderer war als heute. Ich hatte das Glück, in Frankfurt in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem ich das Gefühl hatte, dass es ganz normal ist, dass ich Jüdin bin. Dieses Privileg hatte meine Mutter nicht.

Du hast die Jüdische Schule besucht. Die stand auch damals schon unter Polizeischutz. Wächst man in einem solchen Umfeld nicht wie in Watte gepackt auf?

Für uns Kinder war es vollkommen normal, morgens zuerst die Polizisten zu begrüßen, dadurch habe ich mich aber nie bedroht oder eingeengt gefühlt. Für Juden sind solche Maßnahmen alltäglich. Man kann trotzdem selbstbestimmt aufwachsen und Teil einer Stadt und ihrer Gesellschaft sein. Da es zu der Zeit noch keine weiterführende jüdische Schule gab, bin ich nach der sechsten Klasse auf die Elisabethenschule im Nordend gewechselt. Unsere Schule war sehr divers. Für meine Mitschüler und die Lehrer war es selbstverständlich zu wissen, wann wichtige jüdische, aber auch muslimische Feiertage sind. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ich mich als Jüdin vollkommen normal gefühlt habe. Das hat für mich immer dazu gehört – das hat für mich immer zu Frankfurt gehört.

Ich muss zugeben, dass es für mich schwer vorstellbar ist, in einem solchen Kontext aufzuwachsen, immer mit dem Gefühl, besonders geschützt werden zu müssen, und dabei nicht überängstlich zu werden.

Dieses kindliche Empfinden lässt sich nur schwer erklären. Natürlich hat der Polizeischutz vor der Schule mein Sicherheitsverständnis geprägt, das bezieht sich aber nicht nur auf das jüdische Leben. Sicherheit ist immer ein höchst subjektives Gefühl. Man kann meiner Generation vieles vorhalten, aber nicht, dass wir mit einem naiven Weltbild aufgewachsen sind. Deswegen lasse ich mich auch nicht davon beeindrucken, wenn Populisten plötzlich eine bestimmte Gruppe diffamieren und sie als pauschal gefährdend darstellen wollen. Solche Diskussionen sind politisch gerade sexy, erklären aber nicht, warum die Polizei schon in den 90er-Jahren vor meiner Schule stand. Heute sind die Muslime die Schuldigen, morgen vielleicht wieder die Juden. Wenn die AfD sich als der einzige Garant jüdischen Lebens positionieren will, kann ich nur fragen: „Wollt ihr uns eigentlich für dumm verkaufen?“

Dein großes Thema, dem du dich inzwischen auch beruflich widmest, ist der Feminismus. Ende Februar findet ein Jewish Women Empowerment Summit statt, den du mitgeplant hast. Hast du das Gefühl, dass die Nachfrage nach diesem Thema in der jüdischen Gemeinschaft groß ist?

Die Nachfrage ist enorm, nicht nur in der jüdischen Community. Es ist aber schon spannend, sich gerade als Jüdin zu feministischen Fragen zu positionieren. So versteht die Mehrheitsgesellschaft, dass jüdisches Leben komplexer ist als die Fragen, zu denen Jüdinnen und Juden meist befragt werden. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hatte in den vergangenen Jahrzehnten ganz andere Fragen zu klären. Die Shoah ist noch kein ganzes Menschenleben her. Bisher war kein Platz für andere Themen. Ich mache als jüdische Frau aber genau dieselben sexistischen Erfahrungen wie eine nicht-jüdische Frau. Und ich mache diese Erfahrungen in jüdischen Settings genauso wie in einer nicht-jüdischen Umgebung. Es ist ganz egal, mit wem du sprichst, dir sagt jeder das gleiche: das Thema betrifft uns alle in unserem ganz alltäglichen Leben.

Denkst du, der Feminismus ist der große Kampf, den unsere Generation ausfechten muss?

Wir tun es bereits! Feminismus hat sich keiner ausgedacht. Wir feiern gerade 100 Jahre Frauenwahlrecht. Die Grenzen, die wir heute einreißen müssen, sind ganz andere als die unserer Vorgängerinnen und Vorgänger. Heute ist es möglich, dass eine 29-jährige Frau Chefredakteurin oder in den Kongress der USA gewählt wird. Warum haben wir trotzdem das Gefühl, dass wir noch nicht fertig sind? Warum ist es wichtig, zu betonen, dass solche Dinge möglich sind, obwohl es doch eine Selbstverständlichkeit sein sollte? Warum müssen wir unsere Kämpfe noch immer kämpfen? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen, weil ich mir denke: „Und in 20 Jahren? Worüber sprechen unsere Kinder dann?“ Die Debatten finden heute viel subtiler statt. Die Probleme sind weniger offensichtlich als noch vor 50 Jahren. Für uns heißt das, dass wir auf ganz andere Art und Weise klarmachen müssen, dass eine Positionierung eben nicht schwarz oder weiß ist, dass Feminismus nicht bedeutet, Männer zu hassen, dass es aber auch nicht nur trendiger Zeitgeist ist. Das Thema ist eben noch nicht vom Tisch. Feminismus spielt in jeder Lebensrealität eine Rolle, da stecken wir alle mit drin.

Das Gespräch führte Ronja Merkel.

Laura Cazés, 28, Referentin für Verbandsentwicklung bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Vorstandsmitglied der European Union of Jewish Students

Das Interview mit Laura Cazés erscheint als Teil unserer Reihe „Gesicht zeigen! Warum Antisemitismus und Rassismus in Frankfurt keinen Platz haben“. In den kommenden zwei Wochen veröffentlichen wir an dieser Stelle Gespräche mit verschiedenen Akteuren, die sich im Kampf gegen Diskriminierung engagieren. Die aktuelle Print-Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT widmet sich diesem Thema in einer 22-seitigen Porträtstrecke.
 
4. Februar 2019, 00.27 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, von September 2018 bis Juni 2021 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
 
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