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Gesellschaft
 

Christian Y. Schmidt

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„Letztlich sterben immer die anderen“

Foto: Christian Y. Schmidt
Foto: Christian Y. Schmidt
Wenn Christian Y. Schmidt nicht gerade in China den Spuren deutscher Kommunisten folgt, schreibt er Bücher und denkt über den Tod nach. Und über das Coronavirus, dessen Ausbruch er in Peking miterlebt hat.
Eigentlich sollte Christian Y. Schmidt gar nicht mehr leben. Zumindest war er vor nicht allzu langer Zeit von seinem baldigen Ableben überzeugt, was sich, glücklicherweise, nicht bewahrheitet hat. Die Auseinandersetzung mit dem möglichen Tod war dennoch von Vorteil, denn daraus entstand sein im März bei Rowohlt erschienenes Buch „Der kleine Herr Tod“. Aber von vorn: Im April 2018 erschien Schmidts erster Roman „Der letzte Huelsenbeck“. Eine düstere, dabei aber auch komische und wunderbar absurde Geschichte, die mit einer Beerdigung beginnt und sich im Wesentlichen mit dem Tod des Ich-Erzählers befasst, der passenderweise im gleichen Alter ist wie der Autor. Vielleicht lag es an dieser Omnipräsenz des Jenseits, dass bei dem inzwischen 64-Jährigen die Überzeugung reifte, bald sterben zu müssen. „Ich dachte damals, jetzt geht es zu Ende“, erzählt der ehemalige Titanic-Redakteur. „Einige meiner Freunde waren gerade 60 geworden und sind kurz darauf verstorben. Ich musste aufgrund einer Darmerkrankung Antibiotika nehmen, kam kaum noch die Treppe hoch, meine Blutwerte waren im Eimer. Wie groß der Anteil einer Depression war, kann ich nicht sagen. Es gab keine diagnostizierte Lebensgefahr durch einen Arzt, aber ich war überzeugt, ich erlebe die Veröffentlichung meines Romans nicht mehr.“

Er habe, so sagt er heute, unterschätzt, wie anstrengend es ist, einen Roman zu schreiben, permanent in dieser anderen Welt und in dem eigenen Kopf zu leben. „Wenn man dann noch zu Hypochondrie neigt, steigert man sich schnell in etwas rein.“ Um sich abzulenken, und weil er kaum ansprechende Bücher über das Jenseits finden konnte, begann Schmidt parallel zur Arbeit am Huelsenbeck mit der Skizzierung des kleinen Herrn Tod. Einem „Kinderbuch für Erwachsene“, wie er selbst sagt. Christian Y. Schmidt kam letztlich wieder auf die Beine, erlebte nicht nur die Veröffentlichung, sondern auch den großen Erfolg des letzten Huelsenbecks und liefert nun nach mit „Der kleine Herr Tod“.

Der Protagonist dieser ebenso schrägen wie berührenden Geschichte durchlebt eine echte Krise. Der kleine Herr Tod hat zwar Sterbologie und im Nebenfach Death Metal studiert, dennoch ist er in der Unterwelt nur für die Hühner zuständig. Die sterben dank Massentierhaltung, nun ja, massenweise und bescheren dem armen kleinen Herrn Tod so irgendwann einen Burnout. Im von Hades verordneten Erholungsurlaub trifft der kleine Herr Tod den 13-jährigen Bengel. Der ist unheilbar an Krebs erkrankt, von der Chemotherapie gezeichnet und ziemlich wütend. Auch den kleinen Herrn Tod mag er zunächst gar nicht. Das ändert sich, als die beiden entdecken, dass sie Fans der gleichen Death-Metal-Bands sind, selbst eine gründen und gemeinsam auf Tour gehen. Das verläuft so chaotisch, wie man es sich vorstellt. Die Geschichte, anrührend illustriert von Ulrike Haseloff, ringt einem an der ein oder anderen Stelle schon mal eine Träne ab, löst meist aber vor allem ein wohlig warmes Gefühl in der Herzgegend aus.

„In unserer Gesellschaft wird extrem viel verdrängt“, sagt Christian Y. Schmidt über die Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Depression. „Selbst in einem Moment, in dem man sich sagt, dass man irgendwann sterben wird, nimmt man den eigentlichen Tod nicht wirklich ernst. Die Vorstellung, was ist, wenn man nicht mehr ist, funktioniert für uns nicht. Letztlich sterben immer die anderen.“ Das passt seiner Meinung nach auch zum Umgang der Menschen mit dem Coronavirus. Schmidt hat den Ausbruch der Pandemie in Peking erlebt, wo er einen Großteil des Jahres mit seiner Frau wohnt. Während das Epizentrum Wuhan abgeriegelt wurde, glaubte man in Europa noch nicht, dass das neuartige Virus auch für uns eine Gefahr werden könnte. „Nicht gefährlicher als die Grippe“ zitierte auch das JOURNAL FRANKFURT noch Ende Januar das deutsche Bundesgesundheitsministerium.

Christian Y. Schmidt prophezeite da bereits einen weltweiten Lockdown. „Mich haben am Anfang alle für durchgeknallt gehalten. Es war nicht besonders schwierig, die weitere Entwicklung abzuschätzen. Ich hatte ja den Vorsprung durch meine Erfahrungen in China“, erklärt Schmidt. „Wir hatten diese Phasen von ‚das wird schon nicht so schlimm‘ bis hin zum Lockdown bereits hinter uns.“ Europa habe die Gefahr viel zu lange unterschätzt, auch das hiesige Bundesgesundheitsministerium habe zu langsam reagiert. Dass Deutschland die Lage nicht im Griff habe, sei ihm spätestens klar geworden, als er am 12. Februar mit einer Maschine aus Peking in Berlin landete und die aus dem Hochrisikogebiet Einreisenden ohne weitere Hygiene- oder Sicherheitsmaßnahmen einfach passieren konnten.

Wie es in den darauffolgenden Wochen weiterging, muss an dieser Stelle nicht noch einmal breitgetreten werden, den relativierenden Vergleich mit der Grippe ziehen inzwischen nur noch besonders Hartgesottene herbei; die Verschwörungstheorien erleben eine neue Hochkonjunktur. Christian Y. Schmidt sitzt derweil in Berlin fest. Die Lesungen zu „Der kleine Herr Tod“ finden ausschließlich als Online-Streams statt und das bereits bei Ullstein unter Vertrag genommene nächste Buch muss um einige Monate verschoben werden. Ursprünglich sollte bereits am 1. April der Flieger zurück nach Peking gehen, am 12. April wollte Schmidt gemeinsam mit seinem Freund Volker Häring in Guangxi eine 7000 Kilometer-Radtour durch halb China beginnen und den Spuren des Langen Marsches folgen. Genauer gesagt denen des deutschen Kommunisten Otto Braun, der als einziger Ausländer an dem einjährigen Gewaltmarsch teilnahm. „Die Seuche“, wie Schmidt Covid-19 ausschließlich nennt, „hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben unser Projekt nun erst einmal auf den September verschoben und hoffen, dass die Lage es dann zulässt.“

Aktuell besteht noch ein Einreiseverbot für Ausländerinnen und Ausländer nach China, selbst für solche mit einer Aufenthaltsgenehmigung, wie sie Christian Y. Schmidt hat. Bis er wieder ins Land darf, liest er bei Youtube aus seinem aktuellen Werk und signiert Exemplare, die man unter anderem im Bob – Box of Berlin, dem Laden seines Bruders, und bei Bötzowbuch in der gleichnamigen Straße, ebenfalls in Berlin, erwerben kann. Das geht natürlich auch kontaktlos und auf die Ferne online. Und auch die gerade wieder neu eröffneten Frankfurter Buchhandlungen bestellen mit Sicherheit gern dieses tragisch-schöne Werk.

„Der kleine Tod“ von Christian Y. Schmidt ist am 24.3.20 beim Rowohlt Verlag in Berlin erschienen.
 
22. Juni 2020, 12.54 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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