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Foto: Christina Weber
Foto: Christina Weber

37 Jahre Butzenstübchen

„Betreutes Trinken“

Es ist eine der letzten urigen Bierkneipen – das „Butzenstübchen“. Seit 37 Jahren führt Wirtin Renate Altunel das Lokal. Früher war es hier vielen zu teuer, heute kommen gerade Jugendliche wegen der niedrigen Preise.
„Früher“, sagt Renate Altunel, „da hat die ganze Stadt schon mittags getrunken und alle haben schwarze Zahlen geschrieben.“ Auch ihr Geschäft lief damals besser. Vor 37 Jahren hat sie mit ihrem Mann Bülent das „Butzenstübchen“ in der Schäfergasse 22 eröffnet. Damals sei ihr Lokal noch zur Mittagszeit rappelvoll gewesen. Alle Bauarbeiter aus der Umgebung kamen auf ein Schweinekotelett, ein Bier und vielleicht auch einen Schnaps vorbei, „und abends hat der Polier die Rechnung bezahlt“. Immer noch läuft die Kneipe gut. So rosig wie früher sind die Zeiten aber nicht mehr. Essen wird etwa nicht mehr angeboten.

Das Besondere an einem der letzten verbliebenen, urigen Bierkneipen in der Innenstand ist wohl die Mischung der Gäste. Bänker kommen gerne hier her, auch so manch ein Bauarbeiter immer noch. Genauso aber viele junge Leute, die hier „vorglühen“, bevor sie am Wochenende ins Gibson oder ins Travolta weiterziehen. „Die haben eben keine Lust zwölf Euro für einen Longdrink auszugeben“, sagt Altunel. Hier sind die Preise noch bezahlbar – ein kleines Bier gibt es für 1,70 Euro.

Lustigerweise waren es genau die Preise, die anfangs einen bestimmten Kundenkreis fernhielten. Denn das Bier hat 1,30 DM gekostet – gängig war aber nur eine Mark. „Viele kamen rein und knallten eine Mark auf den Tresen. Wenn ich dann gesagt habe, das Bier kostet aber 1,30 DM, hieß es nur: 'Du spinnst doch'“, erzählt die Wirtin. Das habe den Start der „Butze“ erschwert. „Die ersten Jahre saßen mein Mann und ich nur rum und haben Schach gespielt.“ Nach einiger Zeit aber sprach sich rum, dass hier nicht – wie in anderen Pilsstuben – hauptsächlich Alkoholiker und Arbeitslose rumhängen. Denn denen war es ja zu teuer. Also kamen Gäste mit vollerem Portemonnaie. Das Geschäft lief plötzlich.

Heute erinnern nicht nur die Preise an die Zeit von damals, sondern auch die Einrichtung. Alles sieht noch genauso aus wie vor 37 Jahren. Der große Tresen aus Holz, die Barhocker mit schwarzen Lederbezügen sowie die Deko – von alter Coca-Cola-Werbung bis zu wuchtigen Holzrädern. Aber es ist wohl hauptsächlich die Herzlichkeit, die die Gäste immer wieder kommen lässt. Man ist hier eine große Familie. „Betreutes Trinken“, nennt es Altunel schmunzelnd. Einmal sei ein Stammgast in Frankfurt gestrandet – im ICE von München nach Düsseldorf wollte er in Frankfurt nur kurz am Hauptbahnhof etwas zu Essen kaufen. Der Zug aber fuhr ohne ihn weiter und bis auf etwas Kleingeld in der Tasche hatte er alles liegen gelassen. Also fuhr er zu „Butze“. Altunel legte Geld für ein Hotel vor – eine Selbstverständlichkeit für sie. Ebenso wie sie ohne Zögern langjährigen Gästen mal einen Bademantel oder ein paar Hausschlappen ins Krankenhaus bringt, wenn sonst kein Angehöriger da ist, der sich um solche Angelegenheiten kümmern kann.

Aber auch das junge Partyvolk kommt wegen Altunel in die „Butze“, denn hier werden noch Liederwünsche erfüllt. „Ich bin der älteste DJ der Stadt“, sagt die 67-Jährige. 35.000 Titel hat sie parat – es bleibt also kaum ein Wunsch offen. „Es gibt alles, von Schlager über Hardrock bis Mozart.“ Manche Gäste übernehmen auch mal selbst das Ruder und spielen ein paar Songs lang den DJ. Vor fünf Jahren führten die Altunels auch ein weiteres Lokal, den Bit-Garten am Liebfrauenberg. „Aber hier hat mir die Nähe zu den Gästen gefehlt“, sagt die gebürtige Wiesbadenerin. Eigentlich ist sie schon in Rente, aber sie arbeitet trotzdem weiter. Einer der zwei Söhne hilft regelmäßig. Trotzdem wird die Wirtin wohl noch lange in der „Butze“ anzutreffen sein. „Legt euer Geld in Alkohol an – wo sonst gibt es 40 Prozent“, steht auf einem Schild neben der Bar. Solange genug Menschen diesen Rat befolgen, ist die Zukunft der „Butze“ jedenfalls gesichert.
 
4. August 2015, 11.00 Uhr
Christina Weber
 
Christina Weber
Jahrgang 1983, Studium Online-Journalismus, seit 2014 Volontärin beim Journal Frankfurt – Mehr von Christina Weber >>
 
 
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