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Foto: Nicole Brevoord
Foto: Nicole Brevoord

Wie die Natur den Monte Scherbelino erobert

Der Berg lebt und atmet

Bis in den 80er-Jahren haben die Frankfurter ihre Kindheit auf dem Monte Scherbelino verbracht. Dann wurde die Halde wegen austretender Gase gesperrt. Doch jetzt wird das Areal zum Biotop für seltene Pflanzen und Tiere.
Wir wandern über einen asphaltierten Weg an einem idyllischen See mit einer die Fantasie anregenden Insel vorbei und erklimmen einen begrünten 45 Meter hohen Hügel – zumindest bis zum zweiten Plateau und genießen den Ausblick auf Wald und geblümte Wiesen. Eine Oase ganz nah an der Großstadt könnte man meinen, wenn man nicht wüsste, dass es sich bei dem 24 Hektar großen Areal um eine stillgelegte Mülldeponie handelt.



Die Natur hat sich diese Altlast zurückerobert, die Fläche rund um den Monte Scherbelino ist mittlerweile Teil des vom Bundesumweltministerium geförderten Projektes „Städte wagen Wildnis“. Hier darf sich die Natur frei entfalten und hier brütet auch der streng geschützte Flussregenpfeifer und Pflanzen wie Thymian oder Pastinaken haben hier einen Lebensraum gefunden. Am Dienstag nahmen mehr als 80 Bürger an einer Exkursion teil, zu der die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig geladen hatte.



Seit 1992 ist der Monte Scherbelino nicht mehr öffentlich zugänglich – außer bei geführten Touren des Umweltamtes – aber bei vielen Exkursionsteilnehmern kamen Kindheitserinnerungen hoch.

In den 1970er, und 80ern war der Monte Scherbelino ein beliebter Ausflugsort, es gab einen Abenteuerspielplatz in Westernoptik, Familien haben dort Kindergeburtstag gefeiert und gegrillt. Doch als in den 1980er-Jahren festgestellt wurde, dass aus der einstigen Mülldeponie, die nun mit Gras überzogen war, Gase austraten, sperrte man das Areal sicherheitshalber ab. Zwischen 1925 und 1968 wurde auf dem Grundstück an der Babenhäuser Landstraße Haus- und Industriemüll abgeladen, das Umweltbewusstsein war noch nicht so weit entwickelt und nach dem Zweiten Weltkrieg war man obendrein froh, wenn man den ganzen Schutt irgendwohin bringen konnte. Die Vergärung des Mülls sorgte immer wieder für Schwelbrände, die Möwen kreisten über dem Müllberg. Seit den 60er-Jahren wird der Frankfurter Müll im acht Kilometer entfernten Dreieich-Buchschlag entsorgt. Dass Gras über die Mülldeponie mit 18 Millionen Kubikmeter Material wuchs, bedeutete nicht, dass sich die Schadstoffe nicht – befördert durch Regen und Sickerwasser – ihren Weg bahnten. Der jetzt belüftete und von Kanadagänsen besiedelte See, wurde vor Jahrzehnten nicht umsonst Cola-See getauft, so schwarz war das damals brackige Wasser.



Es ist seit der Absperrung für die Öffentlichkeit viel unternommen worden, um die brodelnde Altlast, die genaugenommen ein technisches Gebäude ist, von der umliegenden Natur abzukapseln. Andreas Müller vom Umweltamt erklärt, dass man eine 3,3 Kilometer lange Druckleitung durch den Stadtwald gelegt hat, so dass das Sickerwasser über die Kanalisation letztlich im Klärwerk Niederrad gereinigt werden kann. Zudem wurde eine 1900 Meter lange und 60 Zentimeter dicke mineralische Dichtwand aus Ton und Lösslehm um den Müllberg errichtet, der übrigens auch auf einem Tonboden ruht, der die Schadstoffe nicht ins Grundwasser lässt. Rund 120 Millionen Euro habe diese Sicherungsmaßnahme gekostet und jährlich werde eine weitere Million Euro für die Pflegemaßnahmen aufgewendet. Das Resultat ist auch, dass laut Müller im „Cola-See auch wieder Kleinstlebewesen und Wasserfrösche leben.“ In den kommenden Monaten werde man versuchen, Gas aus dem Berg abzusaugen. Denn bei Hochdruckwetterlagen „atme der Berge aus“. Der Erfolg der Absagaktion sei entscheidend dafür, ob bald wieder mehr Besuchsgruppen Zutritt zu dem Areal finden.



„Am Monte Scherbelino wachsen Kiefern, Buchen, Eichen, die Heckenkirsche und Haselnuss“, erläutert Tina Baumann, Leiterin der Abteilung StadtForst. Der Bewuchs stabilisiere auch den Boden. Damit man mit den Lastwagen den Müllberg ansteuern konnte, waren rund 20 Hektar Wald gerodet worden und diese Fläche überlässt man jetzt wieder der Natur. „Neuntöter und Feldlerchen wurden hier gesichtet und auch Ringdrosseln machen auf ihrem Weg nach Süden hier Rast“, berichtet Indra Starke-Ottich vom Forschungsinstitut Senckenberg. Auch der Schwalbenschwanz-schmetterling komme rund um die Müllhalde häufig vor. Generell wolle man die Artenvielfalt fördern, den Menschen eine Möglichkeit zur Naturbeobachtung geben und das Projekt „Städte wagen Wildnis“ wissenschaftlich begleiten, so dass die Erfahrungswerte auch an andere Städte weitergegeben werden könnten. Der seltene Flussregenpfeifer fühlt sich hier schon wohl, eine Brut habe es schon gegeben, nur das ursprünglich aus den USA stammende kurzfrüchtige Weidenröschen, das sich hier auch heimisch fühlt, macht dem Regenpfeifer zu schaffen, der kann zwischen den hohen Pflanzenranken nämlich nicht mehr seine Feinde erkennen. In einer malerischen Senke hat sich Regenwasser gestaut, wo Mauersegler und Schwalben an diesem heißen Vormittag Wasser schöpfen und sich Libellen tummeln. Ein kleines Naturparadies breitet sich am Fuß eines Müllbergs aus. Ein wirkliches Wunder.
 
19. Juli 2017, 09.10 Uhr
Nicole Brevoord
 
Nicole Brevoord
Jahrgang 1974, Publizistin, seit 2005 beim JOURNAL FRANKFURT als Redakteurin u.a. für Politik, Stadtentwicklung, Flughafen, Kultur, Leute und Shopping zuständig – Mehr von Nicole Brevoord >>
 
 
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