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Foto: Bernd Kammerer
Foto: Bernd Kammerer

Debatte um das FFGI

Susanne Schröter – Opfer von „Cancel Culture“?

Das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) um Susanne Schröter ist nach der Konferenz „Migration steuern, Pluralität gestalten" in der Diskussion. Wird durch Kritik Wissenschaft „gecancelt“? Islamwissenschaftler Seesemann im Gespräch.
Herr Seesemann, reden wir zunächst über „Cancel Culture“. Was hat Susanne Schröter mit Dieter Nuhr gemein?
Mit Herrn Nuhr beschäftige ich mich nicht. Frau Schröter hat wiederholt beklagt, dass sie „gecancelt“ werden soll, zuletzt nach der öffentlichen Kritik im Zusammenhang mit dem Auftritt Boris Palmers an ihrem Institut. In unserer von 213 Wissenschaftler:innen aus dem In- und Ausland unterzeichneten Stellungnahme haben wir auf die Billigung von Rassismus durch das FFGI hingewiesen.

Wie hat Schröter reagiert?
Frau Schröter erklärte in einem Interview, man wolle sie „als Wissenschaftlerin und als Mensch ultimativ erledigen“. In BildTV bekam sie einen 12-minütigen Auftritt mit dem Teaser „Rufmord-Kampagne wegen Kritik an Migrationspolitik“. Hier wird offensichtlich bewusst übertrieben und an der Empörungsspirale gedreht. Wer solche Plattformen erhält, kann sich eigentlich nicht glaubwürdig als Opfer von „Cancel Culture“ inszenieren. Es wirft auch die Frage auf, ob „Cancel Culture“ nicht vielmehr in umgekehrter Richtung wirksam wird, denn es ist auffällig, dass andere Stimmen kaum in vergleichbar prominenter Weise zu hören sind.

Susanne Schröter vom FFGI: Opfer von „Cancel Culture“?

Das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ hat Anstoß an Ihrer Forderung genommen, die Goethe-Uni solle das FFGI „auf den Prüfstand“ stellen. Wie stehen Sie dazu?
Was wir wirklich gesagt haben, war: Die Leitung der Goethe-Universität solle ihre bislang unkritische Unterstützung des FFGI auf den Prüfstand stellen. Dennoch wurde unsere Stellungnahme als Versuch der Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit gewertet, wobei sich die Frage stellt, welche Definition von Wissenschaftsfreiheit diesem Vorwurf zugrunde liegt. Uns wurde sogar nachgesagt, wir wollten das FFGI als Konkurrenten ausschalten oder es gar übernehmen. Das ist natürlich Unsinn.

Worum geht es dann?
Worum es uns geht, ist ein kritischerer Umgang mit Foren, in denen diskriminierenden Positionen Vorschub geleistet wird. Das sollte Folgen haben für die Vorbereitung von Veranstaltungen, für die Veranstaltungen selbst und auch für die Nachbearbeitung. In unseren Augen hat dieser kritische begleitende Prozess nicht ausreichend stattgefunden. Im Übrigen war in der bisherigen Diskussion nur am Rande von wissenschaftlicher Qualität die Rede. Gerade innerhalb der Islamwissenschaft wird die wissenschaftliche Relevanz der Arbeiten aus dem FFGI nicht sonderlich hoch eingeschätzt. Auch aus migrationswissenschaftlichen Kreisen wurde bereits deutliche Kritik artikuliert.

„Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“ behauptet „Verrohung der Debatte“

Ihnen wird vorgeworfen, „Sprachverbote“ zu befeuern. Zu recht?
Die Klage, man dürfe nicht mehr alles sagen, ist ein beliebter Topos, der mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. De facto wird ja fast alles gesagt, wobei sich die Grenzen des Sagbaren leider in die falsche Richtung verschieben. Es spricht Bände, wenn aus Kreisen des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“ unsere Benennung von Rassismus als „Verrohung der Debatte“ und „absoluter Tiefpunkt akademischer Kultur“ bezeichnet, der rassistische Vorfall selbst aber heruntergespielt und als Einzelfall dargestellt wird. Wir wenden uns dagegen, dass der Deckmantel der Wissenschaftsfreiheit dafür herhalten muss, diskriminierende Sprache und Praktiken zu legitimieren. Diskriminierung ist keine Wissenschaft. Wissenschaftsfreiheit darf nicht mit akademischer Redefreiheit verwechselt werden, und wer etwas sagt, darf nicht damit rechnen, dass es unwidersprochen bleibt.

Bitte erklären Sie uns Ihre Kritik an der Veranstaltung des FFGI: Dort sei „weiße deutsche Nekropolitik“ betrieben worden. Was hat das mit der Angst vor „Sprachverboten“ zu tun?
Es geht nicht um die Verhängung von Sprachverboten, sondern darum, wer überhaupt zu Wort kommt und gehört wird. Wir verweisen darauf, dass die Perspektiven marginalisierter Gruppen in vielen wissenschaftlichen und öffentlichen Foren unterrepräsentiert sind. Nekropolitik beginnt mit der Frage nach der Definitionsmacht: Wer zählt mehr, und wer weniger? Demgemäß variiert der Zugang zu Ressourcen und Privilegien, und letztlich der Wert, der einem menschlichen Leben zugewiesen wird.

„Die Privilegien des einen sind die Marginalisierung des anderen“

Die Privilegien des einen sind die Marginalisierung des anderen; das Leben des einen kann den Tod des anderen bedeuten. In der deutschen akademischen Landschaft bedeutet die Befassung mit Nekropolitik, über Formen und Konsequenzen weißer Deutungshegemonie zu reflektieren. Dabei zeigt sich, dass rassistische Strukturen nach wie vor alle Lebensbereiche durchziehen, einschließlich der Universitäten. Das muss benannt werden dürfen und hat nichts mit Sprachverboten zu tun. Die Empörungswelle, die darauf oft folgt, legt eher nahe, dass die Thematisierung von Rassismus unterbunden werden soll.

Also sollten wir eher über Rassismus und nicht über „Wissenschaftsfreiheit“ sprechen?
Ich sehe nicht, wie die Benennung von Rassismus Prinzipien der Wissenschaftsfreiheit in Frage stellt. Warum sollte die Entlarvung diskriminierender, islamfeindlicher und rassistischer Positionen nicht durch die Wissenschaftsfreiheit gedeckt sein, deren Artikulation aber schon? Wer auf die empirisch belegbare Diskriminierung oder Marginalisierung bestimmter Gruppen hinweist, ist fast routinemäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, Identitätspolitik statt Wissenschaft zu betreiben. Es ist bemerkenswert, wie manche „alte weiße Männer“ – hier zu verstehen als epistemische, nicht als biologische Kategorie – sich darüber erregen und auf ihrer Deutungshoheit beharren, ohne zu merken, dass sie sich dabei selbst identitätspolitisch verorten.

Die problematische Rolle der Wissenschaft ist bisher noch völlig unzureichend aufgearbeitet

Und das FFGI?
Es gehört zu den Anachronismen der Debatte um das FFGI, dass Kritik an Rassismus als Identitätspolitik abgetan wird, während die Kritik am Islamismus, die sich das FFGI gerne auf die Fahnen schreibt, zum heroischen Akt im Kampf für Wissenschaftsfreiheit stilisiert wird. Es ist nicht nachvollziehbar, dass das eine als unzulässige Politisierung und das andere als Imperativ der „objektiven Wissenschaft“ gelten soll.


Welche Rolle spielt Rassismus in der Wissenschaft?

In der Biologie ist die Lehre von unterschiedlichen Menschenrassen längst ad acta gelegt. Historisch gesehen bildeten Versuche vor allem in der europäischen Philosophie und der physischen Anthropologie, die Existenz von Rassen wissenschaftlich zu begründen, die Grundlage für die Kolonisierung und Versklavung von Abermillionen Menschen. Die problematische Rolle der Wissenschaft in diesem Zusammenhang ist bisher noch völlig unzureichend aufgearbeitet, sieht man vom Kreis postkolonial, dekolonial und intersektional arbeitender Wissenschaftler:innen ab. Diese Aufarbeitung zählt zu den Aufgaben heutiger wissenschaftlicher Forschung, ebenso wie die Untersuchung der sozialen Konstruktion von Rasse, um zu zeigen, wie Menschen rassifiziert werden, und wie auf dieser Basis Ungleichheit entsteht.

Zur Person_____________________________________________________________

Prof. Dr. Rüdiger Seesemann hat den Lehrstuhl an der Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Fakultät / Lehrstuhl Islamwissenschaft in Bayreuth inne. Er promovierte in Islamkunde an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Jahr 1993. Seit 2019 ist er Vorsitzender des Exzellenzclusters „Africa multiple“ und hat sich früh in einem Statement zur Konferenz des FFGI, „Migration steuern, Pluralität gestalten", geäußert.
 
2. Juni 2023, 08.21 Uhr
Katja Thorwarth
 
Katja Thorwarth
Die gebürtige Frankfurterin studierte an der Goethe-Uni Soziologie, Politik und Sozialpsychologie. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Politik, politisches Feuilleton und Meinung. Seit März 2023 Leitung online beim JOURNAL FRANKFURT. – Mehr von Katja Thorwarth >>
 
 
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