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Foto: Weida
Foto: Weida

Weida in Bornheim

„Wir müssen nicht das 97. Lokal sein, das Tofu anbietet“

Weida (im Blauen Bock) schenkt seit über 100 Jahren Apfelwein an die Nachbarschaft aus. Wie bedroht ist die Apfelweinkultur in Frankfurt? Das JOURNAL sprach mit dem Bornheimer Urgestein Ole Schmitt.
JOURNAL: Herr Schmitt, das Weida existiert seit 1912. Wie kam es zum Apfelweinlokal im tiefsten Bornheim?
Ole Schmitt: Eugen Weida kam eigentlich aus dem Schwäbischen, war aber von der Idee des Apfelweins sehr begeistert. Also bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es die Gaststätte Weida, die allerdings sehr früh damit angefangen hat, neben Apfelwein auch Bier zu verkaufen. Dass man rausgeflogen ist, wenn man ein Bier bestellt hat – diese Kultur gab es in der Weida nicht.

Und wie viel Tradition steckt heute noch im Weida?
Es ist diese Art der Apfelweinwirtschaft. Es gibt große Tische, man trinkt aus dem Bembel, es gibt einen guten Apfelwein und jeder kann sich dazu setzen. Es ist eine Form von Geselligkeit, ein Nachbarschaftslokal und daher auch eine gute Maßnahme gegen Symptome wie Einsamkeit, die sich in der Gesellschaft verbreiten. Man kommt hierher, man kommt ins Gespräch….

Wer kommt hierher?
Es sind unterschiedliche Generationen, unterschiedliche soziale Schichten ... und man kann kommen, wie man will. Also underdressed gibt es nicht, die Leute kommen von der Arbeit, setzen sich, trinken einen guten Apfelwein oder auch andere Getränke und kommen ins Gespräch. Das ist schon ein Ort der Begegnung.

Weida in Frankfurt-Bornheim: Ein Ort der Begegnung

Also eine Art Jugendzentrum für Erwachsene?
Das kann man so sehen. Das ist ein Teil der Apfelweinkultur, wo ein Eingeplackter auch immer dazugehört, wie Friedrich Stoltze das gesagt hat. Allerdings war die Apfelweinküche ursprünglich eine reine Garküche, es gab nichts in der Pfanne. Es gab Sauerkraut, Frankfurter Würstchen oder Rindswürstchen, Kasseler und Rippchen. Das hat sich natürlich verändert.

Inwiefern?
Jetzt gibt es neben der Garküche Schnitzel mit grüner Soße und Bratkartoffeln, das wird in jeder Apfelweinwirtschaft erwartet. Und das ist ja auch ein feines Essen. Von daher hat sich natürlich einiges geändert. Räumlich hingegen hat sich wenig geändert und das ist etwas, was die unterschiedlichen Generationen verbindet. Wir haben ja Gäste, die ihre Konfirmation hier gefeiert haben, jetzt sind sie als Großeltern da. Daran sieht man die Kontinuität.



© red

Wie wichtig ist die Apfelweinkultur für Frankfurt?
Dieses Bedürfnis nach einer Nachbarschaftskneipe ist ja universell. Aber spezifisch frankfurtisch ist tatsächlich die Apfelweinkultur, die ja entstanden ist, als die Reblaus die Weinberge kaputt gemacht hat. Daher hat sich etwas anderes entwickelt und aus der Not eine Tugend gemacht. Spezifisch ist auch, dass man sich einen Schoppe halt immer noch leisten kann. Die spezifische Art eines universellen Bedürfnisses, wenn man so will.

Was ist der Unterschied zwischen Bornheim und Sachsenhausen, also in der Apfelweinkultur?
Ich glaube, ein Unterschied besteht darin, dass wir in Bornheim sicherlich weniger von den Touristen mitbekommen als in Sachsenhausen. Trotzdem gibt es natürlich auch wunderbare Apfelweinlokale, die auch Nachbarschaftslokale sind. Ein Unterschied ist, dass wir in Bornheim nicht unbedingt sagen können: ‚Ach, jetzt ist Messe‘, weil wir das an den Gästen merken. Doch generell das Wichtigste ist, dass das Apfelweinlokal einen guten Apfelwein hat, und nicht etwas, das als Instantpulver angerührt und industriell hergestellt wird.

„Wir müssen nicht das 97. Lokal sein, das Tofu anbietet“

Was mir auffällt, ist, dass ihr euch wenig dem Zeitgeist unterordnet, ihr habt keine vegane Sparte. Wie viel Ärger gibt es bei den Gästen?
Es gibt schon manchmal Nachfragen, denen wir versuchen entgegenzukommen. Tatsächlich haben wir keine vegane Speisen als Hauptgericht, aber Bratkartoffeln und irgendein Gemüse stellen wir auf Wunsch zusammen. Ich glaube aber, wir müssen nicht das 97. Lokal sein, das Tofu oder ähnliches anbietet. Bei uns ist der Schwerpunkt im Sinne der kulinarischen Diversität, dass alte Gerichte nicht verschwinden. Ich merke es an den Reaktionen, wenn jemand sich freut, weil es hier noch Kotelett mit Wirsing gibt. Manche unserer Gerichte sind ansonsten nur präsent in hessischen Kochbüchern, wie etwa Frankfurter Fraß – ein Hackkohl-Auflauf.

???
Man könnte es auch als Hessisch Moussaka bezeichnen: Da kommt Hack mit etwas Worscht und Kohl aus dem Ofen und wird als Auflauf gegessen. Das schmeckt ganz hervorragend, ist aber eine sehr deftige Speise. Man fühlt sich etwas wie ein Archäologe mit dem Auftrag, solch ein Essen zu erhalten.

Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal …
Wir sind sicherlich nicht die Einzigen, die das machen. Nehmen wir ein anderes Beispiel, den kalten Hund, den wir als Nachtisch haben. Das ist Keks und Kuvertüre geschichtet. Auch da gibt es solche Reaktionen, wie ‚Ach, ist das wirklich das, was ich als Kind gegessen habe?‘ Sich ein Stück Kindheitserfahrung zurückholen auf den Teller, das ist auch ein wichtiges Element.

„Die Preise im Einkauf steigen um einiges mehr, als das an die Karte weitergegeben wurde“

Warum machen in Frankfurt trotzdem die Apfelweinlokale zu?
Es gibt einerseits ein großes Bedürfnis nach Apfelweinwirtschaften, das merkt man an der Zahl der Gäste. Andererseits wurden die meisten Preissteigerungen so noch nicht weitergegeben, also nicht in der Höhe, wie der Warenpreis angestiegen ist. Das ist ein ökonomisches Problem.

Wie machen Sie das mit den Preissteigerungen?
Die Preise im Einkauf steigen um einiges mehr, als das an die Karte weitergegeben wurde. Das ist natürlich eine Bedrohung, und da stellt sich bei uns als Nachbarschaftskneipe schon die Frage: Ab wann ist der Punkt erreicht, wo es sich dann nicht mehr jeder leisten kann? Für Schließungen können aber ganz unterschiedliche Gründe jenseits der ökonomischen verantwortlich sein, wie zum Beispiel auch Eigentümerwechsel oder Generationswechsel. Wenn ein Haus verkauft wird, ist immer auch die Apfelweinwirtschaft bedroht.

Das betrifft aber alle Gastronomien …
Ich glaube, man kann halt tatsächlich nicht so einfach eine Apfelweinwirtschaft aus dem Boden stampfen, wie zum Beispiel eine Weinbar. Die muss in den meisten Fällen diese schon gelebte Tradition nicht aufweisen, wie es jetzt hier der Fall ist. Das kannst du nicht abreißen und woanders aufstellen, zumindest ist es deutlich schwerer. Aber ich will nichts gegen Weinbars sagen – da gehe ich auch sehr gerne hin. Aber ist es eben eine andere Institution.

Das Sterben hat also nichts mit Tradition zu tun?
Es ist ein ökonomisches Problem. Und das flächendeckende Sterben von Apfelweinlokalen wäre auch eine gesellschaftliche Tragödie, eine, die die politische und soziale Frage betrifft. Viele kommen ja wegen der Gemeinschaft, und nicht nur, weil der Schoppen bezahlbar ist. Viele wollen ein Gespräch führen, nicht einsam sein… Es wäre eine Katastrophe, wenn die Altersarmut so zunimmt, dass immer weniger sich im Alter so etwas leisten könnten.

Info
Zur Person:

Ole Schmitt ist ein jenseits des Tresens bekanntes Bornheimer Urgestein und Kellner in der Apfelweinwirtschaft Weida (im Blauen Bock).
 
7. April 2024, 15.15 Uhr
Katja Thorwarth
 
Katja Thorwarth
Die gebürtige Frankfurterin studierte an der Goethe-Uni Soziologie, Politik und Sozialpsychologie. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik, politisches Feuilleton und Meinung. Seit März 2023 Leitung online beim JOURNAL FRANKFURT. – Mehr von Katja Thorwarth >>
 
 
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