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Gesellschaft
 

Corona: Gedenken

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Totenleuchten

Foto: Joachim Brenne
Foto: Joachim Brenne
Seit Beginn der Pandemie sind in Deutschland fast 39 000 Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Der Schriftsteller Christian Y. Schmidt möchte die Verstorbenen sichtbar machen. Auch in Frankfurt erinnern seit kurzem Kerzen an die Toten.
Vor bald genau einem Jahr hat das Coronavirus Deutschland erreicht: Am 27. Januar 2020 wird ein 33-jähriger Bayer positiv getestet. Einen Monat später werden auch in Hessen die ersten Infizierungen bekannt. Den ersten Todesfall im Zusammenhang mit Covid-19 verzeichnet Hessen am 17. März. Heute, Stand 8. Januar 2021, betrauert Deutschland insgesamt 38 795 Corona-Tote; allein in Hessen sind es 3349 Menschen, die in Folge der Pandemie gestorben sind. Zum Vergleich: Die besonders verheerende Grippewelle von 2017/2018 hat rund 25 000 Menschen das Leben gekostet – ohne Kontaktbeschränkungen oder andere ähnliche Maßnahmen.

Wirft man einen Blick auf die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut täglich veröffentlicht, steht zu befürchten, dass wir bis zum Ende dieser Pandemie, das sich voraussichtlich erst nach umfangreichen Impfungen einstellen wird, noch wesentlich mehr Menschen zu betrauern haben.

Im Frühjahr gingen Bilder aus Bergamo um die Welt: Die italienische Armee musste die Covid-19-Toten in Militärlastern abtransportieren; die Stadt mit rund 120 000 Einwohner:innen kam mit den Bestattungen nicht hinterher. Ähnlich dramatisch verhielt sich die Situation in New York. Anfang April starben dort teils 500 bis 600 Menschen täglich, Bürgermeister Bill de Blasio warnte angesichts fehlender Beatmungsgeräte und überfüllter Betten vor dem Kollaps.

Corona-Tote sichtbar machen

Doch wie geht Deutschland mit der immer weiter steigenden Zahl der Corona-Toten im eigenen Land um? Laut Christian Y. Schmidt, Journalist und Buchautor, sei das allgemeine Entsetzen angesichts der sich im Ausland abspielenden Dramen größer als das im Hinblick auf die hierzulande zu verzeichnenden Toten. Ein Umstand, der sich ändern müsse; auch, um die Notwendigkeit verschärfter Maßnahmen zu betonen.

Gemeinsam mit der Künstlerin Veronika Radulovic hat Schmidt die Aktion #CoronaToteSichtbarMachen initiiert; jeden Sonntag ab 16 Uhr werden für die an Covid-19-Verstorbenen Kerzen aufgestellt. Zunächst nur in Berlin, sukzessive in immer mehr deutschen Städten und Gemeinden. Auch in Frankfurt, am Friedberger Platz, erinnern seit kurzem Grablichter mahnend an die Schrecken der noch längst nicht beendeten Pandemie.

„Die Zahl der Corona-Toten wird täglich lapidar in den Medien durchgegeben, als handle es sich um eine Wasserstandsmeldung“, kritisiert Christian Y. Schmidt. Bereits zu Beginn der Pandemie hatte Schmidt, der normalerweise in Peking wohnt und dort auch den Ausbruch des Coronavirus erlebt hat, den Europäer:innen, insbesondere den Deutschen, vorgeworfen, die durch das Virus bestehende Gefahr nicht ausreichend ernst zu nehmen.

Noch vor einem Jahr hätte er sich nicht vorstellen können, Kerzen für Verstorbene aufzustellen, doch es sei wichtig, die Zahl der Corona-Toten der Bevölkerung ins Bewusstsein zu rufen. Einerseits, um eine Möglichkeit des Trauerns anzubieten, andererseits aber vor allem, um den Druck auf die Politik zu erhöhen, sagt Schmidt.

Querdenkern entgegenstellen

„Die Querdenker produzieren mit ihren Demos enorm viele starke Bilder und erwecken den Eindruck, als bildeten sie die Mehrheit. Dem ist aber nicht so. Tatsächlich sind die meisten Menschen für eine Verschärfung der Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Aber diese Befürworter kommen derzeit natürlich nicht für Demos zusammen, entsprechend fehlen die Bilder, die es in die Medien schaffen“, erklärt Schmidt die ursprüngliche Idee für die Aktion im öffentlichen Raum. Es sei diese Unsichtbarkeit, die es den Corona-Leugnern erleichtere, das Virus zu verharmlosen und die es gleichzeitig den Behörden erschwere, die notwendigen Maßnahmen im Kampf gegen Corona zu ergreifen.

In Frankfurt organisiert Joachim Brenne das Gedenken am Friedberger Platz. Noch stehen dort nur wenige Kerzen, doch immerhin hielten viele Passantinnen und Passanten inne und stünden eine Weile im Kerzenschein, berichtet Brenne. Es brauche jedoch noch wesentlich mehr Menschen, die sich für die Initiative engagieren, betont Christian Y. Schmidt. Der Schritt, über Kommentare und Bekenntnisse in den sozialen Medien, hinauszugehen und in der realen Welt aktiv zu werden, sei für viele größer als Schmidt zunächst angenommen hatte.

Dabei, so betont er, gehe es bei dieser Aktion ganz klar nicht um bestimmte politische Meinungen oder Parteizugehörigkeiten, sondern schlicht darum, aufzuzeigen, dass die Pandemie eben keine „Naturkatastrophe“ sei und dass, so ist Schmidt überzeugt, „viele Tote hätten verhindert werden können, wenn die Politik rechtzeitig gehandelt hätte“.
 
8. Januar 2021, 12.47 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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